Die Poly-Szene – Teil 7/7: Was ist Lovebombing? oder: Verlasst die Poly-Szene!

Ein Mensch ist innerhalb einer Gruppe (Berufsgemeinschaft, Bekanntenkreis, Freundeskreis, Gesellschaft) nicht nur steuerbar, indem alle unerwünschten Verhaltensweisen „bestraft“ werden, bis derjenige Mensch diese unterlässt. Die zweite genauso erfolgreiche Methode ist Lovebombing: Alle erwünschten Verhaltensweisen eines Menschen mit übertriebener Zuneigung und übertrieben positiver Aufmerksamkeit zu „belohnen“. Diese Formen der Zuneigung sind dabei sekundärmotiviert: Das Interesse der ausführenden Menschen ist keine gemeinsame Freundschaft oder gar Liebesbeziehung, was die Zuneigung vermittelt, sondern eine Steuerung und Manipulation des angepeilten Menschen.

Jener Mensch fühlt sich dadurch von der Gruppe aufgehoben und in besonderer Weise angenommen. Über diesen Weg können aber Verhaltensweisen eingeschleust werden, die nur bestimmten Menschen in der Gruppe nützen und dem angepeilten Menschen nichts nützen oder sogar schaden. Will dieser Mensch eigene Impulse ausleben, die der Gruppenphilosophie widersprechen, wird die positive Zuwendung als Druckmittel benutzt: „Wir haben uns alle so lieb. Du uns doch auch, oder?!“

Widerspricht der Mensch den geforderten Verhaltensweisen weiter, wird er_sie ab einem Punkt komplett fallengelassen und es werden absolut alle Formen von positiver Zuwendung – auch die, die nicht manipulativ sind – entzogen. Im Extremfall wird der Mensch dann sogar zum „Feind“ der Gruppe erklärt (= eine typische Dynamik von konservativen Religionen und religiösen Sekten).

Hier ist anzumerken, dass Lovebombing innerhalb einer Gruppe meist ein unbewusstes Verhaltensmuster ist. Nur Menschen, die bereits ein fundiertes Wissen in derartigen Psychodynamiken haben, können einen solchen Gruppendruck bewusst und absichtlich erzeugen – welcher freilich nur umgesetzt werden kann, wenn es genug Mitläufer_innen gibt, die so einen „Führer“ unkritisiert walten lassen.

Mein eigenes polyamores Beziehungsleben wurde erst ab dem Zeitpunkt stabil und dauerhaft schön, als wir eine romantisch geschlossene Triade wurden und mit dieser Entscheidung gemeinsam aus der polyamoren Lüge ausstiegen.

Als ich die Veränderung meinen (angeblichen) Freundschaften und (angeblichen) guten Bekanntschaften auf Poly-Veranstaltungen mitteilte, wurde ich von einer Sekunde auf die andere feindselig angestarrt, geschnitten, gemieden und teilweise sogar offen angefeindet: Menschen versuchten uns in Triaden- oder in Pärchenformation aktiv auseinander zu bringen, um damit wieder die ursprüngliche romantische Offenheit herzustellen. Dies geschah durch Aufforderung, nicht beieinander zu sitzen, „nicht so viel Pärchen-Getue zu zeigen“ (während ähnliches Pärchenverhalten bei anderen Menschen nie als Problem gesehen wurde), oder durch bewusstes Dazwischenstellen und Abpassen von meiner Freundin und mir von sich als Traumprinzen gerierenden Männern.

Mein Freund wurde von Männern in der Poly-Szene besonders offen angefeindet – nicht nur durch das übliche Wegdrängen, sondern auch durch abwertende Bemerkungen. Offenbar wurde er als der alleinige Grund wahrgenommen, dass ich nicht mehr romantisch ansprechbar war und daher nicht mehr an „Kuschelhaufen“ teilnahm. Dass ich oder meine Freundin uns genauso bewusst wie er für unsere Konstellation und romantisch geschlossene Ausrichtung entschieden haben, das war ganz offensichtlich uninteressant. Der Gedankengang wird aufgrund der unbewussten Frauenverachtung wohl gewesen sein: „Das sind eh nur Frauen, deren Beziehung zueinander zählt nicht.“

Im Laufe meines Jahres in der Poly-Szene waren einige regelmäßige Veranstaltungen und private Zusammenkünfte zusammengekommen, zu denen ich immer eingeladen war, und wo sich Leute im Vorfeld erkundigten, „ob ich eh wieder dabei sei“. Als ich Maitri und Nemo als meine „plus 2“-Begleitungen mitbringen wollte, und diesbezüglich nachfragte, waren sie nicht eingeladen – „Allein könntest du aber gerne kommen!“. Von anderen Veranstaltungen erhielt ich plötzlich keine neuen Termine mehr, weil die Gastgeber beschlossen hatten, dass ich „nicht dazupassen würde“.

Einige (angebliche) Freunde versuchten mich im Gespräch zu überzeugen, dass mich meine neue geschlossene Beziehungsstruktur in meiner „Freiheit“ einschränken würde, und vermuteten hinter meiner Entscheidung eine Erpressung von Maitri und (vor allem) Nemo. Das war für mich der entlarvenste Moment: Ausgerechnet die Menschen, die mich ein Jahr lang umschwärmt hatten, und jetzt wie eine heiße Kartoffel fallen ließen, wollten mir einreden, dass mich Maitri und Nemo, die meine Gefühle eindeutig erwidert hatten, mich von Anfang an fair behandelt, und mich gepflegt hatten, als ich krank war, unterdrücken und ausnutzen würden.

So wurde sichtbar, dass offensichtlich keine_r der Menschen, die ich aufgrund ihrer vermeintlich freundlichen Handlungen über Wochen und Monate hinweg als gute Bekannte oder sogar Freunde eingestuft hatte, ihr Interesse oder ihre Zuneigung ernst gemeint hatten. Stattdessen war ich auf Lovebombing hereingefallen, wodurch ich als junge, attraktive, tolerante Frau für feige Hetero-Männer Aufmerksamkeit und Sex liefern sollte, ohne dasselbe von ihnen als Gegenleistung zu erhalten.

Ich habe seitdem die Poly-Szene verlassen und kann jedem Menschen nur raten, schleunigst das Weite vor dieser Unglück fördernden Subkultur zu suchen!