Wie geht guter Sex? – Teil 4/4: Wie kann ich als Frau den Sex mit einem Mann genießen?

An wen richtet sich der Artikel?

Welche Orientierungen, sozialen Rollen, oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): Frau
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle “Frau”
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle “Mann”
Erweiterbar auf: alle sexuellen und romantischen Orientierungen,
alle Geschlechter

Viele Hetero- oder Bi-Männer in einer Hetero-Beziehung klagen das folgende Leid:

“Ich glaube, dass meiner Freundin/Frau Sex nicht so gefällt wie mir. Sie wirkt meistens ziemlich teilnahmslos und auch mir macht es immer weniger Spaß. Außerdem muss fast immer ich sie nach Sex fragen – sie vermisst es anscheinend nicht.”

Eine Frau, die beim Sex nur wenige oder keine Lustsignale zeigt, wirkt auf den Mann so, als ob sie ihn grundsätzlich sexuell nicht interessant findet.

Dass die Frau so wenig mitmacht, liegt allerdings fast immer daran, dass sie mit Sex unerfahren ist. Entweder hat sie noch nicht oft Sex gehabt, oder ihre vergangenen Sex-Erlebnisse und/oder Ex-Beziehungen waren mit Männern, die ebenfalls unerfahren waren und mit denen sie nicht viel erlebt hat, was sie geil fand.

Allerdings helfen viele Frauen, ohne es zu merken, fleißig dabei mit, dass der Sex auch in Zukunft lauwarm oder unbefriedigend bleibt: Die meisten Frauen finden ihren Freund/Mann nämlich sehr wohl sexuell interessant. Der Grund ihrer Teilnahmslosigkeit ist vielmehr eine falsche Erwartung: Die Verhaltensregeln der Rolle “Frau”, die Frauen anerzogen bekommen, verlangen von einer Frau, keine eigenen sexuellen Wünsche zu haben. Daher lernen die meisten Frauen bereits früh, solche Gefühle unbewusst zu unterdrücken, und “brav zu sein”, um nicht dauernd negative Reaktionen (auch Slutshaming genannt) ihrer Umgebung zu bekommen. Dadurch spüren sie die eigene sexuelle Erregung nicht mehr und experimentieren dann weniger mit ihrem Körper und ihren sexuellen Fantasien als die meisten Männer. So lernen viele Frauen erst im Erwachsenenalter Dinge über ihre eigene Sexualität, die den meisten Männern seit Anfang der eigenen Pubertät klar sind, wie etwa, welche Berührung wo im eigenen Genitalbereich angenehm ist und welche nicht.

Das führt dazu, dass eine Frau beim Hetero-Sex ihre sexuellen Wünsche eher nicht mitteilt – entweder weil sie diese selbst nicht weiß, oder weil sie in voreiliger Annahme oder aus leidvoller Erfahrung Slutshaming seitens des Mannes befürchtet.

Jedoch erwartet die Frau dann von ihrem Freund/Mann, dass dieser ihrer Sexualität auf die Sprünge hilft, weil er ja (mehr) Pornos schaut, und scheinbar mehr sexuelle Erfahrung hat. Diese Annahme ist schon richtig – in der Rolle “Mann” erzogen zu werden, hat seine Sexualität großteils intakt gelassen – allerdings hat er nur mit seinem eigenen Körper mehr sexuelle Erfahrung gesammelt; bei einem weiblichen Körper ist er höchstwahrscheinlich noch ahnungsloser als die Frau selbst.

Im häufigsten Fall reagiert die Frau darauf destruktiv: Sie ist enttäuscht, dass der Mann ihre Erwartung nicht erfüllen kann. Daher lässt sie den Sex halt über sich ergehen, oder täuscht Lustsignale vor, um es schneller hinter sich zu haben. Insgeheim ist sie jedoch wütend auf den Mann und lässt diese Wut an anderen Stellen im Beziehungsleben raus. Der Mann muss dann ohne Information seitens der Frau, oder nur mit Halbwissen aus Pornos auskommen, was natürlich weiterhin schlechten Sex garantiert.

Als Frau kannst du aus dieser Spirale folgendermaßen aussteigen:

Erwarte nicht von deinem männlichen Gegenüber, dass er sich mit einem fremden, weiblichen Körper besser auskennt, als du, die du in so einem Körper steckst. Du spürst immer am besten, was sich angenehm und nicht angenehm anfühlt, daher ist es auch deine Aufgabe, diese Wahrnehmungen und Wünsche mitzuteilen. Sag also etwas, wenn du eine seiner Bewegungen zu fest, zu sanft, zu schnell, zu langsam, zu tief oder zu wenig tief findest. Dabei ist wichtig, dass du das mit Worten tust! Verschiedene Stöhn-Lautstärken oder Atemgeräusche wird dein Sexpartner/Freund/Mann entweder nicht bemerken, und wenn, dann nicht wissen, was sie bedeuten, wenn du ihm nicht vorher die Übersetzung erklärt hast.

Falls du noch nicht weißt, was dich geil macht – kein Problem: Ihr könnt dadurch, was sich nicht gut anfühlt, langsam entdecken, was übrig bleibt und sich gut anfühlt. Egal ob aus Unerfahrenheit oder weil du etwas Neues ausprobierst – nimm dir Zeit, um deine optimalen Bedingungen zu finden:

  • Positioniere deine Arme, Hände, und Beine solange neu, bis alles bequem liegt.
  • Lege dich mit Kopf, Rücken, Bauch oder Becken auf Pölster oder zusammengerollte Decken.
  • Setze oder kniee dich so hin, dass deine Füße ausbalanciert sind.
  • Stütze deine Füße auf einen Tisch, einen Hocker oder an die Wand.
  • Bitte den Mann deine Beine zu halten, oder lege sie ihm auf die Schultern.

Probiere die Möglichkeiten je nach Stellung jedes Mal durch, wenn sich etwas unbequem anfühlt. Bitte den Mann dafür ruhig um eine Pause bei seinen Bewegungen, oder dass er dir mehr Bewegungsfreiheit lässt. Erkläre ihm aber kurz, was du vorhast (“Warte, ich muss mich einrichten” / “Ich brauche …”), damit er sich auskennt, und dir gegebenenfalls helfen kann (Dinge geben, Polster zurechtrücken, usw.). Ein Trick, um Missverständnisse über deine Wünsche zu verringern, ist der Folgende: Wenn du möchtest, dass er etwas Bestimmtes nicht macht, und du bereits weißt, was du dir stattdessen wünscht, teile ihm direkt mit, was er machen soll.

Beispiele:

Gut: Besser:
“Nicht so schnell!” “Mach langsamer!”
“Das tut weh!” “Das tut weh. Mach bitte kurz Pause!”
“Nicht da!” “Streichel mich an … “

Mach dir selbst keinen Stress: Es ist völlig gesund, wenn dein Körper ein paar Sekunden braucht, um sich nach einer Änderung auf neue Bedingungen einzustellen, und dann darauf Lust zu empfinden. Warte daher nach jeder Änderung ein bisschen, um festzustellen, ob es jetzt bereits passt. Wenn nicht, kannst du die nächste Änderung ausprobieren. Erlaubt ist alles, was sich für euch beide gleichzeitig bequem anfühlt. Je öfter ihr Sex habt, und dabei herumprobiert, desto eher wirst du herausfinden, welche Stellungen dir wie gefallen, und desto schneller wirst du dich bei den nächsten Malen darauf einstellen können.

Da das sexuelle Hauptorgan jeder Frau nicht etwa die Scheide, sondern ihre Klitoris ist, probiere aus, wie du deine Klitoris gut stimulieren kannst, während der Mann eine andere Stimulation macht (dich in die Muschi fickt, dich leckt, dich fingert oder dir anal etwas einführt). Manche Frauen können das am besten mit einer Hand, anderen macht ein Vibrator mehr Spaß. Probiere auf jeden Fall verschiedene Vibratoren aus, mit unterschiedlichen Stärken oder Vibrationsabläufen aus (durchgehend leicht, durchgehend stark, stärker werdend, abwechselnd, rhythmisch mit Pausen, usw.), um herauszufinden, womit du am einfachsten kommen kannst. Ziele nicht darauf, den bestmöglichen Orgasmus zu haben, das setzt dich nur unter Druck und vermindert dadurch die Intensität deiner Lust und deines Orgasmus. Folge stattdessen dem Grundprinzip aller Bastler: Finde zuerst etwas, das funktioniert, und danach kannst du immer noch herausfinden, wie es besser funktioniert.

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die männliche Lust eher in einer stetigen exponentiellen Kurve, die weibliche Lust aber eher in größer werdenden Wellen kommt. Wenn sich etwas ein paar Sekunden lang eher lauwarm anfühlt, macht das nichts – die nächste Lustwelle ist höchstwahrscheinlich schon auf ihrem Weg. Wenn sich hingegen etwas länger als eine halbe Minute lauwarm anfühlt und auch nicht besser wird, bitte ihn um eine Pause. Je nach deinem Gefühl kannst du dann folgende Lösungen ausprobieren:

  • deine Position geringfügig zu verlagern
  • Gleitgel zu verwenden oder nachzulegen
  • ihm vorschlagen, das Tempo zu ändern
  • ihm vorschlagen, die Tiefe zu ändern
  • oder in eine andere Stellung zu wechseln.

Ein netter Mann wird auf deine Wünsche und dein Ausprobieren Rücksicht nehmen und dir Zeit lassen, und/oder dir mit vorsichtigen Vorschlägen helfen. Wenn ein sexuelles Erlebnis/eine neue Variante nicht so funktioniert hat, wie du dir das vorgestellt hast, probiert es ruhig noch einmal – eventuell unter Bedingungen, bei denen du denkst, dass es dieses Mal besser klappt (mehr Zeit, anderer Ort, mit Sexspielzeug oder Gleitgel, das ihr vorher nicht zur Hand hattet). Männer geraten aufgrund ihrer anerzogenen Rolle “Mann” schnell in die Überzeugung, dass sie gegenüber einer Frau immer perfekt “ihren Mann stehen” müssen, auch wenn er mit dir einer Frau begegnet ist, auf die das nicht zutrifft. Indem du ihn unmissverständlich um eine Wiederholung fragst, weiß er, dass du ihn immer noch attraktiv findest, und ihr habt die Chance auf ein weiteres Mal, das ihr beide ohne Stress genießen könnt.

Auf den ersten Blick ist ein sexuell unerfahrener Mann, der dir Lust machen möchte, aber es einfach nicht besser weiß, nur schwer zu unterscheiden von einem absichtlich ignoranten Mann, dem deine sexuellen Wünsche egal sind und der nur auf seine eigene Befriedigung aus ist. Die Anwendung aller dieser Maßnahmen ermöglicht dir, zweifelsfrei zu erkennen, welchen der beiden Typen du vor dir hast.

Aus diesem Grund ist es ein sehr dummes Verhalten, Lustsignale oder gar deinen Orgasmus vorzutäuschen. Bei einem ungeschickten Mann ist es eine unwirksame Strategie: Er wird sich dann die Techniken merken, die dir in Wirklichkeit keinen Spaß gemacht haben und genau jene beim nächsten Mal Sex wieder verwenden. Und bei einem absichtlich ignoranten Mann ist es wie einen Hund zu loben, der gerade auf den Teppich gekackt hat: Er denkt dann, dass sein gepflegtes Desinteresse eh ausreicht und ist beim nächsten Mal noch rücksichtsloser.

Du hast es dann mit einem absichtlich ignoranten Mann zu tun, wenn er:

  • auf deine Mitteilungen nicht reagiert
  • zwar zustimmt, aber dann unverändert weitermacht
  • wenn er versucht, dich zu bereits besprochenen, unerwünschten Berührungen oder Spielarten zu überreden: “Jetzt stell dich nicht so an…”
  • wenn er unerwünschte Berührungen oder Spielarten einfach macht, obwohl du zuvor schon bei mehreren Gelegenheiten gesagt hast, dass dir das nicht gefällt

Sollte er eine dieser Reaktionen ausfahren, brich den Sex am besten ab und fordere faires Verhalten ein. Wenn er sich nicht auskennt, und nachfragt, erkläre ihm ruhig, sachlich, und ohne Beleidigungen, was du dir von ihm wünscht. Falls er jedoch keine Lernbereitschaft zeigt und blöd redet, zieh dich an und gehe (Ja, auch wenn der Sexpartner dein Freund/Mann ist. Besser ein Streit, nach dem ihr dann besseren Sex habt, als ein Leben lang schlechten Sex.)

Kleiner medizinischer Exkurs

Wenn du Schmerzen beim Sex hast (wie Jucken, Brennen oder Stechen), ist das ein deutliches Zeichen deines Körpers, dass du eine Infektion im Genitalbereich hast. Lass dir das unbedingt von einem Frauenarzt/einer Frauenärztin anschauen. Hinweis: Falls dein_e Gynäkolog_in nach nur einer Untersuchung behauptet, dein Problem sei “psychisch”, wechsle den Arzt! “Psychisch” ist Fachärztesprech für “Ich weiß nicht, wo das Problem liegt, aber das kann ich nicht zugeben.” Schmerzen beim Sex können zwar sehr wohl psychische Ursachen haben, wie unbewusste Ängste oder vergangene traumatische Erfahrungen, diese sind aber erst zweifelsfrei feststellbar, wenn alle körperlichen Ursachen entweder ausschließbar sind oder erfolgreich behandelt wurden. Eine professionelle Gynäkolog_in erkennst du daran, dass sier mehrere Erkrankungen vermutet, diese in verschiedenen Untersuchungen in zeitlichen Abständen von Tagen oder Wochen überprüft und dich noch zu anderen medizinischen Instituten (Labor, alternative Medizin) verweist.

Eine nur wenig beachtete Erkrankung ist übrigens Vulvodynie, also Schmerzen in der Scheide und/oder außen an der genitalen Schleimhaut, ohne dass eine aktuelle Infektion feststellbar ist. Allerdings kann Vulvodynie als Folge von wiederholten vergangenen Infektionen mit Bakterien oder Pilzen auftreten, oder eine Begleiterscheinung einer aktuellen Infektion mit HPV sein.