Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 6/7: Das Energie-Gleichgewicht zwischen Paaren in Polykülen

Wenn Menschen auf der Ebene Liebe miteinander verbunden sind, findet zwischen den beteiligten Menschen ein Energieaustausch statt. Auf den unteren Ebenen der Näheskala passiert dieser zwischen verbundenen Menschen zwar auch, allerdings in wesentlich geringerem Ausmaß.

Weist ein beteiligter Mensch ein energiefressendes Verhalten auf und/oder befindet sich die Paarbeziehung in einem energiefressenden Zustand, hat dies in Polykülen eine Auswirkung, die in Zweierbeziehungen gar nicht vorkommt. Daher bedenken nur wenige Menschen das Phänomen im Zusammenhang mit Polyamorie.

Frisst eine Paarbeziehung überwiegend Energie, kann das folgende Gründe haben:

  1. Sie ist noch im Stadium des Zusammenraufens am Anfang einer Liebesbeziehung.
  2. Es existiert ein darunterliegender ungelöster Konflikt über die gemeinsamen Wünsche.
  3. Einer_m der Beteiligten fehlt etwas ganz Grundsätzliches: Der Wunsch nach Sex und/oder liebevoller Nähe wird nicht (genug) erfüllt.
  4. Die Beteiligten haben Werte aus der Poly-Szene übernommen und definieren sich von vorneherein als “Nebenbeziehung”.
  5. Die Beziehung basiert auf einer sekundärmotivierten Verliebtheit:
    Eigentlich hätten sich die Beteiligten nur Sex zum Spaß miteinander gewünscht.

Auch hier spreche ich aus persönlicher Erfahrung: Mein in Was sind Nebenbeziehungen? erwähnter Hetero-Ex-Freund vereinte Grund 2, 3, 4 und 5 dieser Auflistung in Personalunion – und fraß dementsprechend Energie.

Ein solcher, über einen längeren Zeitraum hinweg energiefressender Zustand ist im Modell der Näheskala ein instabiler Zwischenzustand.

Bei einer Zweierbeziehung ist die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen gleich groß wie das Paar: Es geht an der Basis immer um zwei Menschen. Ist die Paarbeziehung instabil, sind also nur zwei Menschen direkt betroffen – und möglicherweise noch eventuell vorhandene Kinder.

Diese Situation unterscheidet sich stark von der in Polykülen: Alle Polyküle bestehen an ihrer Basis aus mindestens zwei Paarbeziehungen; das Minimum sind also drei Menschen. Ist eine Paarbeziehung davon instabil, beeinflusst das über Energieaustausch auch die weitere(n) Paarbeziehung(en) oder Metamour-Verhältnisse negativ, selbst wenn diese für sich alleine nahezu ideal funktionieren.

Dieser Energieaustausch findet, ähnlich der Osmose in der Chemie, an allen Verbindungspunkten statt. Bei den in Das Poly-Zeitproblem erklärten Grafiken sind das alle Eckpunkte, wo sich zwei oder mehr Linien berühren.

Trifft nun eine energiefressende auf eine energieproduzierende Struktur, setzt das eine eigene unbewusste (!) Dynamik in Gang: Ich nenne sie das Prinzip der verschobenen Grenzen.

Beispiele:

Mensch A und Mensch B haben miteinander eine instabile Paarbeziehung. Sie öffnen diese romantisch, allerdings nicht aus einer Primärmotivation für Polyamorie, sondern aus einer Sekundärmotivation.

Angenommen, dieses romantisch offene Paar lernt einen geeigneten dritten Menschen, Mensch C, kennen. Zwischen Mensch B im Ursprungspaar und dem neuen Mensch C funkt es und sie gehen eine Verbindung auf der Ebene Liebe ein. Damit gibt es auf einmal eine neue Paarbeziehung.

Das Paar kann über zwei Wege Energie produzieren:

  1. Die frische Verliebtheit gibt beiden Menschen neue Energie. Solange die Verliebtheit anhält, produziert sie überwiegend Energie. Diese ist dazu gedacht, die notwendige Beziehungsarbeit und die damit verbundenen Konflikte am Anfang einer Liebesbeziehung anzutreiben, bis die Beteiligten eine stabile Ebene Liebe ausbilden.
  2. Das Paar findet gemeinsame Lösungen für die vorhandenen Konflikte und erreicht damit eine stabile Ebene Liebe. Solange diese Ebene stabil bleibt, produziert sie überwiegend Energie.

Wir haben also das energiefressende Ursprungspaar EF (= Energiefresser) aus Mensch A und Mensch B sowie das neue energieproduzierende Paar EG (= Energiegeber) aus Mensch B und Mensch C.

Das entstandene V-Polykül sieht dann so aus:

Energiefresser & Energiegeber

Wie bei kommunizierenden Gefäßen wandert nun die Energie vom energieproduzierenden zum energiefressenden Paar. Das setzt das Prinzip der verschobenen Grenzen in Gang:

Aus der Sicht von Mensch B, der sowohl Teil von EG als auch von EF ist, wirkt auf einmal der Anteil von Mensch A am Energieminus von EF, also z. B. Verhaltensweisen, die vorher dauernervig, grenzüberschreitend oder respektlos waren, auf den ersten Blick gar nicht mehr so schlimm. Denn Mensch B hat nun mehr als seine eigene Energie zur Verfügung, nämlich die Energie von EG, um das Energieminus in EF auszubalancieren.

Bewusst äußert sich dies durch weniger Genervtheit, Erschöpfung oder destruktive Konflikte (auch unausgesprochene!) innerhalb EF und Uminterpretation von bisher störenden Faktoren zu “Passt eh” oder gar “tolle Eigenheit von Mensch A”. Subjektiv gesehen scheint die EF-Beziehung zwischen Mensch A und Mensch B also plötzlich besser zu funktionieren, obwohl alle energiefressenden Dynamiken natürlich weiterlaufen.

Die andere Seite bleibt davon nicht unbeeinflusst: Die Energie von EG wird schließlich angezapft. Am Anfang kann dies unbemerkt bleiben, da der Energieverlust noch durch Eigenproduktion ausgeglichen wird. Wenn aber daraus ein Energieminus entstanden ist (= EF zieht nicht nur die überschüssige, sondern sogar die benötigte Energie von EG ab), äußert sich dies in plötzlichen Konflikten zwischen Mensch B und Mensch C innerhalb von EG. Diese wurden von Mensch B unbewusst aus der Beziehung mit Mensch A “verschoben” und brechen sich nun bei einem anderen Menschen ihre Bahn. Die EG-Paarbeziehung leidet in Folge unter Genervtheit, Erschöpfung und ebenjenen destruktiven Konflikten und wird dadurch ebenfalls zu einer instabilen Paarbeziehung.

Der einzige Weg, diese Spirale zu durchbrechen, ist, die Ursachen für das Energieminus innerhalb EF zu finden. Die Themen der plötzlichen Konflikte zwischen Mensch B und Mensch C sind dabei ein guter Hinweis – genau diese Themen sind höchstwahrscheinlich das Problem zwischen Mensch A und Mensch B. Die EF-Paarbeziehung muss dann so angeschaut werden, als ob EF eine Zweierbeziehung ohne weitere dranhängende Beziehungen wäre:

  1. Wurde die polyamore Erweiterung aus einer Sekundärmotivation eingegangen?
    (Siehe dazu das Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich?)
  2. Trifft einer oder mehrere der Gründe für eine instabile Paarbeziehung zu?
  3. Wie können wir diese gemeinsam Schritt für Schritt ändern, sodass unsere Beziehung stabil wird?
  4. Könnte ein Coaching oder eine Paartherapie uns in unserer Situation helfen?

Wenn hingegen über keines dieser Themen eine konstruktive Kommunikation (mehr) möglich ist oder eine Liebesbeziehung von vorneherein nicht die passende soziale Verbindung war, bleibt als einzige Lösung die Trennung.

Die Poly-Szene hat für solche Fälle eine eigene Philosophie entwickelt – wenig überraschend ist diese wieder einmal durch und durch dysfunktional: Das Konzept über new relationship energy, abgekürzt NRE.

New relationship energy (engl. für Energie einer neuen, frischen Verliebtheit) beschreibt nämlich genau den Effekt, dass eine energiefressende Beziehung durch die Energie einer neuen Beziehung eine scheinbare Verbesserung erfährt. Angeblich empfinden in so einer Situation dann alle Beteiligten Mitfreude: Alle freuen sich über die Verliebtheit des jeweils Anderen und über die schöne Energie. Falls nicht schon im Vorfeld Grenzüberschreitungen passiert sind (“Ich teile dir mit, mit wem ich außer dir noch zusammen bin, aber dein Konsens dazu ist mir wurscht!”), kann dies tatsächlich der Fall sein – allerdings nur für wenige Tage bis Wochen. Dann kippt das Gleichgewicht, und auch die EG-Beziehung fällt wie die EF-Beziehung ins Energieminus. An diesem Punkt muss natürlich eine neue EG-Beziehung her, die wiederum NRE bereitstellt, usw.

Die jeweilige EG-Beziehung wird also angezapft: Anstatt die Energie der Verliebtheit dem jeweiligen Paar zu lassen (wofür sie eigentlich gedacht ist), fließt diese in fremde, energiefressende Strukturen und verschwindet darin wie in einem schwarzen Loch. Unbearbeitet bewegt sich das gesamte Beziehungsgeflecht über den miauenden Hund und/oder den seriell-parallelen Durchlauferhitzer auf einen emotionalen Atompilz zu, in dem es schlussendlich hochgeht.