Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 4/7: Das Poly-Zeitproblem

In Polykülen tritt ab einer bestimmten Anzahl von beteiligten Menschen ein Zeitproblem auf. Mein Freund Nemo hat dieses Zeitproblem in einem mathematischen Modell formuliert:

Legende:

PM_Legende

PM_Paar

 

Eine Paarbeziehung besteht aus 2 Menschen: A und B. Die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen ist dabei gleich groß wie in der Zweierbeziehung. Daher gibt es nur 1 gemeinsamen Space. Die Komplexität des Systems ist also gleich 1.

 

 

PM_Triade

 

 

Eine Triade ist ein Polykül aus den 3 Menschen A, B, C in der Form eines geschlossenen Dreiecks.
Es enthält 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, A+C
Das Gesamtsystem ist das Zu-Dritt: A+B+C

Die Komplexität ist demnach:
3×1 + 1 = 4

 

Soweit sind noch keine metamour-Verbindungen vorhanden. Die häufigste Form, in der dieses Verhältnis vorkommt, ist das V:

Ein V ist ein Polykül aus 3 Menschen, in der Form des Buchstaben V. Es teilt sich in primäre und sekundäre Verbindungen.

PM_V

Primär besteht es aus 2 Paarbeziehungen:
A+B und B+C

Sekundär gibt es aber noch:

  • Das metamour-Verhältnis A+C:
    Diese beiden Menschen müssen schließlich Lebensentscheidungen, die mit B erfolgen, untereinander besprechen können.
  • Das Gesamtsystem aus allen 3 Menschen: A+B+C

Die Komplexität ist also, obwohl es eine Liebesbeziehung weniger als in einer Triade gibt, gleich hoch:
2×1 + 1 + 1 = 4

 

Daraus lässt sich ableiten, dass alle Polyküle aus 3 Menschen, egal ob in einer Triade oder in einem V, in etwa 4mal so komplex sind wie eine Zweierbeziehung.

Dieser Zahlenwert bezieht sich auf alle Lebensbereiche, die in einer ernsthaften Liebesbeziehung vorkommen (sollten): 4mal mehr Zeit, 4mal mehr Beziehungsarbeit, 4mal mehr Vereinbarungen, usw.

Je mehr Menschen ein Polykül enthält, desto höher wird die Komplexität und damit der Zeit- und Energieaufwand.

PM_Reihe

 

Als Beispiel habe ich ein “N”, also ein Polykül aus 4 Menschen in der Form einer Reihe ausgewählt:
Es gibt Mensch A, B, C und D.
Diese Konstellation besteht primär aus 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, C+D
Damit ist die Komplexität erst mal 3×1 = 3.

 

 

Sekundär kommen allerdings noch hinzu:

  • Als metamour-Verbindungen die Kommunikationsebenen zwischen
    A+C, B+D und A+D
  • Und zum Schluss noch das Gesamtsystem aller 4 Menschen: A+B+C+D

Das ergibt in Summe die Komplexität:
3×1 + 3×1 + 1 = 7

Selbst wenn wir realistischerweise davon ausgehen, dass metamours etwas weniger Kontakt zueinander haben als die Paarbeziehungen, und daher auf die Komplexität = 6 abrunden, erfordert diese Konstellation immer noch 6mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie eine Zweierbeziehung.

Ab einem Polykül mit 4 Menschen, die keine Reihe bilden, sondern auch noch untereinander als Paarbeziehungen vernetzt sind, wird es der absolute Overkill:

PM_Viereck

Das Beispiel zeigt 4 Menschen, wo alle mit allen als Liebesbeziehung verbunden sind. Jeder dieser Menschen hat also jeweils 3 Liebesbeziehungen. Damit gibt es zwar keine metamour-Verbindungen, aber 6 Paarbeziehungen, 4 Triaden und 1 Gesamtsystem:

  • 6 Paarbeziehungen:
    A+B, B+C, C+D, A+D, A+C und B+D
  • 4 Triaden:
    A+B+C, B+C+D, A+B+D und A+C+D
  • Und das Gesamtsystem aus allen: A+B+C+D

Die Komplexität ist also:
6×1 + 4×1 + 1 = 11

Also 11mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie in einer Zweierbeziehung. Nicht einmal Milliardäre, deren Existenz nicht an Arbeitszeit gebunden ist, können diese Zeit langfristig aufbringen.

Werden noch weitere Menschen in das jeweilige Poly-Netzwerk aufgenommen, steigt die Komplexität bis ins 100fache.

Dazu behauptet die Poly-Szene:

“Eine Beziehung ist wie eine Kerze in einem dunklen Raum. Je mehr Kerzen ich dazustelle, desto heller wird der Raum und desto erfüllter bin ich.”

Damit ist gemeint, dass ein Polykül tendenziell beliebig um weitere Menschen erweiterbar wäre und dass das dann für die Betroffenen auch noch schön wäre.

Wie oben aufgeschlüsselt, kann das weder mathematisch, noch im echten Leben funktionieren. Diese Philosophie hat meiner Meinung nach daher den Nutzen einer Durchfallerkrankung. Die realistische Konsequenz dieser Haltung ist nämlich entweder der miauende Hund oder (in Folge) der seriell-parallele Durchlauferhitzer.