Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 4/7: Das Poly-Zeitproblem

In Polykülen tritt ab einer bestimmten Anzahl von beteiligten Menschen ein Zeitproblem auf. Mein Lebensgefährte Nemo hat dieses Zeitproblem in einem mathematischen Modell formuliert:

Legende:

 

Eine Paarbeziehung besteht aus 2 Menschen: A und B. Die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen ist dabei gleich groß wie in der Zweierbeziehung. Daher gibt es nur 1 gemeinsamen Space. Die Komplexität des Systems ist also gleich 1.

 

 

 

 

Eine Triade ist ein Polykül aus den 3 Menschen A, B, C in der Form eines geschlossenen Dreiecks.
Es enthält 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, A+C
Das Gesamtsystem ist das Zu-Dritt: A+B+C

Die Komplexität ist demnach:
3×1 + 1 = 4

 

Soweit sind noch keine metamour-Verbindungen vorhanden. Die häufigste Form, in der dieses Verhältnis vorkommt, ist das V:

Ein V ist ein Polykül aus 3 Menschen, in der Form des Buchstaben V. Es teilt sich in primäre und sekundäre Verbindungen.

Primär besteht es aus 2 Paarbeziehungen:
A+B und B+C

Sekundär gibt es aber noch:

  • Das metamour-Verhältnis A+C:
    Diese beiden Menschen müssen schließlich Lebensentscheidungen, die mit B erfolgen, untereinander besprechen. Außerdem beteiligen sich die metamours direkt oder indirekt an allen Konflikten rund um Mensch B, zum Beispiel wenn Mensch C zwischen Mensch A und Mensch B vermittelt, oder Mensch A Mensch B in einem Konflikt mit Mensch C unterstützt.
  • Das Gesamtsystem aus allen 3 Menschen: A+B+C

Die Komplexität ist also, obwohl es eine Liebesbeziehung weniger als in einer Triade gibt, gleich hoch:
2×1 + 1 + 1 = 4

 

Daraus lässt sich ableiten, dass alle Polyküle aus 3 Menschen, egal ob in einer Triade oder in einem V, in etwa 4mal so komplex sind wie eine Zweierbeziehung.

Dieser Zahlenwert bezieht sich auf alle Lebensbereiche, die in einer ernsthaften Liebesbeziehung vorkommen (sollten): 4mal mehr Zeit, 4mal mehr Beziehungsarbeit, 4mal mehr Vereinbarungen, usw.

Je mehr Menschen ein Polykül enthält, desto höher wird die Komplexität und damit der Zeit- und Energieaufwand.

 

Als Beispiel habe ich ein „N“, also ein Polykül aus 4 Menschen in der Form einer Reihe ausgewählt:
Es gibt Mensch A, B, C und D.
Diese Konstellation besteht primär aus 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, C+D
Damit ist die Komplexität erst mal 3×1 = 3.

 

 

Sekundär kommen allerdings noch hinzu:

  • Als metamour-Verbindungen die Kommunikationsebenen zwischen
    A+C, B+D und A+D
  • Und zum Schluss noch das Gesamtsystem aller 4 Menschen: A+B+C+D

Das ergibt in Summe die Komplexität:
3×1 + 3×1 + 1 = 7

Selbst wenn wir realistischerweise davon ausgehen, dass metamours etwas weniger Kontakt zueinander haben als die Paarbeziehungen, und daher auf die Komplexität = 6 abrunden, erfordert diese Konstellation immer noch 6mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie eine Zweierbeziehung.

Ab einem Polykül mit 4 Menschen, die keine Reihe bilden, sondern auch noch untereinander als Paarbeziehungen vernetzt sind, wird es der absolute Overkill:

Das Beispiel zeigt 4 Menschen, wo alle mit allen als Liebesbeziehung verbunden sind. Jeder dieser Menschen hat also jeweils 3 Liebesbeziehungen. Damit gibt es zwar keine metamour-Verbindungen, aber 6 Paarbeziehungen, 4 Triaden und 1 Gesamtsystem:

  • 6 Paarbeziehungen:
    A+B, B+C, C+D, A+D, A+C und B+D
  • 4 Triaden:
    A+B+C, B+C+D, A+B+D und A+C+D
  • Und das Gesamtsystem aus allen: A+B+C+D

Die Komplexität ist also:
6×1 + 4×1 + 1 = 11

Also 11mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie in einer Zweierbeziehung. Nicht einmal Milliardäre, deren Existenz nicht an Arbeitszeit gebunden ist, können diese Zeit langfristig aufbringen.

Werden noch weitere Menschen in das jeweilige Poly-Netzwerk aufgenommen, steigt die Komplexität bis ins 100fache.

Dazu behauptet die Poly-Szene:

„Eine Beziehung ist wie eine Kerze in einem dunklen Raum. Je mehr Kerzen ich dazustelle, desto heller wird der Raum und desto erfüllter bin ich.“

Damit ist gemeint, dass ein Polykül tendenziell beliebig um weitere Menschen erweiterbar wäre und dass das dann für die Betroffenen auch noch schön wäre.

Wie oben aufgeschlüsselt, kann das weder mathematisch, noch im echten Leben funktionieren. Diese Philosophie hat meiner Meinung nach daher den Nutzen einer Durchfallerkrankung. Die realistische Konsequenz dieser Haltung ist nämlich entweder der miauende Hund oder (in Folge) der seriell-parallele Durchlauferhitzer.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 5/7: Die Zeiteinteilung meiner Triade

 

 

Wir bestehen aus drei Paarbeziehungen (symbolisiert durch die Linien mit Herz):
Zwei Hetero-Paarbeziehungen und einer lesbischen Paarbeziehung. Zusätzlich dazu gibt es noch das gesamte Dreieck, nämlich wenn wir zu dritt miteinander Zeit verbringen (symbolisiert durch den gepunkteten Kreis).

 

 

 

Wir haben also drei verschiedene Zu-zweit-Spaces sowie einen Zu-dritt-Space.
Jeder dieser Räume hat eigene Traditionen, Verhaltensweisen, Freizeitaktivitäten, usw., genauso wie jedes gesunde Liebespaar über Zeit ganz eigene Umgangsformen entwickelt. Natürlich gibt es dann auch noch unsere jeweiligen Allein-Zeiten (die praktischerweise während einem Zu-zweit-Space der anderen beiden erfolgen können).

Dafür haben wir uns ein eigenes Aufteilungsmodell ausgedacht:

Pro Woche hat jede Liebesbeziehung für sechs Stunden einen Zu-zweit-Space. Der_die Dritte geht währenddessen entweder arbeiten, macht Allein-Zeit oder besucht Freund_innen.
Allerdings bedeutet das nicht, dass der_die Dritte deswegen ausgesperrt wäre. Er_Sie kann jederzeit kurz Kontakt suchen, solange der grundsätzliche Fokus auf dem jeweiligen Paar mit Zu-zweit-Zeit liegt. Tauchen Bedürfnisse des_der Dritten auf, die mehr Zeit benötigen, verhandeln wir darüber und verschieben oder unterbrechen gegebenenfalls die vereinbarte Zu-zweit-Zeit. Falls aus den 6 Stunden eine bestimmte Zeit übrig bleibt, wird diese entweder gesondert nachgeholt oder an die nächste jeweilige Zu-zweit-Zeit drangehängt.

Dieser Grundsatz funktioniert, solange sich alle Beteiligten daran halten und somit alle drei Zu-zweit-Zeiten den gleichen Platz bekommen. Aus dieser Beschreibung ist ersichtlich, dass unser Beziehungsalltag nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis eine vier Mal höhere Komplexität als eine Zweierbeziehung aufweist.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 6/7: Das Energie-Gleichgewicht zwischen Paaren in einem Polykül

Inwiefern eine Paarbeziehung energiefressend sein kann, habe ich in Das Energie-Gleichgewicht innerhalb einer Paarbeziehung beschrieben.

Weist ein beteiligter Mensch ein energiefressendes Verhalten auf und/oder befindet sich die Paarbeziehung in einem energiefressenden Zustand, hat dies in Polykülen eine Auswirkung, die in Zweierbeziehungen gar nicht vorkommt. Von jenen Menschen, die Polyamorie anstreben oder leben, kennen zwar viele das emotionale Phänomen, wissen aber zu wenig darüber, um ihre Empfindungen entsprechend zuzuordnen.

Bei einer Zweierbeziehung ist die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen gleich groß wie das Paar: Es geht an der Basis immer um zwei Menschen. Ist die Paarbeziehung instabil, sind also nur zwei Menschen direkt betroffen – und möglicherweise noch eventuell vorhandene Kinder.

Die Situation in einem Polykül ist jedoch eine vollkommen andere: Jedes Polykül besteht aus mindestens zwei Paarbeziehungen – das Minimum sind also drei Menschen. Ist eine Paarbeziehung davon instabil, beeinflusst das über Energieaustausch auch die weitere(n) Paarbeziehung(en) oder Metamour-Verhältnisse negativ, selbst wenn diese für sich alleine sehr gut, also überwiegend energiegebend, funktionieren (würden).

Dieser Energieaustausch findet, ähnlich der Osmose in der Chemie, an allen Verbindungspunkten statt. Bei den in Das Poly-Zeitproblem vorgestellten Abbildungen von verschiedenen Polykülen sind das alle Eckpunkte, wo sich zwei oder mehr Linien berühren, wo also ein Mensch mehr als eine romantische Verbindung betreibt.

Wenn nun ein Mensch zur selben Zeit in einer energiefressenden und einer anderen, energieproduzierenden Verbindung ist, erzeugt das eine eigene unbewusste (!) Dynamik, die ich das Prinzip der verschobenen Grenzen nenne.

Beispiele:

Mensch A und Mensch B haben miteinander eine instabile Paarbeziehung. Sie öffnen diese romantisch, allerdings nicht aus einer Primärmotivation für Polyamorie, sondern aus einer Sekundärmotivation.

Angenommen, dieses romantisch offene Paar lernt einen geeigneten dritten Menschen, Mensch C, kennen. Zwischen Mensch B im Ursprungspaar und dem neuen Mensch C funkt es und sie beginnen, sich regelmäßig zu küssen, zu kuscheln oder liebevolle Aufmerksamkeit(en) zu teilen, also romantische Verhaltensweisen zu zeigen. Damit gibt es auf einmal eine neue Verbindung auf der Ebene Liebe. Gemäß der Näheskala reichen für den Energieaustausch übrigens Verliebtheitsgefühle und romantische Handlungen. Sex oder eine offizielle Paarbeziehung sind nicht notwendig, verstärken jedoch das Phänomen, sobald vorhanden.

Wir haben also das energiefressende Ursprungspaar EF (= Energiefresser) aus Mensch A und Mensch B sowie die neue romantische Verbindung EG (= Energiegeber) aus Mensch B und Mensch C, deren frische Verliebtheit Energie produziert.

Das entstandene V-Polykül sieht dann so aus:

Wie bei kommunizierenden Gefäßen wandert nun die Energie vom energieproduzierenden zum energiefressenden Paar. Das setzt das Prinzip der verschobenen Grenzen in Gang:

Aus der Sicht von Mensch B, der sowohl Teil von EG als auch von EF ist, wirkt auf einmal der Anteil von Mensch A am Energieminus von EF, also Verhaltensweisen, die vorher dauernervig, unfair oder grenzüberschreitend waren, auf die erste Einschätzung gar nicht mehr so schlimm. Denn Mensch B hat nun mehr als seine eigene Energie zur Verfügung, nämlich die Energie von EG, um das Energieminus in EF auszugleichen. Bewusst äußert sich dies durch weniger Genervtheit, Erschöpfung oder destruktive Konflikte (auch unausgesprochene!) innerhalb EF und dass Mensch B bisher störende Situationen und Verhaltensweisen uminterpretiert – zu „Passt eh“ oder gar „tolle Eigenheit von Mensch A“. Subjektiv gesehen scheint die EF-Beziehung zwischen Mensch A und Mensch B also plötzlich besser zu funktionieren, obwohl alle energiefressenden Dynamiken natürlich weiterlaufen.

Die andere Seite bleibt davon nicht unbeeinflusst: Die Energie von EG wird schließlich angezapft. Am Anfang kann dies unbemerkt bleiben, da nur die überschüssige Energie abgezogen wird, und EG wenigstens noch die benötigte Energie, um gut zu funktionieren, aufrecht erhalten kann. Wenn aber daraus ein Energieminus entstanden ist (= EF sogar die benötigte Energie von EG abzieht), äußert sich dies in plötzlichen Konflikten zwischen Mensch B und Mensch C, den ursprünglichen Energiegebern. Diese Konflikte wurden von Mensch B unbewusst aus der Beziehung mit Mensch A „verschoben“ und brechen sich nun bei dem nächsten geeigneten Menschen ihre Bahn. Die EG-Paarbeziehung leidet in Folge unter Genervtheit, Erschöpfung und ebenjenen destruktiven Konflikten und wird dadurch ebenfalls zu einer instabilen Paarbeziehung.

Der einzige Weg, diese Spirale zu durchbrechen, ist, die Ursachen für das Energieminus innerhalb EF zu finden und zu beheben. Die Themen der plötzlichen Konflikte zwischen Mensch B und Mensch C sind dabei ein guter Hinweis – genau diese Themen sind höchstwahrscheinlich das Problem zwischen Mensch A und Mensch B. Die EF-Paarbeziehung muss dann so angeschaut werden, als ob EF eine Zweierbeziehung ohne weitere dranhängende Beziehung(en) wäre:

  1. Wurde die polyamore Erweiterung aus einer Sekundärmotivation eingegangen?
    (Siehe dazu das Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich?)
  2. Trifft einer oder mehrere der Gründe für eine instabile Paarbeziehung zu?
  3. Wie können wir unsere Situation gemeinsam Schritt für Schritt ändern, sodass unsere Beziehung stabil wird?

Wenn hingegen über keines dieser Themen eine konstruktive Kommunikation (mehr) möglich ist oder eine Liebesbeziehung von vorneherein nicht die passende Verbindung war, bleibt als einzige Lösung, dass sich Mensch A und B trennen.

Die Poly-Szene hat für solche Fälle eine eigene Philosophie entwickelt: New relationship energy, abgekürzt NRE, – die Energie einer neuen, frischen Verliebtheit.

Viele Szenegänger_innen der Poly-Szene sind der Meinung, dass die NRE einer neuen Verliebtheit einer vorher vorhandenen Beziehung nicht nur nutzt, sondern bei den Beteiligten sogar, anstatt Eifersucht, Mitfreude hervorbringt: Mensch B freut sich, dass seine Verliebtheit von Mensch C erwidert wird, und Mensch A und Mensch B freuen sich gemeinsam, weil die Ursprungsbeziehung besser funktioniert. Alle können mithilfe der schönen Energie ihr Leben genießen.

Wie ich beobachtet habe, beschreibt das Phänomen der NRE auf eine bereits vorhandene Beziehung allerdings genau den Effekt, dass eine energiefressende Beziehung durch die Energie einer neuen romantischen Verbindung eine scheinbare Verbesserung erfährt. Was das Ganze kompliziert macht, ist, dass die erwähnte Mitfreude leider kein „Herzgespinst“ darstellt, sondern der Tatsache entspringt, dass die Beteiligten nicht zuordnen können, woher die plötzliche Energie kommt, und ihre positiven Gefühle – in einer linken Subkultur wie der Poly-Szene zugegeben naheliegend – als eine Art Solidarität für das Gegenüber missverstehen.

Falls nicht schon im Vorfeld Grenzüberschreitungen passiert sind („Ich teile dir mit, mit wem ich außer dir noch etwas habe, aber ob du das ok findest, ist mir wurscht!“), kann die vorhandene Beziehung tatsächlich das als Mitfreude bezeichnete positive Gefühl empfinden – allerdings nur für die ersten paar Wochen. Dann kippt das Gleichgewicht, und auch die EG-Beziehung fällt wie die EF-Beziehung ins Energieminus. An diesem Punkt muss natürlich eine neue EG-Beziehung her, die wiederum NRE bereitstellt, usw.

Die jeweilige EG-Beziehung wird also angezapft: Anstatt die Energie der Verliebtheit dem jeweiligen Paar zu lassen (wofür sie eigentlich gedacht ist), fließt diese in eine oder mehrere fremde, energiefressende Struktur(en) und verschwindet darin wie in einem schwarzen Loch. Unbearbeitet bewegt sich das gesamte Beziehungsgeflecht im Laufe von ein paar Monaten über den miauenden Hund und/oder den seriell-parallelen Durchlauferhitzer auf einen emotionalen Atompilz zu, in dem es schlussendlich hochgeht.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 7/7: Negativspiralen in Polykülen oder: Das geht, aber es geht selten gut

Wie instabile Paarbeziehungen das Energie-Gleichgewicht zwischen Paaren in Polykülen steuern, habe ich bereits im gleichnamigen Artikel beschrieben.

Wenn an eine instabile Paarbeziehung weitere Beziehungen angehängt werden, ist die häufigste Folge das Prinzip der verschobenen Grenzen. Dabei bekommt die Beziehung, die in einer energiefressenden Dynamik festhängt, die Energie der neuen Verliebtheit und wirkt dadurch scheinbar nicht mehr so belastend. Sobald das Gleichgewicht kippt, erhält die neue Beziehung dafür anstatt der aus ihr entstehenden Verliebtheit destruktive Konflikte. Diese wurden unbewusst aus der Beziehung mit der energiefressenden Dynamik weggeschoben und brechen sich nun in der neuen Beziehung ihre Bahn.

Leider verläuft dies in der Praxis jedoch nicht so linear, wie hier beschrieben, sondern wird noch von weiteren Faktoren beeinflusst. Die wichtigsten davon sind:

  • Die Fähigkeit zu konstruktiven Konflikten: „Wir reden das jetzt ordentlich aus!“ vs. „Dir zahl ich’s heim!“
  • Unaufgearbeitete negative Erfahrungen mit einer Ex-Beziehung: „Das ist ein anderer Mensch als mein_e Ex. Ich frag lieber nach Wünschen und Ängsten anstatt mir etwas Unüberprüftes einzubilden.“ vs. „Genau wie meine Ex!! Nur dass ich diesmal nicht die Blöde sein werde…“

Um eine destruktive Dynamik loszutreten, reicht es bereits, wenn sich eine Seite destruktiv verhält und sich weigert, die Sachverhalte konstruktiv anzuschauen. Verständlicherweise wird es noch schwieriger, wenn beide Seiten ein solches Verhalten zeigen. Für das (meistens Ursprungs-)Paar, das die energiefressende Dynamik aufweist, kann es daher in einigen Fällen besonders schwer sein, aus dem Prinzip der verschobenen Grenzen auszusteigen.

Beispiele:

Das Ursprungspaar besteht aus Mensch A und Mensch B. Mensch A verliebt sich in Mensch C und beginnt daraufhin mit Mensch C eine weitere Paarbeziehung. Mit Mensch B wurde der Beginn dieser neuen Beziehung im Vorfeld entweder gar nicht oder nur unzureichend besprochen – mit Mensch B gibt es also keinen ausdrücklichen Konsens.

Am Anfang kommt Mensch B damit klar, dass Mensch A und Mensch C zusammen sind – schließlich profitiert er_sie von der Energie, die aus dieser Verliebtheit in die eigene Beziehung fließt. Dann aber beginnt sich Mensch A mehr für Mensch C zu interessieren, als Mensch B Recht ist. Mensch B ist daraufhin eifersüchtig, verletzt und/oder beginnt Angst um die Beziehung mit Mensch A zu haben. Die Folge sind (wieder aufflammende) Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B.

Angenommen, Mensch A sieht daraufhin ein, dass zu viel Zeit mit Mensch C die Beziehung zu Mensch B in Gefahr bringt. Daher schränkt Mensch A den Kontakt mit Mensch C ein. Mensch C ist deshalb verletzt und beendet die Beziehung zu Mensch A. Mensch A und Mensch B sind jetzt wieder zu zweit.

Da es aber nun keine Verliebtheit von außerhalb mehr gibt, deren frische Energie die energiefressende Beziehung ausbalanciert, brechen die alten Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B wieder aus. Dies begünstigt, dass die Dynamik umschlägt:

Mensch B ist von den zurückkehrenden Konflikten frustriert, da er_sie sich aus der Beendigung der Beziehung zwischen Mensch A und Mensch C eine schöne Zeit mit Mensch A erhofft hat – die jetzt nicht eingetroffen ist. Daher investiert Mensch B seine_ihre Zeit nun in Mensch D, verliebt sich, und beginnt bald darauf eine Beziehung mit Mensch D. Mit Mensch A wurde der Beginn dieser neuen Beziehung im Vorfeld entweder gar nicht oder nur unzureichend besprochen – mit Mensch A gibt es also keinen ausdrücklichen Konsens. Am Anfang kommt Mensch A damit klar, dass Mensch B und Mensch D zusammen sind – schließlich profitiert er_sie von der Energie, die aus dieser Verliebtheit in die eigene Beziehung fließt. Dann aber beginnt sich Mensch B mehr für Mensch D zu interessieren, als Mensch A Recht ist, usw.

Die einzige Möglichkeit, aus dieser Negativspirale auszusteigen, ist, den Ursprung der Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B anzuschauen und gemeinsam zu lösen. Solange die Beziehung romantisch offen ist, also jederzeit neue Menschen an das Beziehungsgeflecht drangehängt werden können, ist dafür allerdings nicht genügend Zeit und Energie vorhanden. Die neuen Verliebtheiten können nämlich sowohl räumlich und zeitlich als auch emotional als „Ausweichmöglichkeit“ vor dem eigentlichen Konflikt benutzt werden.

Die Lösung wäre der Ausstieg aus der polyamoren Lüge. Das geschieht durch die Vereinbarung, romantisch geschlossen zu werden und zu bleiben. Diese muss im Konsens erfolgen und kann temporär oder vollständig sein:

  • Temporär:
    „Wir bleiben für eine bestimmte Zeit romantisch geschlossen und versuchen währenddessen herauszufinden, ob unser Wunsch nach Polyamorie primär- oder sekundärmotiviert ist.“
  • Vollständig:
    „Wir wollen ab jetzt romantisch geschlossen unsere Leben miteinander verbringen. Solange wir zusammen sind, wollen wir an dieser Vereinbarung nie wieder etwas ändern.“

Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 3/6: Das Energie-Gleichgewicht innerhalb einer Paarbeziehung

Da die Ebene 6 (Liebesbeziehung) die größte Nähe ermöglicht, können der Energieaustausch und seine Konsequenzen anhand einer romantischen Verbindung am anschaulichsten erklärt werden.

Eine Paarbeziehung kann über zwei Wege Energie produzieren:

  1. Die zwei Menschen des Paares sind frisch verliebt. Solange die Verliebtheit erwidert wird, produziert sie überwiegend Energie. Diese ist sozusagen ein „Energievorschuss“, der dazu gedacht ist, die notwendige Beziehungsarbeit und die damit verbundenen Konflikte am Anfang einer Liebesbeziehung anzutreiben, bis die Beteiligten miteinander eine stabile Ebene Liebe herstellen.
  2. Das Paar findet Lösungen für die vorhandenen Konflikte und erreicht so eine stabile Ebene Liebe.

Eine Paarbeziehung kann jedoch genauso überwiegend energiefressend wirken. Dies liegt entweder (hauptsächlich) an einem der beteiligten Menschen, an beiden gleichermaßen, und/oder an der Struktur der Paarbeziehung selbst.

So können viele Situationen eine Paarbeziehung vorübergehend oder dauerhaft schwieriger machen, wie finanzieller Stress, zeitliche Engpässe, Betreuung von Babys und Kleinkindern, sowie eine längere physische Krankheit oder ein psychisches Problem, das die Sexualität und/oder die Zeit und Energie für emotionale Nähe (tiefe Gespräche) und romantische Nähe (liebevolle Aufmerksamkeit(en), Kuscheln) einschränkt. Da eine chronisch energiefressende Dynamik erst entsteht, wenn ein instabiler Zwischenzustand auf der Näheskala gegeben ist, sind diese Situationen sicher belastend, aber nicht automatisch energiefressend.

Ein einzelner Mensch kann jedoch eine ganze Paarbeziehung im Alleingang energiefressend machen, wenn er_sie eines der obigen Probleme hat, sich aber gleichzeitig weigert, an diesem Problem konstruktiv zu arbeiten. Stattdessen tut sier so, als gäbe es das Problem nicht, findet fadenscheinige Ausreden, jammert das Gegenüber ständig darüber an oder erwartet/fordert von diesem sogar den Löwenanteil der Arbeit an den eigenen Problemen. Der betreffende Mensch gibt mit diesem Verhalten die eigene Verantwortung ab, einen stabilen Zustand herzustellen oder zu halten. Das notwendige Interesse und die dazugehörigen Handlungen auf der Näheskala kommen dann eine Zeit lang fast ausschließlich vom Gegenüber.

Um den Unterschied zwischen beiden Situationen zu verdeutlichen, habe ich eine Parabel erfunden:

Mensch A steckt in einem Schlammloch fest. Mensch B geht vorbei und bleibt stehen: Er möchte Mensch A aus dem Schlamm helfen, und streckt eine Hand aus.

Szenario 1: Mensch A ergreift die Hand, lässt sich ein Stück hochziehen, und beginnt zu strampeln und Boden zu suchen, sobald er seine Füße wieder bewegen kann. Langsam findet er am Rand des Schlammlochs immer wieder Halt und kann sich gemeinsam mit dem Zug von Mensch B aus dem Loch befreien. Beide gehen Hand in Hand weg.

Szenario 2: Mensch A ergreift ebenfalls die Hand, und lässt sich hochziehen, macht jedoch keine Anstalten mitzuarbeiten, und hängt wie ein nasser Sack an der Hand des herausziehenden Menschen. Mensch B hält das Gewicht von Mensch A noch eine Zeit lang, aber bald geht ihm die Puste aus. Um nicht selbst auch noch in das Schlammloch zu fallen, lässt er Mensch A los, welcher direkt in seinen alten Platz zurückplumpst, und sucht sich einen neuen Menschen, der entweder nicht so tief in einem Schlammloch steckt, oder der zumindest bereit ist, beim Herausziehen mitzuarbeiten.

Das Schlammloch steht für eine belastende Situation, und der Mensch, der herausziehen hilft, für eine_n (möglichen) Beziehungspartner_in, dier bereit ist, das Gegenüber bei der Lösung oder zumindest einer Verbesserung zu unterstützen. Im ersten Szenario handelt Mensch B konstruktiv: Sier sucht sich, sobald möglich, aus eigenem Antrieb professionelle Hilfe und/oder arbeitet selbst an den eigenen Problemen. Im zweiten Szenario ist Mensch B hingegen der energiefressende Mensch, der das gesamte Beziehungsleben runterzieht. Mensch B lässt damit Mensch A nur die Wahl, durch das ständige Energieminus (ebenfalls) ein psychisches Problem zu entwickeln, wodurch die Beziehung natürlich noch mehr Energie frisst, oder rechtzeitig abzuspringen – also sich zu trennen.

Manchmal erzeugen allerdings nicht die individuellen Menschen, sondern die Struktur der Paarbeziehung den energiefressenden Zustand. Der Grund dafür können einer oder mehrere der folgenden Punkte sein:

  1. Es existiert ein darunterliegender ungelöster Konflikt über die gemeinsamen Wünsche.
  2. Einer_m der Beteiligten fehlt etwas ganz Grundsätzliches: Der Wunsch nach partnerschaftlichem Sex und/oder liebevoller Nähe wird nicht (genug) erfüllt.
  3. Die Beteiligten haben Werte aus der Poly-Szene übernommen und definieren sich als Nebenbeziehung, eine von vorneherein energiefressende Struktur.
  4. Die Beziehung basiert auf einer sekundärmotivierten Verliebtheit: Eigentlich hätten sich die Beteiligten nur Sex zum Spaß miteinander gewünscht.

Natürlich ist es auch möglich, dass sowohl die individuellen Menschen, als auch die Struktur der Paarbeziehung zusammen den energiefressenden Zustand hervorbringen. Oft fühlen sich instabile Menschen sogar von instabilen Strukturen angezogen, weil sie mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen in der Kindheit zu wenige stabile Strukturen erlebt haben und diese ihnen daher Angst machen, nach dem Motto:

„Besser das bekannte Unglück, als das unbekannte Glück.“

Diese Paarbeziehungen werden dann aber meistens so schnell so instabil, dass die Beteiligten die Beziehung innerhalb weniger Monate ausgelaugt haben – und dann entweder in einer De-facto-Trennung koexistieren (Ich möchte sogar sagen: kovegetieren) oder sich tatsächlich trennen.

Auch hier spreche ich aus persönlicher Erfahrung: Mein in Was ist eine Nebenbeziehung? erwähnter Hetero-Ex-Freund vereinte alle Gründe der obigen Auflistung in Personalunion – und war von seiner Lebenseinstellung her auch noch ein Energievampir. Er fraß so viel Energie, dass ich mich nach einem Treffen noch tagelang erschöpft und ausgelaugt fühlte. Ich vermutete die Ursache dieser Erschöpftheit allerdings jedes Mal in einem anstrengenden Arbeitstag, zu wenig Schlaf, zu wenig Freizeit, usw. Als ich nach einigen Monaten begriff, dass hauptsächlich er die Ursache dafür war (und die anderen Umstände kaum), und dass ich aus dem falschen Grund eine Beziehung mit ihm begonnen hatte (Punkt 4), trennte ich mich von ihm.

Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 4/6: Wann ist (m)eine Liebesbeziehung gesund und stabil?

Eine stabile Ebene Liebe (= Ebene 6) beinhaltet immer die Ebene Lust (= Ebene 3). Nur Asexuelle, die tatsächlich keine sexuelle Regung welcher Art auch immer zu anderen Menschen empfinden, wären von diesem Verhältnis ausgenommen.

Wenn zwei oder mehr Menschen Nähehandlungen (Schmusen, Küssen, Kuscheln, Lieb-Streicheln) austauschen und Sex haben, handelt es sich um einen instabilen Zwischenzustand: Die Ebene 3 für sich wäre stabil, die Ebene 6 ist hingegen unvollständig.

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Verlieben sich die beteiligten Menschen in Folge ineinander, und entscheiden sich dafür, dass sie ein Paar sind, entfernt diese Entscheidung zwar Ungleichgewicht, der instabile Zwischenzustand besteht jedoch weiterhin:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Verstärkt sich das Commitment, sodass sich die beteiligten Menschen dafür entscheiden, ihr Leben miteinander zu verbringen, und sich gegenseitig Mitbestimmung in allen Lebensentscheidungen zuzugestehen, äußert sich dies auf der Näheskala folgendermaßen:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Ein gemeinsames Beziehungsleben, das ausschließlich aus Sex und Kuscheln besteht, wird aber schnell langweilig. Das gemeinsame Bedürfnis „Leben teilen“ enthält deswegen automatisch die Ebene 4 (Bekanntschaft, gemeinsame Themen/Projekte) und die Ebene 5 (Freundschaft, tiefgehendes Interesse füreinander). Eine gesunde Liebesbeziehung muss daher mindestens ein gemeinsames Diskussionsthema, Hobby, oder Projekt haben (Ebene 4), als auch ein ehrliches gegenseitiges Interesse an den Gedanken und Gefühlen des Gegenübers (Ebene 5).

Wenn das Paar ein Haustier hat, oder ein Kind großzieht, und sich beide Seiten zu etwa gleichen Anteilen darum kümmern, ist sowohl Tierhaltung, als auch Kindererziehung übrigens ein vollwertiges gemeinsames Projekt im Sinne der Ebene 4.

Sind eine gemeinsame Ebene 4 und eine gemeinsame Ebene 5 zu Anfang einer Liebesbeziehung nicht vorhanden, können zwei Möglichkeiten der Fall sein:

  1. Es handelt sich (wahrscheinlich unbewusst) um eine Verwechslung von Sex und Liebe durch patriarchale Lügenkonstrukte: Die beteiligten Menschen wünschen sich in Wirklichkeit nur Sex zum Spaß im Sinn der Ebene 3 und haben sich sekundärmotiviert verliebt. Die Ebenen 4 und 5 miteinander zu teilen ist also im günstigsten Fall optional, im ungünstigsten Fall überhaupt gar nicht gewünscht.
  2. Die beteiligten Menschen wünschen sich tatsächlich voneinander eine Liebesbeziehung. Allerdings müssen sie das Ausleben jener Ebenen erst gemeinsam entdecken. Diesen notwendigen Schritt einer jeden ernsthaften Liebesbeziehung bezeichne ich als Beziehungsarbeit, oder bildhafter, Zusammenraufen.

Die Näheskala – Teil 3/3: Stabil oder instabil – das ist hier die Frage

Sobald zwei Menschen eine soziale Verbindung miteinander eingehen, findet zwischen den beteiligten Menschen, wie bei kommunizierenden Gefäßen, ein Energieaustausch statt. Auf der Näheskala passiert dies auf allen Ebenen, einen nennenswerten Effekt bemerken die meisten Menschen jedoch erst bei den höheren Ebenen: Je höher die Näheebene, desto „offener“ sind die Menschen einander gegenüber. Dementsprechend kann mehr Energie ausgetauscht werden, und der Effekt wird spürbarer.

Ein solcher Energieaustausch hat ausschließlich zwei mögliche Ergebnisse: Er kann entweder Energie produzieren oder Energie fressen. Neutral ist nicht möglich, da Energieaustausch immer Folgen hat, auch wenn diese von anderen, einflussreicheren Ereignissen übertönt werden.

Wie die stabilen Zustände funktionieren

Ein stabiler Zustand von 1 bis 6 ist daran erkennbar, dass die dazugehörigen Handlungen zwar einen Energieaufwand benötigen, aber in Summe mehr Energie produzieren, als am Anfang vorhanden war.

Beispiele:

Für eine stabile Ebene 5 (Freundschaft) müssen Treffen organisiert und wahrgenommen werden – das kostet Zeit und Energie. Dafür wirken mehrere gemütliche Abende mit Freunden in Summe entspannend und energiegebend (Unterstützung in einer Krise ausgenommen), sodass die beteiligten Menschen „mit Energie aufgetankt“ nachhause gehen.

Wie die Zwischenzustände (nicht) funktionieren

Ein Zwischenzustand ist daran erkennbar, dass er in Summe keine Energie freisetzt, sondern überwiegend Energie frisst: Die Beteiligten haben ständig das Gefühl, dass „etwas fehlt“, und fühlen sich nach den meisten Interaktionen oder sogar Gedanken an die betreffende Person genervt, verärgert, beleidigt, antriebslos, oder erschöpft.

Stabile Zwischenzustände gibt es per Definition nicht: Befinden sich Menschen auf einer Zwischenstufe, ist diese automatisch instabil: Die soziale Verbindung hat ein Ablaufdatum, nach dem sie ohne weiteres Zutun auf eine niedrigere stabile Stufe fällt. Welche niedrigere Stufe das ist, kommt auf die ehrlichen Wünsche und Interessen der Beteiligten des Zwischenzustandes an.

Um Zwischenzustände zu erkennen, habe ich die Näheskala auf die wichtigsten Spalten gewünschte Beziehungsform, gemeinsames Interesse und tatsächlich ausgeführte Handlungen verkürzt.

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken
2
(schließt 1 aus)
Überlebensgemeinschaft Keines Smalltalk,
Gemeinsames Systemerhalten,
Berufsgemeinschaft
1
(schließt alle anderen aus)
Abstoßung bis Feindschaft Einander Fernbleiben Ausweichen bis Wegweisen
bis Vernichten

Beispiele:

Eine instabile Ebene 5 (Freundschaft) kann so aussehen:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken
2
(schließt 1 aus)
Überlebensgemeinschaft Keines Smalltalk,
Gemeinsames Systemerhalten,
Berufsgemeinschaft
1
(schließt alle anderen aus)
Abstoßung bis Feindschaft Einander Fernbleiben Ausweichen bis Wegweisen
bis Vernichten

Die grün gefärbten Zellen sind die Lebensbereiche, die die Beteiligten aktiv miteinander teilen:

  • Die Beziehungsform ist beiderseits gewünscht
  • Das gemeinsame Interesse interessiert alle
  • Die Handlungen finden so statt, dass beide Menschen grundsätzlich zufrieden sind

Weiß gefärbte Zellen zeigen das Gegenteil:

  • Die Beziehungsform ist nur einseitig oder gar nicht gewünscht.
  • Das gemeinsame Interesse ist nur einseitig oder gar nicht vorhanden.
  • Die Handlungen passieren nicht, zu wenig, sekundärmotiviert, oder werden gar absichtlich vorgetäuscht.

Dies ist die häufigste Form eines instabilen Zwischenzustands: Nur die Handlungen einer bestimmten Ebene werden miteinander geteilt, während die gegenseitigen Wünsche oder das gemeinsame Interesse nicht derselben, sondern einer anderen Ebene entsprechen.

Das Energieminus entsteht aus der gegenseitigen Frustration der Bedürfnisse: Werden nur die Handlungen einer höheren Ebene miteinander ausgeführt, wecken diese bei eine_r oder beiden Beteiligten die (oftmals unbewusste) Sehnsucht, die gesamte höhere Ebene miteinander zu teilen. Wenn nur eine_r der Beteiligten oder sogar alle diese höhere Ebene aber nicht teilen möchten, weil sie dort nicht kompatibel sind oder gerade in einer Lebenssituation sind, in die das nicht passt, „saugt“ die ungeklärte, unvollständige Ebene dauernd Energie ab. Das Ergebnis sind gegenseitige Unzufriedenheit, hässliche Spielchen, und nach einiger Zeit emotionaler Schmerz.

In der zweithäufigsten Form eines instabilen Zwischenzustands ist der Wunsch und das gemeinsame Interesse zwar aufrecht, dieses wird jedoch nicht umgesetzt, weil die passenden Handlungen fehlen.

Im Fall einer Freundschaft: Ein Mensch mit dem ich kaum Kontakt habe und der nicht für mich da sein kann, auch wenn sier es gerne tun würde, ist kein_e Freund_in.

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken
2
(schließt 1 aus)
Überlebensgemeinschaft Keines Smalltalk,
Gemeinsames Systemerhalten,
Berufsgemeinschaft
1
(schließt alle anderen aus)
Abstoßung bis Feindschaft Einander Fernbleiben Ausweichen bis Wegweisen
bis Vernichten

Natürlich können auch mehrere Ebenen gleichzeitig unvollständig sein, was sich durch ein heftigeres Energieminus bemerkbar macht. Wenn solche großen Energieverluste über Monate hinweg unverändert bestehen, oder sogar mit mehreren Menschen gleichzeitig vorhanden sind, erzeugen sie Vorstadien von psychischen Erkankungen: Konzentrationsschwierigkeiten, extreme Gefühlsschwankungen, Gedächtnisverlust von minutenlangen Zeitabständen, Angstzustände.

Bleibt der Energieverbrauch über eine längere Zeit hinweg im Minus, empfiehlt es sich zu hinterfragen, ob mit diesem bestimmten Menschen tatsächlich die passende Nähe geteilt wird. Bei besonders wichtigen Bezugsmenschen wie einer Liebesbeziehung oder einer Freundschaft kann hier durchaus helfen, sich die Situation mit Coaching oder psychotherapeutischen Methoden genauer anzuschauen.

Ein Zwischenzustand hat zwei Möglichkeiten, stabil zu werden:

  1. Die beteiligten Menschen „füllen“ die unvollständigen Ebenen durch Zusammenarbeit sowie Ausdiskutieren und schließlich Lösen der vorhandenen Konflikte. Dadurch entsteht eine höhere stabile Ebene.
  2. Die beteiligten Menschen „leeren“ die unvollständigen Ebenen, indem sie Handlungen beenden, und/oder sich emotional damit abfinden, dass die gewünschte Beziehungsform oder das Interesse mit dem Gegenüber einfach nicht lebbar ist, und sich als Folge davon zurückziehen. Dadurch pendelt sich der ehemalige Zwischenzustand auf einer niedrigeren stabilen Ebene ein.

Wenn beide Beteiligten einen stabilen Zustand miteinander erreichen wollen, sich aber noch in einem Zwischenzustand darunter befinden, müssen sie Zeit, Energie und emotionale Arbeit investieren, um die gewünschte Ebene in einen stabilen Zustand zu bringen. In diesem Fall ist der erhöhte Energieverbrauch des instabilen Zwischenzustandes ein notwendiges Durchgangsstadium – ein gutes Beispiel dafür ist die Beziehungsarbeit in den (idealerweise) ersten Monaten einer Liebesbeziehung.

Natürlich erfordern auch alle darunterliegenden Ebenen diese Investition:

  • Für eine stabile Ebene 3 müssen die sexuellen Bedürfnisse aller Beteiligten freundlich und höflich verhandelt, und dann im Konsens und fair ausgelebt werden.
  • Für eine stabile Ebene 4 braucht es ein gemeinsames Diskussionsthema oder Hobby, für das es die notwendigen Fähigkeiten, Gegenstände und den Platz geben muss.
  • Eine stabile Ebene 5 benötigt lange tiefe Gespräche über einen längeren Zeitraum mit regelmäßigem Kontakt, um sich als Freund_innen kennenzulernen.

Sobald ein stabiler Zustand erreicht wurde, ändert sich das Energieerlebnis: Die betreffenden Menschen freuen sich, wenn sie sich treffen oder Kontakt miteinander haben, und haben meistens eine genussvolle Zeit miteinander. Sie fühlen sich nach den meisten gemeinsamen Interaktionen oder Gedanken an den anderen Menschen bestärkt und zufrieden.

Eine stabile Ebene produziert zwar überwiegend Energie, ist deswegen aber kein gleichbleibender Zustand und frei von Konflikten. Im Gegenteil, um die Ebene dauerhaft stabil zu halten, müssen die Beteiligten dranbleiben und immer wieder „nachlegen“, sodass die gewünschte Beziehungsform und die gemeinsamen Interessen aufrecht bleiben sowie die Handlungen in einem zufriedenstellenden Ausmaß und Weise passieren.

  • Auf der Ebene 3: Ändern sich sexuelle Bedürfnisse, müssen diese neu besprochen werden.
  • Auf der Ebene 4: Gibt es einen Konflikt über ein gemeinsames Thema, muss er gelöst werden, bis das gemeinsame Thema wieder flüssig läuft. Ist ein Thema weniger interessant, oder wurde ein gemeinsames Ziel erreicht, braucht es ein neues Thema.
  • Auf der Ebene 5: Gibt es in einer Freundschaft nicht mehr genügend Platz, um Gedanken und Gefühle auszutauschen, muss dieser geschaffen werden. Gibt es einen Konflikt, muss dieser gemeinsam ausdiskutiert und geklärt werden.
  • Auf der Ebene 6: Haben die Beteiligten einer Paarbeziehung / eines Polyküls untereinander einen Konflikt, muss dieser gelöst werden, damit sich die Beteiligten in der Gegenwart des/der Anderen wieder wohl fühlen und liebevolle Aufmerksamkeit(en) miteinander teilen können.

Wollte ein Beteiligter oder sogar alle von vorneherein auf keine höhere Stufe, oder will es zumindest jetzt nicht mehr, und beendet alle Erkennungszeichen der unpassenden höheren oder unvollständigen Ebene, fällt der Zwischenzustand nach einiger Zeit auf eine passende niedrigere stabile Ebene: Aus einer Freundschaft wird eine Bekanntschaft, und nach dem Wegfallen des notwendigen gemeinsamen Themas nur noch eine Überlebensgemeinschaft (Ebene 2). Das Zurückfallen auf eine niedrigere Stufe, wenn ursprünglich eine höhere Stufe gewünscht war, ist üblicherweise mit einer gewissen Zeit an emotionalem Schmerz in verschiedenen Größenordnungen verbunden, bis sich der betreffende Mensch mit der neuen, niedrigen Ebene vertraut gemacht hat.

Das Beispiel mit den Nähehandlungen:

Wir haben uns frisch kennengelernt und tauschen Handlungen der Ebene 6 (Schmusen, Küssen, Kuscheln) aus. Diese Handlungen bewirken oder verstärken eine gegenseitige Verliebtheit und einen Beziehungswunsch. Damit ist ein instabiler Zwischenzustand, nämlich eine unvollständige Ebene 6, gegeben. Führen diese Handlungen nicht zu einer Liebesbeziehung, oder gelingt uns eine Liebesbeziehung nur für eine begrenzte Zeit (= Trennung), wodurch der Wunsch danach, das Leben miteinander zu teilen, nicht erfolgreich erfüllt wurde, folgt emotionaler Schmerz. Dadurch fällt unser Verhältnis auf die nächste passende stabile Ebene. Das kann als gemeinsame funktionierende Nähe-Ebene die Ebene 5 (Freundschaft) – natürlich ohne Handlungen der Ebene Liebe – alle Ebenen dazwischen, oder aber in extremen Fällen die Ebene 1 (Feindschaft) bedeuten.

Das Beispiel mit den freundschaftlichen Handlungen:

Wir haben eine (angebliche) Freundschaft (Ebene 5): Daher treffen wir uns regelmäßig und unterhalten uns über unsere Gedanken und Gefühle. Auf einmal erleide ich einen Rückschlag in meinem Leben, etwa eine plötzliche, zu schnelle Änderung meiner Lebensumstände. Darüber würde ich mit dieser Freundschaft gerne reden und mir helfen lassen, mit der neuen Situation umzugehen. Das kann entweder durch tatsächliches Anhören des eigenen Kummers passieren oder durch gemeinsame Unternehmungen, um auf andere Gedanken zu kommen. Diese „Freundschaft“ verweigert mir aber nun die Unterstützung. Nicht aus eigenen ähnlich schwerwiegenden Problemen – das wäre verständlich – sondern aus blankem Desinteresse an meiner Situation. Stattdessen würde sier mit mir lieber:

  • ein gemeinsames Diskussionsthema besprechen (Ebene 4),
  • sich über Belanglosigkeiten unterhalten (Ebene 2),
  • oder mich mit den eigenen Alltagsproblemen volljammern
    (eine Auslagerung der eigenen Probleme auf der Ebene 1).

(Die Ebene 3 ist hier bewusst ausgelassen, da es aufgrund dem Versteckspiel mit der Ebene Lust hunderte Möglichkeiten gibt, wie ein solcher Wunsch indirekt kommuniziert werden kann.)

Dies deutet darauf hin, dass keine stabile Ebene 5 und somit keine Freundschaft (mehr) vorhanden ist. Dieser Mensch ist offensichtlich an einer geringeren Nähe mit mir interessiert – entweder als Bekanntschaft auf der Ebene 4 ein gemeinsames Hobby zu betreiben, oder auf der Ebene 3 Sex zu haben, usw. Da mein Gegenüber das Interesse an einer höheren Ebene, hier einer Freundschaft, teilweise oder gar ganz vorgetäuscht hat, empfinde ich emotionalen Schmerz über diesen Betrug.

Um eine derartige emotionale Verletzung zu verarbeiten, ist auf jeden Fall eine massive Einschränkung des Kontakts oder gar ein Kontaktabbruch über längere Zeit ratsam. Als Resultat fällt die geteilte Näheebene auf Ebene 2 (Überlebensgemeinschaft) oder sogar Ebene 1 (Feindschaft). Wenn sich danach beide Seiten eine höhere Ebene wünschen, kann diese nur nach einem solchen zeitlichen Abstand gesund – also ohne früheren emotionalen Ballast – angestrebt werden. „Gesund“ kann aber genauso bedeuten, mit diesem Menschen niemals wieder eine höhere Ebene als die Ebene 2 zu betreten.

Sobald sich der Zwischenzustand in eine niedrigere stabile Ebene umgewandelt hat, macht sich das durch ein positives Energieerlebnis bemerkbar: Der energiefressende Zustand ist beendet, und die neue, nun stabile Situation hat angefangen, Energie zu produzieren. Der betreffende Mensch fühlt sich erleichtert, beschwingt und ist zufrieden über die soziale Verbindung zu dem anderen Menschen. War das vergangene Energieminus besonders groß, kann der plötzliche Energiegewinn sogar eine wochenlang andauernde kreative Schaffensphase oder den Drang zum Lösen längst anstehender Probleme aus anderen Bereichen (Aufräumen, Sport machen, gesündere Ernährung, usw.) antreiben.