Die Näheskala – Teil 3/3: Stabil oder instabil – das ist hier die Frage

Wie die stabilen Zustände funktionieren

Ist die Erreichung einer höheren Ebene im Interesse aller Beteiligten, muss Arbeit und Energie investiert werden, um die gewünschte Ebene in einen stabilen Zustand zu bringen und in diesem zu halten. Ein stabiler Zustand von 1 bis 6 ist daran erkennbar, dass die dazugehörigen Handlungen zwar einen Energieaufwand benötigen, aber in Summe mehr Energie produzieren, als am Anfang vorhanden war.

Beispiele:

Für eine stabile Ebene 5 (Freundschaft) müssen Termine organisiert und wahrgenommen werden – das kostet Zeit und Energie. Dafür wirken mehrere gemütliche Abende mit Freunden in Summe entspannend und energiegebend (akute Krisen wie Unterstützung nach einer Trennung oder einem Trauerfall ausgenommen), sodass die beteiligten Menschen “mit Energie aufgetankt” nachhause gehen.

Wie die instabilen Zwischenzustände (nicht) funktionieren

Auf der Näheskala gibt es neben den stabilen Stufen 1 bis 6 noch instabile Zwischenzustände. Ein instabiler Zwischenzustand entsteht meistens, wenn nur die Handlungen einer bestimmten Ebene miteinander geteilt werden, die gegenseitigen Wünsche und Erwartungen oder das gemeinsame Interesse allerdings nicht derselben, sondern einer anderen Ebene entsprechen.

Stabile Zwischenzustände gibt es per Definition nicht: Befinden sich Menschen auf einer Zwischenstufe, hat diese automatisch ein Ablaufdatum. Je nach den Handlungen steigt sie danach entweder auf die nächsthöhere oder fällt auf eine der niedrigeren stabilen Ebenen von 1 bis 6. Das Zurückfallen auf eine niedrigere Stufe, wenn ursprünglich eine höhere Stufe gewünscht war, ist üblicherweise mit emotionalem Schmerz in verschiedenen Größenordnungen verbunden.

Instabile Zwischenzustände sind daran erkennbar, dass sie in Summe keine Energie freisetzen, sondern überwiegend Energie fressen. Dieser erhöhte Energieverbrauch kann ein notwendiges Durchgangsstadium sein, zum Beispiel die Beziehungsarbeit am Anfang einer Liebesbeziehung. Sobald die Situation beginnt, mehr Energie zu produzieren, als investiert wird, wurde ein stabiler Zustand erreicht.

Bleibt der Energieverbrauch hingegen über eine längere Zeit hinweg im Minus – Zeichen dafür sind ständige Konflikte, wiederkehrende Wut über dasselbe Thema oder Erschöpfung – empfiehlt es sich zu hinterfragen, ob mit diesem bestimmten Menschen tatsächlich die passende Nähe geteilt wird. Bei besonders wichtigen Bezugsmenschen wie Liebesbeziehungen oder Freundschaften kann hier durchaus helfen, sich die Situation mit Coaching oder psychotherapeutischen Methoden genauer anzuschauen.

Das Beispiel mit den Nähehandlungen:

Wir haben uns frisch kennengelernt und tauschen Handlungen der Ebene 6 (Schmusen, Küssen, Kuscheln) aus. Diese Handlungen bewirken oder verstärken eine gegenseitige Verliebtheit und einen Beziehungswunsch. Damit ist ein instabiler Zwischenzustand, nämlich eine unvollständige Ebene 6, gegeben. Führen diese Handlungen nicht zu einer Liebesbeziehung, oder gelingt uns eine Liebesbeziehung nur für eine begrenzte Zeit (= Trennung), wodurch der Wunsch danach, das Leben miteinander zu teilen, nicht erfolgreich erfüllt wurde, folgt emotionaler Schmerz. Dadurch fällt unser Verhältnis auf die nächste passende stabile Ebene. Das kann als gemeinsame funktionierende Nähe-Ebene die Ebene 5 (Freundschaft) – natürlich ohne Handlungen der Ebene Liebe – alle Ebenen dazwischen, oder aber in extremen Fällen die Ebene 1 (Feindschaft) bedeuten.

Um eine derartige emotionale Verletzung zu verarbeiten, ist auf jeden Fall eine massive Einschränkung des Kontakts oder gar ein Kontaktabbruch über längere Zeit ratsam. Als Resultat fällt die geteilte Nähe-Ebene auf Ebene 2 (Smalltalk) oder sogar Ebene 1 (Feindschaft). Wenn sich danach beide Seiten eine höhere Ebene wünschen, kann diese nur nach einem solchen zeitlichen Abstand gesund – also ohne früheren emotionalen Ballast – angestrebt werden. “Gesund” kann aber genauso bedeuten, mit diesem Menschen niemals wieder eine höhere Ebene als die Ebene 2 (Smalltalk) zu betreten.

Das Beispiel mit den freundschaftlichen Handlungen:

Wir haben eine (angebliche) Freundschaft (Ebene 5): Daher treffen wir uns regelmäßig und unterhalten uns über unsere Gedanken und Gefühle. Auf einmal erleide ich einen Rückschlag in meinem Leben, wie eine plötzliche, zu schnelle Änderung meiner Lebensumstände, eine Trennung von einer Liebesbeziehung, oder eine besorgniserregende Krankheitsdiagnose. Darüber würde ich mit dieser Freundschaft gerne reden und mir helfen lassen, mit der neuen Situation umzugehen. Das kann entweder durch tatsächliches Anhören des eigenen Kummers passieren oder durch gemeinsame Unternehmungen, um auf andere Gedanken zu kommen. Diese “Freundschaft” verweigert mir aber nun die Unterstützung. Nicht aus eigenen ähnlich schwerwiegenden Problemen – das wäre verständlich – sondern aus blankem Desinteresse an meiner Situation. Stattdessen würde er_sie mit mir lieber ein gemeinsames Diskussionsthema oder die Organisation eines Projekts besprechen, sich über Belanglosigkeiten unterhalten oder mich mit den eigenen Alltagsproblemen volljammern.

Dies deutet darauf hin, dass keine stabile Ebene 5 und somit keine Freundschaft (mehr) vorhanden ist. Dieser Mensch ist offensichtlich an einer geringeren Nähe mit mir interessiert – entweder als Bekanntschaft auf der Ebene 4 ein gemeinsames Thema oder Projekt zu betreiben oder auf der Ebene 3 Sex zu haben.

Da mein Gegenüber das Interesse an einer höheren Ebene, hier einer Freundschaft, teilweise oder gar ganz vorgetäuscht hat, empfinde ich emotionalen Schmerz über diesen Betrug. Um eine derartige emotionale Verletzung zu verarbeiten, ist auf jeden Fall eine massive Einschränkung des Kontakts oder gar ein Kontaktabbruch über längere Zeit ratsam. Als Resultat fällt die geteilte Nähe-Ebene auf Ebene 2 (Smalltalk) oder sogar Ebene 1 (Feindschaft). Wenn sich danach beide Seiten eine der ursprünglich angestrebten Ebenen wünschen, kann dies nur nach einem solchen zeitlichen Abstand gesund – also ohne früheren emotionalen Ballast – angestrebt werden. “Gesund” kann aber genauso bedeuten, mit diesem Menschen niemals wieder eine höhere Ebene als die Ebene 2 (Smalltalk) zu betreten.