Die Poly-Szene – Teil 1/7: Was ist das überhaupt?

Wenn ein Mensch neben einer Liebesbeziehung gleichzeitig noch andere Verbindungen mit Sex pflegt, ist es im Hetero-Mainstream üblich, diese zusätzlichen Verhältnisse zu verheimlichen. Dagegen steht die Grundregel eines polyamoren Lebensstils: Jede_r Partner_in weiß von allen anderen. Heimlichkeit ist tabu.

Nun gibt es in Österreich in allen Landeshauptstädten die sogenannte Poly-Szene mit regelmäßigen Treffen, Stammtischen, Veranstaltungen, Facebook-Gruppen, und ein bis zwei Stammlokalen pro Stadt. Die Szene selbst entstand Anfang der 1990er-Jahre in den USA, und wurde im Laufe der 2010er-Jahre nach Europa importiert. Aus diesem Grund gelangen auch im Jahr 2019 die meisten Ideen und Überzeugungen über das Internet und Bücher aus der US-amerikanischen Szene in europäische Städte.

Hier wie dort ist es dieselbe soziale Schicht, die sich die Poly-Philosophie freudig aneignet: Akademiker_innen in ihren 20ern oder 30ern, mit eigenem Einkommen, die experimentierfreudig sind, und in ihrer „Blase“ bisher wenig Konsequenzen ihrer eigenen Handlungen erfahren mussten – also hauptsächlich (angehende) Bobos. Österreich ist weitgehend ländlich und konservativ geprägt, weswegen die Angehörigen dieses Bildungsbürgertums in das selbstständigere Leben der Städte ausweichen, in die Hauptstadt Wien oder nach Graz, der Stadt mit den zweitmeisten Studierenden. Deswegen hat die Poly-Szene Wiens die meisten Mitglieder – und eine hervorragende Vernetzung mit der Szene in Graz. Da dieselben Menschen genauso anderen Subkulturen offen sind, laufen sich Poly-Interessierte in solch verhältnismäßig kleinen Städten bei Veranstaltungen anderer kreativer Subkulturen (Aktivismus linker Parteien, Poetry Slam, queere Szene, Gothic/Schwarze-Szene, Goa-Festivals, BDSM) leicht über den Weg.

Nachdem ich allerdings ein ganzes Jahr meines Lebens (August 2014 – September 2015) fast jedes Wochenende in der Poly-Szene Wiens verbracht habe, unter der Woche bei vielen Aktivitäten mitgemacht, und zum Schluss auch mitorganisiert habe, kann ich als Meinung darüber lediglich weitergeben: Ignoriert diese Szene, wenn euch eure emotionale Gesundheit am Herzen liegt!

Unter der schimmernden Oberfläche entpuppte sich nämlich ein ganz anderes Bild.

Entgegen ihres Kredos hat die Poly-Szene nicht einmal den Furz einer Ahnung, wie eine ernsthafte Liebesbeziehung mit mehr als einem Menschen gleichzeitig gelingen kann. Schlimmer noch, denn die am häufigsten vertretenen Meinungen und Überzeugungen sind destruktive Strategien: Sie wirken in ihrer Umsetzung nicht etwa als Unterstützung für Beziehungen, sondern als Beschleunigung von Beziehungstrennungen, egal ob zu zweit, zu dritt oder zu mehrt.

Dazu kommen höchst problematische Gruppendynamiken:

Die Ziele der Veranstaltungen werden auf polyamory.at, einer zentralen Website für die Poly-Szene in Österreich, folgendermaßen erklärt:

Wozu Treffen für Polyamore und Neulinge dienen:

  1. um ähnlich Gesinnte kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen
  2. um einen polyamoren Freundeskreis aufzubauen
  3. um einander gegenseitig Unterstützung bei Fragen zu Polyamorie bieten zu können, z.B. in Form von Gesprächen.

Wozu die Treffen nicht dienen:
Sie dienen nicht zum Aufriss und nicht zur krampfhaften Beziehungspartner*innen-Suche.

Quelle: Richard und Sky (2019) Polyamory.at – Treffen, Stammtische, Gruppen [Online]. Available at https://polyamory.at/in-kontakt-treten/treffenstammtischegruppen (Accessed 29 October 2019).

Aber hier liegt das Problem: Während alle Beteiligten behaupten, dass es auf den Treffen um Austausch, Freundschaft und Unterstützung ginge, und nicht um Aufriss oder krampfhafte Beziehungspartner_innen-Suche, geht es in Wirklichkeit die ganze Zeit um Letzteres. Jetzt kann man sich natürlich fragen, was daran schlimm sei, denn ein Aufriss oder ein_e neue Beziehungspartner_in sind ja etwas Schönes. Das Problem ist nämlich die unbedingte Verheimlichung und Verschleierung dieser Tatsache, wodurch beinahe jede Poly-Veranstaltung zu einem Ort voller unfairer, hinterfotziger und zeitweise sogar übergriffiger Umgangsweisen wird.

Beispiele:

Erkennbar ist das am verbreiteten Slutshaming, das alle Geschlechter gleichermaßen verwenden: Die meisten Menschen in der Szene, die sich als poly identifizieren, grenzen sich bei jeder Gelegenheit scharf von Swingern ab. Dabei muss sich das Gespräch nicht einmal konkret darum drehen – es reicht, wenn jemand über ein cooles erotisches Erlebnis zum Spaß oder nicht ausgelebte sexuelle Wünsche redet, aber mit dem oder den beteiligten Menschen in keiner romantischen Beziehung sein möchte.

Darauf bringt üblicherweise prompt ein_e Zuhörer_in den Hinweis, dass es bei Polyamorie (und speziell hier auf diesem Treffen!) nicht um Sex gehen würde, begleitet von zustimmendem Nicken oder sogar empörten Reaktionen der Umstehenden – was erfolgreich das Thema der erzählenden Person abwürgt und sie in den Augen der Gruppe abwertet.

Wer den Fehler macht und über Swingen konkret redet oder Fragen dazu stellt, bekommt die Abwertung ganz offen zu spüren: Menschen reagieren mit “Swingerclubs sind eklig”, „Igitt, da gehst du hin?“, „Wäh!“, etc. – natürlich ohne jemals einen besucht zu haben.

Menschen, die sich einfach Sex zum Spaß wünschen, werden damit als minderwertig hingestellt, mit der oft zitierten Begründung, dass es bei Polyamorie nur um Liebe gehen würde.

Jetzt kann man anmerken, dass zwar die Art, wie es kommuniziert wird, wertschätzender laufen könnte – aber Menschen, die nur Sex und keine Beziehung wollen, sind doch in der Poly-Szene wirklich falsch, oder?

Nicht wirklich.

Die meisten der Hetero-Männer baggern nämlich alle anwesenden Frauen der Reihe nach an, und immer wieder auch erfolgreich, sodass fremde Menschen am Ende des Abends mit ihrem Aufriss „zu mir oder zu dir“ gehen. Lustigerweise bleiben dabei, trotz der Ausrichtung auf Polyamorie, mehr als zwei Menschen die Ausnahme: Fast immer sind es eine einzelne Frau und ein einzelner Mann –  „die Monogamisten“ beim Fortgehen im Hetero-Mainstream betreiben. Während die Beteiligten also genau das machen, was unter Swingern offen und ehrlich passiert und positiv bewertet wird, wird dasselbe Verhalten in der Poly-Szene nicht nur negativ bewertet, sondern sogar aktiv abgestritten.

Die wenigen, die tatsächlich Gleichgesinnte zum Austausch suchen, ohne hintenrum ein anderes Ziel zu verfolgen, werden jedoch ebenfalls enttäuscht:

Die Mehrheit der Menschen, die regelmäßig die Poly-Szene frequentieren, lästert über den Lebensentwurf der Monogamie und den Hetero-Mainstream, was als gemeinsamer Feind verschiedenste Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Meistens geht es um vergangene gescheiterte Beziehungen, und nicht ausgelebte Wünsche nach Sex und/oder Verliebtheit mit anderen Menschen. Die „Lösung“ für diese Probleme ist dann – da sind sich alle einig – jetzt „poly“ zu sein, oder dass jemand in Wirklichkeit „immer schon poly war“. Die letztere Begründung erklärt alle Probleme einer unglücklichen Beziehung mit einer grundsätzlichen Inkompatibilität mit diem „Mono“-Beziehungspartner_in, womit die erzählende Person jede Verantwortung für eventuelles oder eindeutiges Fehlverhalten (wie eine heimliche Affäre) ablehnen kann.

Was „Ich bin poly“ allerdings konkret bedeuten soll, bleibt bis auf die grobe Beschreibung, für mehrere Verbindungen mit Sex gleichzeitig offen zu sein, in allen Gesprächen vage. Der Grund: Fast jede Person meint etwas Anderes, wenn sie sich selbst als „poly“ bezeichnet:

Der Blogger Oligotropos hat diese Verwirrung in seiner lokalen Poly-Szene in Deutschland ebenfalls beobachtet, und meiner Meinung nach treffend beschrieben:

So gab es dort etwa Liebende, die wie in einer geschlossenen Ehe zu Mehreren lebten. Etliche Menschen sahen sich hingegen als Teile weitverzweigter und offener Beziehungsnetzwerke an. Einige wiederum lebten jedoch nahezu ausschließlich allein und verbanden sich mit jeweils ausgewählten Partner*innen nur auf Festivals, Seminaren oder an besonders gestalteten Wochenenden. Teilweise wurde dazu die unbedingte Deckungsgleichheit mit freier oder universeller Liebe postuliert.

Andere Polyamoristen schienen indessen etwas zu leben, was Swingen nicht unähnlich war, und eine Anzahl führte sogar serielle oder parallele Affären im Namen der Viel-Liebe,
und überhaupt schien die Betonung persönlicher sexueller Aspekte und Freiheiten vielerorts im Vordergrund zu stehen.

Aber dem ungeachtet nannten sich alle stolz Praktizierende der Lebensweise „Polyamory“ – und behaupteten dies besonders vehement und laut in Abgrenzung zu ihren nächsten Nachbarn, die mit entsprechender Leidenschaftlichkeit exakt das Gleiche wiederum für sich in Anspruch nahmen…

Die überall hervortretenden Meinungsverschiedenheiten schienen dadurch die verheißenen Merkmale von Transparenz, Verantwortung und Verbindlichkeit, durch die auch ich einst motiviert zu dem Archipel der Polyamorie aufgebrochen war, auf jederzeit verhandelbare Fußnoten zu reduzieren.

Über diese Bedeutungsunterschiede redet jedoch kaum jemand – die meisten Szenegänger_innen wissen nicht einmal, dass sie existieren. Daran ist erkennbar, dass Menschen in der Poly-Szene keine eindeutige Definition von Polyamorie verwenden und diese Tatsache auch noch verschleiert wird. Dadurch werden Interessent_innen und Anhänger_innen der Poly-Idee im Unklaren über ihre eigene Identität gelassen. Mit der entstehenden Verwirrung lassen sich dann alle möglichen Glaubenssätze begründen oder zumindest nicht widerlegen – es ist ja nie klar, von welchem Wunsch genau die Rede ist.

Beispiele:

Wenn sich ein zusammenstehendes Grüppchen angeregt über Erfahrungen im Hetero-Mainstream unterhält, ist nie ersichtlich, ob jemand mit monogam “Sex mit ausschließlich einem Menschen” oder “eine Liebesbeziehung mit ausschließlich einem Menschen” meint. Dass eine solche Unklarheit ein Problem produziert, ist bisweilen an geradezu absurden Aussagen erkennbar: So wurden wir zu dritt, als sehr sichtbare händehaltende polyamore Triade, bereits von zwei “Polys” (unabhängig voneinander) naserümpfend als “monogam” bezeichnet, als wir erklärten, dass keine_r von uns weitere romantische Verbindungen eingehen möchte.

Nun könnte man natürlich meinen, dass man solche Unklarheiten durch Nachfragen im Gespräch einfach herausfinden könnte. Als Reaktion auf „Was meinst du damit?“ oder „Was genau verstehst du darunter?“ erhält ein austauschwilliger Mensch allerdings nur überforderte Gesichtsausdrücke und fallweise sogar verärgerte Reaktionen – egal ob es um monogame oder polyamore Themen geht. Hineinfragen wird nämlich als Gesprächsstörung empfunden, weil es aufdeckt, dass es gar nicht so viel Gemeinschaft gibt, wie alle Beteiligten annehmen.

Aus diesem Grund ist das Gemeinschaftsgefühl, das durch „Ich bin poly“-Deklarationen und „Wir gegen die Monogamen“-Gesprächsinhalte hervorgerufen wird, in den meisten Fällen nur Oberfläche. Wer Unterstützung für eine strauchelnde Beziehung und ein ernsthaftes Gespräch sucht, trifft beim vorher ach so sympathischen Gegenüber schnell auf Desinteresse und Ablehnung – die betreffende Person hatte wahrscheinlich die ganze Zeit ein anderes Interesse an Polyamorie, was durch die undifferenzierte Sprache jedoch lang genug verborgen bleiben konnte.

Oligotropos kommt zum selben Schluss:

Was mir aber besonders deutlich wurde war das Dilemma, daß der bloße Begriff der Polyamorie zu Beginn des 21. Jahrhunderts von den Nutzer*innen nicht mehr konsistent verwendet wurde – und also auch nicht mehr in der Kommunikation zum Zusammenfinden Gleichgesinnter und zur Gemeinschaftsbildung taugte.

Quelle: Oligotropos (2019) Eintrag 1 [Online]. Available at http://www.oligoamory.org/2019/03/09/blog (Accessed 29 October 2019).