Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 1/6: Die Ebene 6 auf der Näheskala

Die Nähe, die in Liebesbeziehungen ausgetauscht wird, ist die größte menschenmögliche Nähe. Davon zeugen die zahlreichen Liebesgeschichten, sei es in Form von Heldenepen, Legenden, Liedern oder Erzählungen, in allen vergangenen und gegenwärtigen Kulturen der Menschheit. Die eurozentrische/westliche Gesellschaft bildet das in ihrer Popkultur ab – mit Liedproduktionen, Filmen, Serien und Werbung.

Der Ritualsatz einer Hochzeit “In guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet” steht für eine/mehrere erfüllte Liebesbeziehung/en, die kein Ablaufdatum hat/haben. Die elementare Sehnsucht besteht darin, das Leben miteinander zu teilen, was die größtmögliche Nähe und gemeinsame persönliche Entwicklung möglich macht.

Entgegen populären Überzeugungen steht die stabile Ebene Liebe allerdings nicht für die Umwandlung der anfänglichen Verliebtheit in ein “anderes” Liebesgefühl. Im Gegenteil, die Beteiligten können durch die Klärung der unteren Ebenen ihre Verliebtheit stabilisieren, sodass ein betreffendes Paar auch nach Monaten und Jahren auf Außenstehende wie ein frisch verliebtes Pärchen wirkt. Solange die Ebene Liebe stabil bleibt – also beide Seiten zu etwa gleichen Anteilen die benötigte Beziehungsarbeit investieren – kann die Verliebtheit ein ganzes gemeinsames Leben lang anhalten. Durch sie produziert eine stabile Ebene Liebe überwiegend Energie.

Mitbestimmung ist dabei ein fundamentales Recht von allen Beteiligten innerhalb einer Liebesbeziehung. Denn um das Leben miteinander zu teilen, müssen mit Konsens und Fairness alle Bereiche davon gemeinsam besprechbar sein. Es müssen sich durch Diskussion Vereinbarungen finden lassen, mit denen alle Beteiligten zufrieden sind. Bei Änderung von Bedürfnissen ist natürlich eine Anpassung der Vereinbarungen unter gegenseitiger Mitbestimmung mit Konsens und Fairness erforderlich. Besonders geht es dabei um Lebensentscheidungen, also um Entscheidungen, die auf das gesamte weitere Leben einen Einfluss haben. Dazu gehören:

  • das Sexleben zu zweit
  • die sexuelle Offenheit der Beziehung (= ob und wie die Beteiligten mit anderen Menschen Sex haben)
  • der Wohnort
  • ob Haustiere oder Kinder gewünscht sind, und wenn ja, wie viele
  • die romantische Offenheit der Beziehung (= ob und wie die Beteiligten Polyamorie anstreben)

Beispiele:

Menschen, mit denen ich eine andere Ebene als die Ebene 6 teile, haben kein Mitbestimmungsrecht, wenn es um Lebensentscheidungen geht: Gute Freunde werden zwar traurig sein, wenn ich den Wohnort so wechsle, dass Kontakt schwerer möglich ist, gemeinsam mit ihnen darüber verhandeln muss ich jedoch nicht. Wenn ein_e (angebliche) Freundschaft dennoch bei einer meiner Lebensentscheidungen mitbestimmen möchte (etwa wo ich wohnen möchte oder mit wem ich Sex habe), ist er_sie vermutlich auch in anderen Situationen ein schlechter Freund, da diese Person offensichtlich nicht versteht oder verstehen will, was eine echte Freundschaft ausmacht.

Mein/e Bezugsmensch/en auf der Ebene 6 hat/haben bei diesem Thema aber sehr wohl ein Mitbestimmungsrecht: Wenn ich will, dass unsere Ebene Liebe stabil ist und bleibt, muss ich darüber verhandeln und zu einem Ergebnis kommen, das für alle Beteiligten zufriedenstellend ist. Bei einer Diskussion über einen Wechsel des Wohnortes wären die Möglichkeiten:

  • Liebesbeziehung zieht mit
  • Ich wechsle den Wohnort doch nicht
  • Die Distanz des neuen Wohnortes ist für alle Beteiligten akzeptabel

Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 4/6: Wann ist (m)eine Liebesbeziehung gesund und stabil?

Eine stabile Ebene Liebe (= Ebene 6) beinhaltet immer die Ebene Lust (= Ebene 3). Nur Asexuelle, die tatsächlich keine sexuelle Regung welcher Art auch immer zu anderen Menschen empfinden, wären von diesem Verhältnis ausgenommen.

Wenn zwei oder mehr Menschen Nähehandlungen (Schmusen, Küssen, Kuscheln, Lieb-Streicheln) austauschen und Sex haben, handelt es sich um einen instabilen Zwischenzustand: Die Ebene 3 für sich wäre stabil, die Ebene 6 ist hingegen unvollständig.

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Verlieben sich die beteiligten Menschen in Folge ineinander, und entscheiden sich dafür, dass sie ein Paar sind, entfernt diese Entscheidung zwar Ungleichgewicht, der instabile Zwischenzustand besteht jedoch weiterhin:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Verstärkt sich das Commitment, sodass sich die beteiligten Menschen dafür entscheiden, ihr Leben miteinander zu verbringen, und sich gegenseitig Mitbestimmung in allen Lebensentscheidungen zuzugestehen, äußert sich dies auf der Näheskala folgendermaßen:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Ein gemeinsames Beziehungsleben, das ausschließlich aus Sex und Kuscheln besteht, wird aber schnell langweilig. Das gemeinsame Bedürfnis “Leben teilen” enthält deswegen automatisch die Ebene 4 (Bekanntschaft, gemeinsame Themen/Projekte) und die Ebene 5 (Freundschaft, tiefgehendes Interesse füreinander). Eine gesunde Liebesbeziehung muss daher mindestens ein gemeinsames Diskussionsthema, Hobby, oder Projekt haben (Ebene 4), als auch ein ehrliches gegenseitiges Interesse an den Gedanken und Gefühlen des Gegenübers (Ebene 5).

Wenn das Paar ein Haustier hat, oder ein Kind großzieht, und sich beide Seiten zu etwa gleichen Anteilen darum kümmern, ist sowohl Tierhaltung, als auch Kindererziehung übrigens ein vollwertiges gemeinsames Projekt im Sinne der Ebene 4.

Sind eine gemeinsame Ebene 4 und eine gemeinsame Ebene 5 zu Anfang einer Liebesbeziehung nicht vorhanden, können zwei Möglichkeiten der Fall sein:

  1. Es handelt sich (wahrscheinlich unbewusst) um eine Verwechslung von Sex und Liebe durch patriarchale Lügenkonstrukte: Die beteiligten Menschen wünschen sich in Wirklichkeit nur Sex zum Spaß im Sinn der Ebene 3 und haben sich sekundärmotiviert verliebt. Die Ebenen 4 und 5 miteinander zu teilen ist also im günstigsten Fall optional, im ungünstigsten Fall überhaupt gar nicht gewünscht.
  2. Die beteiligten Menschen wünschen sich tatsächlich voneinander eine Liebesbeziehung. Allerdings müssen sie das Ausleben jener Ebenen erst gemeinsam entdecken. Diesen notwendigen Schritt einer jeden ernsthaften Liebesbeziehung bezeichne ich als Beziehungsarbeit, oder bildhafter, Zusammenraufen.

Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 5/6: Zusammenraufen (mithilfe der Näheskala)

Die erforderliche Beziehungsarbeit kann unterschiedlich aussehen, je nachdem, wie gut die beteiligten Menschen konstruktive Konfliktbearbeitung in ihrer Lebensgeschichte gelernt haben. Einen wesentlichen Einfluss darauf hat die Konfliktfähigkeit der eigenen Eltern oder anderer wichtiger Bezugspersonen während der Kindheit: Menschen, die aus dysfunktionalen Familien stammen, und die sich als Erwachsene keine anderen Vorbilder gesucht und dazugelernt haben, haben meistens überwiegend destruktive Streittechniken verinnerlicht.

So haben Paare, die von vorneherein mit Konflikten gut umgehen können, einfach viele konstruktive Diskussionen, die zwar Energie verbrauchen, aber immer noch Zeit für schöne Momente lassen.

Paare, die das nicht können, entwickeln hingegen eine destruktive Streitkultur, die alle Beteiligten erschöpft und auslaugt. Um eine solche destruktive Streitkultur zu erzeugen, müssen Konflikte nicht unbedingt offen ausgesprochen werden. Wenn eine_r oder alle der Beteiligten Konfliktthemen ständig in sich hineinfressen, anstatt sie auszusprechen, entsteht dadurch ebenfalls ein destruktiver, energiefressender Zustand.

Während des Zusammenraufens kann die geteilte Nähe auf der Näheskala so aussehen:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Grüne Zelle der Ebene 5:
Das gemeinsame Interesse am Innenleben des Gegenübers ist zwar vorhanden, jedoch geht die Kommunikation darüber derart schief, dass die notwendigen Handlungen dazu nicht stattfinden.

Grüne Zelle der Ebene 4:
Die Handlungen für ein gemeinsames Thema/Projekt werden zwar ausgeführt, jedoch hat eine_r eine andere Vorstellung oder Gewichtung des Projekts, was er_sie unzureichend kommuniziert und/oder was vom Gegenüber ignoriert wird. Das gemeinsame Interesse am Projekt ist dadurch frustriert und nicht (mehr) aktiv.

Im obigen Beispiel wünschen sich alle Beteiligten der Liebesbeziehung grundsätzlich ein gemeinsames Diskussionsthema oder Hobby, und möchten ein freundschaftliches Verhältnis miteinander haben – der Flaschenhals sind die Kommunikation darüber und/oder die Umsetzung dieser Wünsche in konkrete Handlungen. Aus diesem Grund ist das Feld “Beziehungsform” immer grün.

Das ist allerdings nicht immer der Fall: Manchmal wollen eine_r oder alle der Beteiligten der romantischen Verbindung gar kein gemeinsames Diskussionsthema, oder freundschaftliches Verhältnis (mehr): Das ist ein Problem, da es auch noch die Motivation wegnimmt, auf die Beziehungsform aufbauende gemeinsame Interessen und Handlungen zu finden, und damit einen außerordentlich instabilen Zwischenzustand produziert.

Ob sich die Beteiligten eine bestimmte Beziehungsform wünschen, kann durch eine genaue Betrachtung der verwendeten Bezeichnungen geklärt werden: Sprache schafft Wirklichkeit(en)!

Bei der Ebene 6 ist das eindeutig: Wer sich “Liebesbeziehung”, “Ehepaar” oder “Paar” nennt, richtet unbewusst alle dazugehörigen Wünsche an das so bezeichnete Gegenüber.

Die Abhängigkeit von verwendeten Bezeichnungen gilt auch für die Ebenen Bekanntschaft und Freundschaft innerhalb einer Liebesbeziehung. Hier verstecken sich die entscheidenden Bezeichnungen allerdings hinter Situationsbeschreibungen – schließlich sagt niemand, sier sei mit diem Beziehungspartner_in “befreundet”. Dieser Zusammenhang wird erst in Zustandsbeschreibungen der Beziehung sichtbar, wie:

  • “Meinem Partner würde ich nie so viel erzählen, wie meiner besten Freundin.” (= kein Wunsch nach einem freundschaftlichen Verhältnis innerhalb der Beziehung vorhanden, Zelle “Freundschaft” bleibt weiß)
  • “Wir haben geheiratet! Ich verbringe mein Leben mit meiner besten Freundin!” (freundschaftliches Verhältnis innerhalb der Beziehung vorhanden, Zelle “Freundschaft” ist grün)

Ebenso gestaltet sich die Ebene Bekanntschaft innerhalb einer Liebesbeziehung:

  • “Mein Partner will seinen Hobbies alleine nachgehen. Wenn ich ihn etwas darüber frage, oder ihn begleite, ist er genervt. Er will einfach seine Ruhe.” (kein Wunsch nach einem gemeinsamen Diskussionsthema oder Hobby innerhalb der Beziehung vorhanden, Zelle “Bekanntschaft” bleibt weiß)
  • “Jeden zweiten Donnerstag im Monat gehen wir Karten spielen. Und einmal in der Woche musizieren wir gemeinsam. Mit der Arbeit ist das nicht leicht unterzubringen, aber es ist uns wichtig, und wir planen es fix ein.” (gemeinsames Hobby innerhalb der Beziehung vorhanden, Zelle “Bekanntschaft” ist grün)

Eine völlständig grüne Ebene 3 bedeutet, dass die Sexualität des Paares überwiegend geil und befriedigend ist. Paare, deren Sexualität aufgrund von Lügenkonstrukten des Patriarchats und/oder misslungener Kommunikation meistens unbefriedigend ist, finden sich in der Realität jedoch leider oft.

Die Näheskala spiegelt das folgendermaßen wieder:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Grüne Zelle der Ebene 5:
Gemeinsame Gespräche über mehr als Alltagsthemen finden zwar statt, allerdings viel zu selten und oft sekundärmotiviert: “Wenn ich dir bei einem Thema, das dich beschäftigt, zuhöre, mache ich das, damit ich im Eintausch Sex oder Aufmerksamkeit bekomme und nicht, weil mich dein Thema großartig interessiert.” Diese Sekundärmotivation bedeutet, dass das gemeinsame Interesse der Ebene 5 eben nicht oder zu wenig vorhanden ist.

Grüne Zelle der Ebene 4:
Das Interesse an einem gemeinsamen Thema/Projekt ist zwar auf beiden Seiten vorhanden, allerdings nimmt sich niemand (genügend) Zeit, um es umzusetzen. Daher finden die Handlungen der Ebene 4 nicht statt.

Grüne Zelle der Ebene 3:
Er herrscht ein Konflikt über das Ausleben der Ebene Lust. Eine häufige Situation ist, dass eine_r gemeinsam sexuelle Fantasien ausprobieren möchte, der_die Andere hingegen in einem fixen Schema feststeckt und keine neuen Erfahrungen machen will. Dadurch ist das gemeinsame Interesse an Sex frustriert und die entsprechenden Handlungen passieren seltener und/oder sind weniger lustvoll als noch zu Anfang der Beziehung.

Die folgende Variante ist ebenso möglich und geht davon aus, dass höchstwahrscheinlich vor Beziehungsbeginn bereits eine stabile platonische Freundschaft (= ohne Sex) vorhanden war:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Wertschätzende Gespräche und freundschaftliches Interesse füreinander sind also gegeben, während das gemeinsame Sexleben und gemeinsame Themen und/oder Hobbys erst miteinander entdeckt und auf eine stabile Ebene gehoben werden müssen. Dieses Paar hat bessere Voraussetzungen als das im oberen Beispiel, die fehlenden Ebenen zu entwickeln: Denn wenn die Möglichkeit zu guten Gesprächen über emotionale Inhalte bereits vorhanden ist, müssen einfach gute Gespräche über Sex und über gemeinsame Themen/Projekte begonnen werden.

Erst wenn durch zufriedenstellende Lösungen für alle Beteiligten die Ebenen 3 (Sex), 4 (Bekanntschaft), 5 (Freundschaft) und 6 (Liebesbeziehung) mit dem/den Menschen in Liebesbeziehung stabil gelebt werden können, handelt es sich um eine ganzheitlich funktionierende, stabile Ebene Liebe:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Die Näheskala – Teil 1/3: Vorstellung des Modells

Mein Lebensgefährte Nemo hat ein psychologisches Modell entwickelt: die Näheskala. Sie beschreibt unterschiedliche Stufen der sozialen Nähe zwischen Menschen. Sex auf der Ebene Lust und Verliebtheit/Beziehungswunsch/Partnerschaftsleben/Liebe auf der Ebene Liebe sind zwei verschiedene Stufen des Modells; es gibt aber noch weitere. Das gesamte Modell ist eine Tabelle und sieht so aus:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Art der Nähe Ausmaß der Nähe Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Intim Romantische Liebe Schmusen, Küssen, Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Emotional Platonische Zuneigung Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Intellektuell Intellektuelles Interesse Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sympathisch und Körperlich Erotische Lust Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken
2
(schließt 1 aus)
Überlebens-
gemeinschaft
Keines Nix Völlig Wurscht Smalltalk,
Gemeinsames Systemerhalten,
Berufsgemeinschaft
1
(schließt alle anderen aus)
Abstoßung bis Feindschaft Einander Fernbleiben Abstoßend Geh weg Ausweichen bis Wegweisen
bis Vernichten

Die Stufen sind von 1 (die wenigste Nähe) bis 6 (die größtmöglichste Nähe) aufgeteilt. Die beschriebenen Ebenen 1 bis 6 sind stabile Zustände. Sie können zeitlich unbegrenzt stabil existieren, solange von allen beteiligten Menschen diese gemeinsame Ebene gewünscht ist.

Instabile Zwischenzustände gibt es ebenfalls: Sie können nur für eine begrenzte Zeit halbwegs stabil existieren und haben immer ein Ablaufdatum.

Um den Ebenen Leben einzuhauchen, sind sie hier als Antwort auf die folgende Frage beschrieben:

Wie sehe ich andere Menschen auf einer bestimmten Ebene?

Ebene 1:
Dieser Mensch ist lästig, unausstehlich, akzeptiert meine Grenzen nicht oder ist sogar gefährlich. Am besten läuft er_sie mir nicht über den Weg. Tut er_sie es doch, reagiere ich mit Abweisen, Abblocken, Weggehen oder im schlimmsten Fall mit Gewalt zur Selbstverteidigung.

Ebene 2:
Diese Ebene verbindet mich mit den zufälligen Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Menschen an der Kassa beim nächstgelegenen Supermarkt oder den Arbeitskolleg_innen im Team der Firma. Solange niemand persönliche Grenzen überschreitet, sind wir uns grundsätzlich freundlich gesinnt. Wir teilen Smalltalk und Höflichkeiten, um gemeinsam das System zu erhalten.

Ebene 3:
Wir finden unsere Körper gegenseitig sexuell attraktiv und sind uns grundsätzlich sympathisch. Solange eine menschliche Grundhygiene und Konsens von allen Beteiligten eingehalten werden, und alle sich freundlich, höflich und fair verhalten, können wir uns gegenseitig ein geiles Erlebnis machen und uns gemeinsam darüber freuen. Mehr Kommunikation als Smalltalk im Sinne der Ebene 2 und Verhandlung über unsere gegenseitigen körperlichen Bedürfnisse ist nicht notwendig.

Diese Ebene hat eine Besonderheit: Sie kann aktiv oder nicht aktiv sein. Beide Varianten können sich für alle Beteiligten gut und passend anfühlen. Allerdings nur, solange der Status der Ebene 3 für beide Seiten geklärt ist. Ist sie nicht aktiv, wird sie einfach übersprungen. Das tritt ein, wenn die beteiligten Menschen untereinander sexuell nicht kompatibel sind. Das häufigste Beispiel dafür sind zwei komplett heterosexuelle Frauen, zwei komplett heterosexuelle Männer, oder eine komplett homosexuelle Frau und ein komplett homosexueller Mann, die miteinander bekannt oder befreundet sind.

Ebene 4 (Bekanntschaft):

Mit diesem Menschen habe ich regelmäßigen Kontakt. Wir haben ein oder mehrere gemeinsame Interessen, die wir teilen, wie ein Diskussionsthema, ein Hobby oder ein gemeinsames Projekt. Damit ist kein Projekt im Rahmen eines Unternehmens gemeint, sondern eine Freizeitbeschäftigung, für die wir uns freiwillig entschieden haben. Wenn zwei oder mehr Menschen zusammenarbeiten, um Selbsterfahung zu machen, etwa in einer Selbsterfahrungsgruppe, dient Selbsterfahrung als gemeinsames Interesse.

Unsere Bekanntschaft kann, bei gegenseitigem sexuellen Interesse, die Ebene 3 beinhalten. So arbeiten oder diskutieren wir und haben zwischendurch Sex zum Spaß. Beinhaltet unsere Ebene 4 die Ebene 3 nicht, muss das für alle Beteiligten klar sein. Ansonsten stört die ungeklärte Ebene 3 das Verhältnis und lässt Raum für Sekundärmotivationen: Würden wir das Projekt auch noch wollen, wenn eine_r klar sagt, dass kein sexuelles Interesse besteht?

Beispiele:

Wir spielen als Ebene 4-Projekt gemeinsam in einer Band. Eines Abends bekundet mein Gegenüber sexuelles Interesse an mir – ich lehne aber eindeutig ab, weil ich diesen Menschen sexuell nicht kompatibel finde oder gerade in einer Lebenssituation bin, wo das nicht passt. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, wie das Gegenüber reagiert:

  • In der Zeit danach wird das Projekt für diesen Menschen weniger interessant. Termine werden verschoben oder kommen nicht zustande. Im Extremfall verläuft das Projekt sogar im Sand. Dies ist ein Zeichen dafür, dass unsere Ebene 4 (Bekanntschaft) nie stabil war. In Wirklichkeit wäre es dem Gegenüber um das Ausleben einer stabilen Ebene 3 gegangen – und nicht mehr: Statt dem Hobby oder Projekt hätte er_sie lieber genussvollen Sex erlebt.
  • Verändert sich die Band als direkte Folge dieser Kommunikation unserer Bedürfnisse nicht, ist eine stabile Ebene 4 (Bekanntschaft) vorhanden. Das, was wir miteinander unternehmen (Musizieren) ist tatsächlich unser beider Hauptinteresse aneinander. Hätten wir zusätzlich Sex miteinander – schön. Haben wir ihn nicht – auch schön.

Ebene 5 (Freundschaft):
Mit diesem Menschen habe ich regelmäßigen Kontakt, allerdings meistens häufiger als mit Menschen der Ebene 4 (Bekanntschaft). Wir interessieren uns für die Gefühle und das Innenleben des Gegenübers: Wie sieht und erlebt mein Gegenüber die Welt? Erleidet dieser Mensch einen Rückschlag im Leben, möchte ich für ihn_sie da sein, genauso umgekehrt.

Die Ebene 3 und Ebene 4 sind hier optional: Wir können ein gemeinsames Hobby oder Projekt betreiben und parallel Gespräche über unser Innenleben teilen. Genauso können wir zwischen unseren Gesprächen mit oder ohne einem gemeinsamen Projekt Sex zum Spaß haben.

Beinhaltet unsere Ebene 5 die Ebene 3 oder die Ebene 4 nicht, muss das für alle Beteiligten klar sein. Ansonsten stören die ungeklärten unteren Ebenen das Verhältnis und lassen Raum für Sekundärmotivationen: Würde mein Gegenüber sich auch noch für meine Sicht auf die Welt interessieren, wenn:

  • ich klar sage, dass ich sexuell nicht interessiert bin?
  • wir kein gemeinsames Projekt mehr miteinander betreiben?

Beispiel für eine Ebene 5 mit ungeklärter Ebene 3:

Wir treffen uns regelmäßig und unterhalten uns über unsere Gedanken und Gefühle – wie es uns (ehrlich) geht, unsere Meinungen über die Welt, usw.

Eines Abends bekundet mein Gegenüber sexuelles Interesse an mir – ich lehne aber eindeutig ab, weil ich diesen Menschen sexuell nicht kompatibel finde oder gerade in einer Lebenssituation bin, wo das nicht passt. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, wie das Gegenüber reagiert:

  • Auf einmal hat dieser Mensch Ausreden, um sich nicht mit mir zu treffen. Von sich aus meldet er_sie sich seltener als vorher, oder gar nicht mehr. Dies ist ein Zeichen dafür, dass unsere Ebene 5 (Freundschaft) nie stabil war. In Wirklichkeit wäre es dem Gegenüber um das Ausleben einer stabilen Ebene 3 gegangen – und nicht mehr: Statt den Gesprächen hätte er_sie lieber genussvollen Sex erlebt.
  • Verändert sich unser Wunsch nach Kontakt als direkte Folge dieser Kommunikation unserer Bedürfnisse nicht, ist eine stabile Ebene 5 (Freundschaft) vorhanden. Unsere Gespräche sind tatsächlich unser beider Hauptinteresse aneinander. Hätten wir zusätzlich Sex miteinander – schön. Haben wir ihn nicht – auch schön.

Beispiel für eine Ebene 5 mit ungeklärter Ebene 4:

Wir spielen als Ebene 4-Projekt gemeinsam in einer Band. Zusätzlich dazu unterhalten wir uns immer wieder über unsere Gedanken und Gefühle, was einer freundschaftlichen Handlung entspricht. Auf einmal ändert sich aber etwas (z. B. ein anderes Bandmitglied verlässt die Band), wodurch unser gemeinsames Projekt nicht mehr funktioniert. Als Folge davon lösen wir die Band auf. Nun gibt es wieder zwei Möglichkeiten, wie das Gegenüber reagiert:

  • Weil es keine Band mehr gibt, sehen wir uns nicht mehr wie vorher zu den Proben. Allerdings schlagen alle Versuche, uns trotzdem zu treffen oder länger zu telefonieren, fehl: Über unsere Gedanken und Gefühle zu reden fühlt sich nicht mehr passend an – genaugenommen wissen wir nicht mehr, worüber wir nun reden sollen, seit es die Band als Diskussionsthema nicht mehr gibt. Wir haben mit der Zeit immer weniger und schließlich keinen Kontakt mehr. Dies ist ein Zeichen dafür, dass unsere Ebene 5 (Freundschaft) nie stabil war. In Wirklichkeit wäre es dem Gegenüber um das Ausleben einer stabilen Ebene 4 gegangen: ein gemeinsames Projekt – und nicht mehr.
  • Treffen wir uns nach Ende des Projekts hingegen weiter und können uns weiterhin über unsere Gedanken und Gefühle austauschen, ist eine stabile Ebene 5 (Freundschaft) vorhanden. Unsere Gespräche sind tatsächlich unser beider Hauptinteresse aneinander. Hätten wir zusätzlich ein gemeinsames Projekt miteinander – schön. Haben wir es nicht – auch schön.

Ebene 6 (Liebesbeziehung):
Das ist die Ebene Liebe. Wir sind ineinander verliebt/lieben uns und wollen so viel wie möglich von unseren Leben miteinander teilen. Dazu gehört Miteinander einschlafen, Kuscheln, füreinander die wichtigsten Bezugspersonen in allen Lebensfragen zu sein sowie ein gegenseitiges Mitbestimmungsrecht bei Lebensentscheidungen. Siehe: Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 1/3: Die Ebene 6 auf der Näheskala

Die Näheskala – Teil 2/3: Das Versteckspiel mit der Ebene Lust (= Ebene 3)

“Aber es ist doch eh klar, dass ich mit meinen Bekanntschaften und Freundschaften keinen Sex habe!”

Das denkst du dir vermutlich nach Die Näheskala – Teil 1/3: Vorstellung des Modells.

Ist das so?

Eine kleine Wiederholung:

Die patriarchale Lüge der Rolle “Frau” behauptet:

Frauen wollen keinen Sex, sondern nur Liebe.

Die monogame und die polyamore Lüge behaupten beide:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.

Alle diese Behauptungen sind Lügenkonstrukte des Patriarchats. Jede dieser Lügen kann von allen Geschlechtern mit allen sexuellen und romantischen Orientierungen eingenommen werden, egal ob Frau, Mann oder ein anderes Geschlecht.

Was sie gemeinsam haben: Das menschliche Grundbedürfnis nach Sex zum Spaß außerhalb einer angebahnten oder bestehenden Liebesbeziehung wird entweder völlig verleugnet oder – wenn es sich nicht mehr verstecken lässt – abgewertet und diskriminiert.

Die Folge davon ist, dass es außerhalb der Swinger_innen-Szene kaum Möglichkeiten gibt, das Bedürfnis nach einer gesunden, für alle Beteiligten funktionierenden Ebene Lust auszuleben. Dazu zählen heimliche Seitensprünge per Definition nicht: Die Tatsache, dass sie vor der eigenen Liebesbeziehung verheimlicht werden müssen, zeigt schon, dass hier etwas gar nicht funktioniert. Außerdem kann mindestens eine_r der heimlichen Affäre den Sex wegen der Heimlichkeit nicht wirklich genießen und/oder fühlt sich danach gegenüber dem_der Beziehungspartner_in nicht unbedingt ausgeglichen.

Im Alltag kann und darf also der Wunsch nach einer geilen, befriedigenden Ebene Lust nicht an ein passendes Gegenüber gerichtet werden:

“Hey, ich find‘ dich geil, möchtest du mit mir Sex haben?”

Und wenn es doch passiert, sorgt die patriarchale Lüge der Rolle “Frau”, die vorrangig Frauen einnehmen, schnell dafür, dass das Gegenüber, das diese Frage gestellt hat, abgewiesen und/oder abgewertet wird – obwohl alle Bedingungen für eine gesunde Ebene Lust erfüllt gewesen wären.

Da es also keinen direkten Weg zur Befriedigung dieser Wünsche gibt, baut die verleugnete Ebene 3 einen Druck auf, der sich über Umwege Bahn bricht: Denn um einfach so mit jemandem Sex zu haben, muss ich mich in diesem System zuerst anbekanntschaften, anfreunden oder sogar verlieben. Dabei ist der ehrliche Wunsch nach diesen oberen Ebenen mit diesem bestimmten Menschen oft gar nicht vorhanden. Daraus ergeben sich dann hässliche Spielchen auf beiden Seiten, die bei ihrem Auffliegen emotionalen Schmerz in verschiedener Größenordnung bewirken – je nachdem, ob der Wunsch nach einer Bekanntschaft, einer Freundschaft oder einer Liebesbeziehung vorgetäuscht wurde.

Das erwähnte “Vortäuschen” einer höheren Nähe-Ebene passiert allerdings meistens unbewusst, da auch die patriarchalen Lügenkonstrukte – sofern unbearbeitet – im Unbewussten verankert sind. So erkennt der Mensch, der eine dieser Ebenen vortäuscht, wenn überhaupt, erst nach erfolgtem Auffliegen den eigenen Irrtum – das “Verschicken” des Gegenübers ist dann aber bereits angerichtet. Außerdem haben fast immer alle Beteiligten daran einen Anteil: Denn das Gegenüber spielt oft beim “Verschicken” mit, weil er_sie sich daraus Vorteile erhofft, und findet danach ebenso eine ungute Situation vor. So täuschen Menschen in der Rolle “Frau” und der Rolle “Mann” ein bestimmtes Interesse am Gegenüber vor, während es ihnen um ein ganz anderes Interesse geht. Frauen, die sexuelles Interesse heucheln, um bekanntschaftliche oder freundschaftliche Aufmerksamkeit zu bekommen, nenne ich Entitlement Girls. Männer, die ein bekanntschaftliches oder freundschaftliches Interesse heucheln, um Sex zu bekommen, bezeichne ich als Entitlement Guys.

Disclaimer:

Natürlich kann zwischen zwei Menschen, die miteinander gelegentlich Sex zum Spaß haben, ein Wunsch nach Bekanntschaft, Freundschaft oder – in seltenen Fällen – einer Liebesbeziehung entstehen. Sekundärmotivationen und insbesondere sekundärmotivierte Verliebtheiten können aber nur bei einer geklärten Ebene 3 effektiv ausgeschlossen werden, wodurch die entsprechende Bekanntschaft, Freundschaft oder Liebesbeziehung dann auf einem ehrlichen Fundament zueinander aufgebaut werden kann.

Beispiele:

Das berühmte Thema “Können Männer und Frauen Freunde sein?”

Eine Frau und ein Mann sind gute Freunde. Beide sind heterosexuell und finden sich gegenseitig attraktiv (“würden den Anderen nicht von der Bettkante stoßen”).

Zu einem Treffen zieht die Frau gerne etwas Hübsches an, mit einem anschaulichen Dekolleté. Der Mann holt sich kurz vor dem Treffen einen runter. Beide handeln dabei aus Gewohnheit: Die Frau denkt beim Zurechtmachen für das Treffen “Ich will halt generell hübsch aussehen” – wozu sie sich sexy anzieht, liegt hingegen im Unbewussten. Genauso denkt sich der Mann (oder auch die Frau) am Abend zuvor, dass er jetzt gerade geil ist, schaut sich ein paar Pornos an, und befriedigt sich selbst. Dass nicht nur die momentane Geilheit, sondern das bevorstehende Treffen mit ein Grund dafür ist, liegt aber wiederum im Unbewussten.

Beide würden nie auf die Idee kommen, sich gegenseitig einfach so nach Sex im Sinne der Ebene Lust zu fragen. Würde sie jemand Dritter auf die sexuelle Anziehung zwischen ihnen aufmerksam machen, würden sie es beide abstreiten – ziemlich sicher vor anderen Menschen und wahrscheinlich auch vor sich selbst: “Uns geht’s doch nicht um Sex. Wir sind befreundet!!”

In dieser Situation kommt es darauf an, ob die beiden Beteiligten sich tatsächlich voneinander eine Freundschaft wünschen und Sex zum Spaß einfach ein leckeres Gewürz dazu wäre. Oder ob das freundschaftliche Interesse (teilweise oder gar ganz) Mittel zum Zweck ist, um damit sekundärmotiviert doch irgendwie Sex mit dem Gegenüber freizuschalten.

(Hetero- oder bisexuelle) Männer und Frauen können also sehr wohl Freunde sein – allerdings ist diese Freundschaft nur ehrlich, wenn beide Seiten über eine gemeinsame Ebene 3 kommuniziert haben und sie entweder ganz klar aktiv oder ganz klar nicht aktiv ist.

Die Näheskala – Teil 3/3: Stabil oder instabil – das ist hier die Frage

Wie die stabilen Zustände funktionieren

Ein stabiler Zustand von 1 bis 6 ist daran erkennbar, dass die dazugehörigen Handlungen zwar einen Energieaufwand benötigen, aber in Summe mehr Energie produzieren, als am Anfang vorhanden war.

Beispiele:

Für eine stabile Ebene 5 (Freundschaft) müssen Treffen organisiert und wahrgenommen werden – das kostet Zeit und Energie. Dafür wirken mehrere gemütliche Abende mit Freunden in Summe entspannend und energiegebend (Unterstützung bei Krisen ausgenommen), sodass die beteiligten Menschen “mit Energie aufgetankt” nachhause gehen.

Wie die Zwischenzustände (nicht) funktionieren

Ein Zwischenzustand ist daran erkennbar, dass er in Summe keine Energie freisetzt, sondern überwiegend Energie frisst: Die Beteiligten haben ständig das Gefühl, dass “etwas fehlt”, und fühlen sich nach den meisten Interaktionen oder sogar Gedanken an die betreffende Person genervt, verärgert, beleidigt, antriebslos, oder erschöpft.

Stabile Zwischenzustände gibt es per Definition nicht: Befinden sich Menschen auf einer Zwischenstufe, ist diese automatisch instabil: Die soziale Verbindung hat ein Ablaufdatum, nach dem sie ohne weiteres Zutun auf eine niedrigere stabile Stufe fällt. Welche niedrigere Stufe das ist, kommt auf die ehrlichen Wünsche und Interessen der Beteiligten des Zwischenzustandes an.

Um Zwischenzustände zu erkennen, habe ich die Näheskala auf die wichtigsten Spalten gewünschte Beziehungsform, gemeinsames Interesse und tatsächlich ausgeführte Handlungen verkürzt.

Beispiele:

Eine instabile Ebene 5 (Freundschaft) kann so aussehen:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken
2
(schließt 1 aus)
Überlebensgemeinschaft Keines Smalltalk,
Gemeinsames Systemerhalten,
Berufsgemeinschaft
1
(schließt alle anderen aus)
Abstoßung bis Feindschaft Einander Fernbleiben Ausweichen bis Wegweisen
bis Vernichten

Die grün gefärbten Zellen sind die Lebensbereiche, die die Beteiligten aktiv miteinander teilen:

  • Die Beziehungsform ist beiderseits gewünscht
  • Das gemeinsame Interesse interessiert alle
  • Die Handlungen finden so statt, dass beide Menschen grundsätzlich zufrieden sind

Weiß gefärbte Zellen zeigen das Gegenteil:

  • Die Beziehungsform ist nur einseitig oder gar nicht gewünscht.
  • Das gemeinsame Interesse ist nur einseitig oder gar nicht vorhanden.
  • Die Handlungen passieren nicht, zu wenig, sekundärmotiviert, oder werden gar absichtlich vorgetäuscht.

Dies ist die häufigste Form eines instabilen Zwischenzustands: Nur die Handlungen einer bestimmten Ebene werden miteinander geteilt, während die gegenseitigen Wünsche oder das gemeinsame Interesse nicht derselben, sondern einer anderen Ebene entsprechen.

Das Energieminus entsteht aus der gegenseitigen Frustration der Bedürfnisse: Werden nur die Handlungen einer höheren Ebene miteinander ausgeführt, wecken diese bei eine_r oder beiden Beteiligten die (oftmals unbewusste) Sehnsucht, die gesamte höhere Ebene miteinander zu teilen. Wenn nur eine_r der Beteiligten oder sogar alle diese höhere Ebene aber nicht teilen möchten, weil sie dort nicht kompatibel sind oder gerade in einer Lebenssituation sind, in die das nicht passt, “saugt” die ungeklärte, unvollständige Ebene dauernd Energie ab. Das Ergebnis sind gegenseitige Unzufriedenheit, hässliche Spielchen, und nach einiger Zeit emotionaler Schmerz.

In der zweithäufigsten Form eines instabilen Zwischenzustands ist der Wunsch und das gemeinsame Interesse zwar aufrecht, dieses wird jedoch nicht umgesetzt, weil die passenden Handlungen fehlen.

Im Fall einer Freundschaft: Ein Mensch mit dem ich kaum Kontakt habe und der nicht für mich da sein kann, auch wenn sier es gerne tun würde, ist kein_e Freund_in.

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken
2
(schließt 1 aus)
Überlebensgemeinschaft Keines Smalltalk,
Gemeinsames Systemerhalten,
Berufsgemeinschaft
1
(schließt alle anderen aus)
Abstoßung bis Feindschaft Einander Fernbleiben Ausweichen bis Wegweisen
bis Vernichten

Natürlich können auch mehrere Ebenen gleichzeitig unvollständig sein, was sich durch ein heftigeres Energieminus bemerkbar macht. Wenn solche großen Energieverluste über Monate hinweg unverändert bestehen, oder sogar mit mehreren Menschen gleichzeitig vorhanden sind, erzeugen sie Vorstadien von psychischen Erkankungen: Konzentrationsschwierigkeiten, extreme Gefühlsschwankungen, Gedächtnisverlust von minutenlangen Zeitabständen, Angstzustände.

Bleibt der Energieverbrauch über eine längere Zeit hinweg im Minus, empfiehlt es sich zu hinterfragen, ob mit diesem bestimmten Menschen tatsächlich die passende Nähe geteilt wird. Bei besonders wichtigen Bezugsmenschen wie einer Liebesbeziehung oder einer Freundschaft kann hier durchaus helfen, sich die Situation mit Coaching oder psychotherapeutischen Methoden genauer anzuschauen.

Ein Zwischenzustand hat zwei Möglichkeiten, stabil zu werden:

  1. Die beteiligten Menschen “füllen” die unvollständigen Ebenen durch Zusammenarbeit sowie Ausdiskutieren und schließlich Lösen der vorhandenen Konflikte. Dadurch entsteht eine höhere stabile Ebene.
  2. Die beteiligten Menschen “leeren” die unvollständigen Ebenen, indem sie Handlungen beenden, und/oder sich emotional damit abfinden, dass die gewünschte Beziehungsform oder das Interesse mit dem Gegenüber einfach nicht lebbar ist, und sich als Folge davon zurückziehen. Dadurch pendelt sich der ehemalige Zwischenzustand auf einer niedrigeren stabilen Ebene ein.

Wenn beide Beteiligten einen stabilen Zustand miteinander erreichen wollen, sich aber noch in einem Zwischenzustand darunter befinden, müssen sie Zeit, Energie und emotionale Arbeit investieren, um die gewünschte Ebene in einen stabilen Zustand zu bringen. In diesem Fall ist der erhöhte Energieverbrauch des instabilen Zwischenzustandes ein notwendiges Durchgangsstadium – ein gutes Beispiel dafür ist die Beziehungsarbeit in den (idealerweise) ersten Monaten einer Liebesbeziehung.

Natürlich erfordern auch alle darunterliegenden Ebenen diese Investition:

  • Für eine stabile Ebene 3 müssen die sexuellen Bedürfnisse aller Beteiligten freundlich und höflich verhandelt, und dann im Konsens und fair ausgelebt werden.
  • Für eine stabile Ebene 4 braucht es ein gemeinsames Diskussionsthema oder Hobby, für das es die notwendigen Fähigkeiten, Gegenstände und den Platz geben muss.
  • Eine stabile Ebene 5 benötigt lange tiefe Gespräche über einen längeren Zeitraum mit regelmäßigem Kontakt, um sich als Freund_innen kennenzulernen.

Sobald ein stabiler Zustand erreicht wurde, ändert sich das Energieerlebnis: Die betreffenden Menschen freuen sich, wenn sie sich treffen oder Kontakt miteinander haben, und haben meistens eine genussvolle Zeit miteinander. Sie fühlen sich nach den meisten gemeinsamen Interaktionen oder Gedanken an den anderen Menschen bestärkt und zufrieden.

Eine stabile Ebene produziert zwar überwiegend Energie, ist deswegen aber kein gleichbleibender Zustand und frei von Konflikten. Im Gegenteil, um die Ebene dauerhaft stabil zu halten, müssen die Beteiligten dranbleiben und immer wieder “nachlegen”, sodass die gewünschte Beziehungsform und die gemeinsamen Interessen aufrecht bleiben sowie die Handlungen in einem zufriedenstellenden Ausmaß und Weise passieren.

  • Auf der Ebene 3: Ändern sich sexuelle Bedürfnisse, müssen diese neu besprochen werden.
  • Auf der Ebene 4: Gibt es einen Konflikt über ein gemeinsames Thema, muss er gelöst werden, bis das gemeinsame Thema wieder flüssig läuft. Ist ein Thema weniger interessant, oder wurde ein gemeinsames Ziel erreicht, braucht es ein neues Thema.
  • Auf der Ebene 5: Gibt es in einer Freundschaft nicht mehr genügend Platz, um Gedanken und Gefühle auszutauschen, muss dieser geschaffen werden. Gibt es einen Konflikt, muss dieser gemeinsam ausdiskutiert und geklärt werden.
  • Auf der Ebene 6: Haben die Beteiligten einer Paarbeziehung / eines Polyküls untereinander einen Konflikt, muss dieser gelöst werden, damit sich die Beteiligten in der Gegenwart des/der Anderen wieder wohl fühlen und liebevolle Aufmerksamkeit(en) miteinander teilen können.

Wollte ein Beteiligter oder sogar alle von vorneherein auf keine höhere Stufe, oder will es zumindest jetzt nicht mehr, und beendet alle Erkennungszeichen der unpassenden höheren oder unvollständigen Ebene, fällt der Zwischenzustand nach einiger Zeit auf eine passende niedrigere stabile Ebene: Aus einer Freundschaft wird eine Bekanntschaft, und nach dem Wegfallen des notwendigen gemeinsamen Themas nur noch eine Überlebensgemeinschaft (Ebene 2). Das Zurückfallen auf eine niedrigere Stufe, wenn ursprünglich eine höhere Stufe gewünscht war, ist üblicherweise mit einer gewissen Zeit an emotionalem Schmerz in verschiedenen Größenordnungen verbunden, bis sich der betreffende Mensch mit der neuen, niedrigen Ebene vertraut gemacht hat.

Das Beispiel mit den Nähehandlungen:

Wir haben uns frisch kennengelernt und tauschen Handlungen der Ebene 6 (Schmusen, Küssen, Kuscheln) aus. Diese Handlungen bewirken oder verstärken eine gegenseitige Verliebtheit und einen Beziehungswunsch. Damit ist ein instabiler Zwischenzustand, nämlich eine unvollständige Ebene 6, gegeben. Führen diese Handlungen nicht zu einer Liebesbeziehung, oder gelingt uns eine Liebesbeziehung nur für eine begrenzte Zeit (= Trennung), wodurch der Wunsch danach, das Leben miteinander zu teilen, nicht erfolgreich erfüllt wurde, folgt emotionaler Schmerz. Dadurch fällt unser Verhältnis auf die nächste passende stabile Ebene. Das kann als gemeinsame funktionierende Nähe-Ebene die Ebene 5 (Freundschaft) – natürlich ohne Handlungen der Ebene Liebe – alle Ebenen dazwischen, oder aber in extremen Fällen die Ebene 1 (Feindschaft) bedeuten.

Das Beispiel mit den freundschaftlichen Handlungen:

Wir haben eine (angebliche) Freundschaft (Ebene 5): Daher treffen wir uns regelmäßig und unterhalten uns über unsere Gedanken und Gefühle. Auf einmal erleide ich einen Rückschlag in meinem Leben, etwa eine plötzliche, zu schnelle Änderung meiner Lebensumstände. Darüber würde ich mit dieser Freundschaft gerne reden und mir helfen lassen, mit der neuen Situation umzugehen. Das kann entweder durch tatsächliches Anhören des eigenen Kummers passieren oder durch gemeinsame Unternehmungen, um auf andere Gedanken zu kommen. Diese “Freundschaft” verweigert mir aber nun die Unterstützung. Nicht aus eigenen ähnlich schwerwiegenden Problemen – das wäre verständlich – sondern aus blankem Desinteresse an meiner Situation. Stattdessen würde sier mit mir lieber:

  • ein gemeinsames Diskussionsthema besprechen (Ebene 4),
  • sich über Belanglosigkeiten unterhalten (Ebene 2),
  • oder mich mit den eigenen Alltagsproblemen volljammern
    (eine Auslagerung der eigenen Probleme auf der Ebene 1).

(Die Ebene 3 ist hier bewusst ausgelassen, da es aufgrund dem Versteckspiel mit der Ebene Lust hunderte Möglichkeiten gibt, wie ein solcher Wunsch indirekt kommuniziert werden kann.)

Dies deutet darauf hin, dass keine stabile Ebene 5 und somit keine Freundschaft (mehr) vorhanden ist. Dieser Mensch ist offensichtlich an einer geringeren Nähe mit mir interessiert – entweder als Bekanntschaft auf der Ebene 4 ein gemeinsames Hobby zu betreiben, oder auf der Ebene 3 Sex zu haben, usw. Da mein Gegenüber das Interesse an einer höheren Ebene, hier einer Freundschaft, teilweise oder gar ganz vorgetäuscht hat, empfinde ich emotionalen Schmerz über diesen Betrug.

Um eine derartige emotionale Verletzung zu verarbeiten, ist auf jeden Fall eine massive Einschränkung des Kontakts oder gar ein Kontaktabbruch über längere Zeit ratsam. Als Resultat fällt die geteilte Näheebene auf Ebene 2 (Überlebensgemeinschaft) oder sogar Ebene 1 (Feindschaft). Wenn sich danach beide Seiten eine höhere Ebene wünschen, kann diese nur nach einem solchen zeitlichen Abstand gesund – also ohne früheren emotionalen Ballast – angestrebt werden. “Gesund” kann aber genauso bedeuten, mit diesem Menschen niemals wieder eine höhere Ebene als die Ebene 2 zu betreten.

Sobald sich der Zwischenzustand in eine niedrigere stabile Ebene umgewandelt hat, macht sich das durch ein positives Energieerlebnis bemerkbar: Der energiefressende Zustand ist beendet, und die neue, nun stabile Situation hat angefangen, Energie zu produzieren. Der betreffende Mensch fühlt sich erleichtert, beschwingt und ist zufrieden über die soziale Verbindung zu dem anderen Menschen. War das vergangene Energieminus besonders groß, kann der plötzliche Energiegewinn sogar eine wochenlang andauernde kreative Schaffensphase oder den Drang zum Lösen längst anstehender Probleme aus anderen Bereichen (Aufräumen, Sport machen, gesündere Ernährung, usw.) antreiben.

Wie funktioniert eine sexuell offene Beziehung? – Teil 1/3: Voraussetzungen

An wen richtet sich der Artikel?

Welche Orientierungen, sozialen Rollen, oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): alle
Romantische Orientierung(en): alle
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle “Frau”,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle “Mann”
Erweiterbar auf:

Die Ausgangssituation:
Ihr seid in einer monogamen (= sexuell geschlossenen) Liebesbeziehung. Ihr habt nie großartig darüber geredet, ob ihr tatsächlich sexuell geschlossen leben wollt – es ist einfach die Vorlage, die euch eure Eltern und euer Umfeld vorgelebt haben und die ihr automatisch übernommen habt. Aber da gibt es diese Fantasien, bei der Selbstbefriedigung oder beim Tagträumen, wenn dir/euch fad ist…

Als Frau in einer Hetero-Beziehung:

Du findest einen eurer gemeinsamen Freunde scharf und würdest gerne mal wissen, wie sein Schwanz aussieht oder wie er dich in einer sexuellen Situation geil machen würde.

Oder du würdest gerne personenunabhängig einen anderen Schwanz ausprobieren, einfach für die Abwechslung.

Oder du findest die neue Freundin von dem einen Bekannten scharf. Normalerweise stehst du nicht auf Frauen, aber sie hat so hübsche Brüste, das wäre doch geil, sie mal nackt zu sehen oder anzufassen.

Oder du würdest personenunabhängig gerne mal wissen, wie sich Sex mit einer anderen Frau anfühlt.

Als Mann in einer Hetero-Beziehung:

Du findest eine Frau in eurem Bekanntenkreis scharf und würdest gerne mal wissen, wie sie nackt aussieht oder wie sich ihre Pussy anfühlt, wenn du sie fickst.

Oder du würdest gerne personenunabhängig andere Brüste und eine andere Pussy ausprobieren, einfach für die Abwechslung.

Oder du hast früher mal gemeinsam mit Freunden gewichst. Ihr hattet zwar keine Frauen dabei, aber irgendwie geil war das schon. Wie wäre das jetzt gemeinsam mit einer Frau?

Oder du möchtest personenunabhängig gerne mal einen anderen Schwanz anfassen, einfach um zu wissen, wie sich das anfühlt.

Als Frau in einer lesbischen Beziehung:

Du findest eine eurer gemeinsamen Freundinnen scharf und würdest gerne mal wissen, wie ihre Pussy aussieht oder wie sie dich in einer sexuellen Situation geil machen würde.

Oder du würdest gerne personenunabhängig den Körper einer anderen Frau ausprobieren, einfach für die Abwechslung.

Oder du findest den einen Mann im Bekanntenkreis scharf. Normalerweise stehst du nicht auf Männer, aber hübsch ist er schon, und das wäre doch geil, ihn als biologischen Dildo auszuprobieren.

Oder du würdest personenunabhängig gerne mal wissen, wie sich Sex mit einem männlichen Körper anfühlt.

Als Mann in einer schwulen Beziehung:

Du findest einen eurer gemeinsamen Freunde scharf und würdest gerne mal wissen, wie sein Schwanz aussieht oder wie ihr miteinander ficken würdet.

Oder du würdest gerne personenunabhängig einen anderen Schwanz ausprobieren, einfach für die Abwechslung.

Oder du findest die neue Freundin von dem einen Bekannten scharf. Normalerweise stehst du nicht auf Frauen, aber sie hat so hübsche Brüste, das wäre doch geil, sie mal nackt zu sehen oder anzufassen.

Oder du würdest personenunabhängig gerne mal wissen, wie sich Sex mit einem weiblichen Körper anfühlt.

Ob hetero-, homo- oder bisexuelle Fantasien, die Gemeinsamkeit ist: Mit Beziehungsarbeit und lösungsorientierter Kommunikation sind alle diese Fantasien ohne Verheimlichung innerhalb einer schönen, stabilen Liebesbeziehung auslebbar – und zwar scheißegal, was euer Freundeskreis, euer Bekanntenkreis, eure Szene, eure Eltern oder eure Verwandten (sollten sie es je erfahren) davon halten!

Ihr wünscht euch also erotische Erlebnisse und Sex zum Spaß mit anderen Menschen. Die Bezeichnung dafür lautet Swingen. Swinger_innen sind demnach Menschen, die genauso wie ihr ihre Ebene Lust innerhalb und außerhalb ihrer gegenwärtigen Liebesbeziehung(en) ausleben wollen.

Und wie geht das jetzt?
  1. Nehmt euch Zeit in der Beziehung füreinander.
  2. Erzählt euch gegenseitig eure sexuellen Fantasien.
  3. Benennt Gefühle, die aufkommen, wenn ihr von den sexuellen Fantasien des Gegenübers hört:
    “Besonders geil finde ich, wenn…”
    “Das macht mir Angst, weil…”
    “Es macht mich wütend, wenn…”
  4. Benennt Ängste und redet darüber:
    “Ich habe Angst, wenn du…machen wirst, dass dann…passiert.”
  5. Erfindet Szenarien, wie ihr eure Fantasien gemeinsam ausleben könnt:
    “Stell dir vor, [scharfer Mensch] kommt zu Besuch und wir machen dann gemeinsam…”
  6. Erzählt sie euch gegenseitig beim Sex und macht euch damit gegenseitig geil.

An diesem Punkt spielen bereits die verinnerlichten, unbewussten Lügenkonstrukte unserer Gesellschaft eine Rolle:

Ein beliebter Anfänger_innenfehler ist nämlich, Nähehandlungen (Küssen, Kuscheln, Schmusen, Lieb-streicheln) der Ebene Liebe (= Näheskala-Ebene 6) und sexuelle Handlungen der Ebene Lust (= Näheskala-Ebene 3) zu vermischen.

Um emotionale Turbulenzen zu vermeiden, führt Nähehandlungen nur zwischen euch als Liebesbeziehung aus. Mit anderen Swinger_innen tauscht ganz bewusst NUR Handlungen der Ebene Lust aus. Wenn ihr andere Swinger_innen seht, die Nähehandlungen austauschen, sind das ziemlich sicher Pärchen/Polyküle, die das wie ihr auch nur untereinander machen.

Das fängt bereits bei sexuellen Fantasien an: Wenn ihr euch gegenseitig Geschichten erzählt, in denen Oralsex und spielerisch raufen mit anderen Menschen vorkommt – wunderbar, ihr erkundet gerade eure Ebene Lust. Macht ihr daraus hingegen Küssen und Kuscheln mit anderen Menschen, habt ihr eine Vermischung mit der Ebene Liebe, die euch noch viele Probleme machen wird.

“Aber dann ist Sex zum Spaß ja total mechanisch und gefühlskalt…dürfen wir andere Menschen nur an den Geschlechtsorganen anfassen?!”

Nein. Zu einer vollständigen Ebene Lust gehört (hoffentlich!) ja mehr als genitale Stimulation von einem mechanisch handelnden Menschen. Solltest du von so einem Erlebnis gehört haben oder eines erlebt haben, war es ganz einfach schlechter Sex.

Mit anderen Swinger_innen kannst du erotische Massagen, Muskeln am ganzen Körper aufmassieren, Geil-streicheln, Dirty Talk, Ausgreifen (lassen), Sich-gegenseitig-zusehen und vielleicht sogar etwas Spanking teilen. Und in dieser Auflistung war noch gar nicht die Rede von gemeinsamer Selbstbefriedigung, Handjobs, Fingern, Lecken, Blowjobs, Ficken, Sexspielzeuge, Vibratoren, … und das Ganze noch in der Gruppe mit einem anderen Pärchen oder mehreren Menschen…

Und, bei der Vorstellung geil geworden? 😉

“Ich kann mir Sex ohne Küssen nicht wirklich vorstellen. Fehlt da dann nicht etwas?”

Das ist eine typische Falle der patriarchalen Lügenkonstrukte unserer Gesellschaft. Du hast unbewusst entweder die monogame Lüge, die polyamore Lüge (= eine leichte Abwandlung der monogamen Lüge) oder überhaupt die patriarchale Lüge der Rolle “Frau” im Hintergrund laufen.

Das ist nicht deine Schuld – diese Konzepte wurden dir seit du ein Kleinkind warst von allen Seiten vorgelebt, vorgedacht und eingeredet. Es ist aber sehr wohl deine Verantwortung, diese Konzepte zu erkennen, sie auszubauen und durch deine authentischen und funktionierenden Konzepte zu ersetzen – wenn du eine sexuell offene Beziehung willst und nicht eh mit dem sexuell geschlossenen Status quo zufrieden bist.

Mach dir klar: Sex zum Spaß allein ist ein natürliches und völlig gerechtfertigtes Bedürfnis eines jeden Menschen, egal ob Frau, Mann oder weiteres Geschlecht. Du brauchst keine Verliebtheit, keine Liebe, kein Kuscheln und kein Küssen, um irgendein sexuelles Erlebnis mit einem neuen, fremden Menschen genießen zu können. Such dir Menschen, die selbstverständlich nach Konsens fragen und denen deine Lust genauso wichtig ist wie ihre eigene. Lass dich mit ihnen auf die Ebene Lust ohne Nähehandlungen, wie oben beschrieben, ein. Du wirst sehen, du wirst ein lustvolles Erlebnis haben, ganz ohne “Gefühlskälte”.

“Wir sind ein Pärchen und finden das mit den Nähehandlungen Bullshit. Wir wollen auch andere Menschen küssen und mit ihnen kuscheln.”

Das könnt ihr natürlich machen. Dieser Text hindert euch nicht daran. Seid dann aber nicht über die Konsequenzen überrascht: Nähehandlungen wecken bei allen Beteiligten unbewusst die Sehnsucht nach einer gemeinsamen Ebene Liebe.

Wenn ihr also Nähehandlungen auch mit anderen Menschen als in eurer Paarbeziehung austauscht, wird eure Beziehung darunter leiden, da auf einmal seltsame Unsicherheitsgefühle und nicht besprechbare Eifersucht auftauchen. Habt ihr mit Bekannten oder Freund_innen Sex, mit denen ihr dabei regelmäßig Nähehandlungen teilt, wundert euch nicht, wenn Crush-Gefühle oder romantisches Herzklopfen diesen Menschen gegenüber auf einmal Teil der Situation werden.

Macht euch bewusst: Die Vermischung von Handlungen der Ebene Lust und der Ebene Liebe sind der Hauptgrund, warum sich sexuell offene Beziehungen trennen oder nach einiger Zeit wieder sexuell geschlossen werden, weil nichts funktioniert hat.

“Wir sind ein Pärchen und haben angefangen, über unsere sexuellen Fantasien zu reden. Warum kommen auf einmal auch unangenehme Gefühle hoch und wir streiten?”

Wenn der_die Beziehungspartner_in mit jemand Anderem Sex haben möchte, können schnell Versagensängste und Angst um die Beziehung entstehen.

Hier ist es wichtig, die Lügenkonstrukte unserer Gesellschaft anzuschauen.

Die monogame und die polyamore Lüge behaupten:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.

Die monogame Lüge ergänzt außerdem:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.

Alle diese Behauptungen sind Teile eines patriarchalen Lügenkonstrukts und damit zu 100% falsch.

Wenn das Gegenüber sich Sex zum Spaß mit jemand Anderem wünscht, heißt das also nicht automatisch, dass er_sie:

  • in jemand Anderen verliebt ist
  • dich nicht mehr liebt
  • dich sexuell gesehen satt hat

Dennoch oder gerade deswegen müsst ihr auch über die negativen Seiten und eure Ängste reden.

Denn wenn eure gemeinsame Sexualität und/oder eure emotionale Nähe und euer Miteinander in eurer Liebesbeziehung grundsätzlich nicht (mehr) passen, ist eine sexuell offene Beziehung eine Flucht vor den Problemen und beschleunigt höchstwahrscheinlich eine ohnehin schon im Raum stehende Trennung.

Bevor ihr also irgendwelche Fantasien in die Tat umsetzt, besprecht, was ihr zu zweit besser machen könnt.

Auf der Näheskala-Ebene 3:

  • Gibt es eine sexuelle Fantasie, die ihr zu zweit gerne erleben würdet – ihr wart aber beide bisher nicht mutig genug, solche Fantasien anzusprechen?
  • Habt ihr eine bestimmte sexuelle Fantasie mit einem anderen Menschen, weil genau diese bestimmte Spielart zwischen euch als Beziehung nie, selten oder zu lustlos passiert?
  • Nervt euch eine bestimmte Verhaltensweise beim Sex?
    Typisch bei Hetero-Sex: Bei einem “Ja genau so” von der Frau ändert der Mann die Bewegung oder den Rhythmus und bringt die Frau damit total aus dem Konzept. Wenn eine Frau “Ja genau so” sagt oder signalisiert, meint sie das wörtlich! Lieber Mann, ändere also bitte nichts an deinen Bewegungen!

Auf der Näheskala-Ebene 4 und 5:

  • War es in letzter Zeit fad zwischen euch?
  • Seid ihr in einen Alltagstrott geraten, den ihr gerne sprengen würdet?
  • Würdet ihr gemeinsame Interessen gerne mehr oder besser ausleben?
  • Würdet ihr gerne mehr über das Innenleben eures Gegenübers erfahren?

Auf der Näheskala-Ebene 6:

  • Wünscht ihr euch mehr aktive Zeit miteinander?
  • Braucht eine_r oder beide häufiger Zärtlichkeit und Kuscheln?
  • Wünscht ihr euch mehr positives Feedback, Zuhören und/oder liebevolle Aufmerksamkeit(en)?

Gibt es auf einer oder mehreren dieser Ebenen ein Problem, könnt ihr mit dieser Verhaltenskaskade konstruktive Lösungen finden.

Wenn ihr total festgefahren seid, und nicht mehr wisst, wie ihr aus gegenseitigen Vorwürfen aussteigt, überlegt euch, ein Paar-Coaching oder eine Eheberatung zu machen. Wenige Sitzungen können oft aussichtslos erscheinende Probleme lösen. Eine ganz schlechte Idee ist allerdings, mit einer psychologischen Beratung bis “Entweder eine Beratung oder Trennung” zu warten. Beziehungen an diesem Punkt sind meistens so zerrüttet, dass selbst sehr erfahrene Paartherapeut_innen nur mehr eine Trennung mit dem geringsten gegenseitigen emotionalen Schaden anleiten können.

Wenn es auf Ebene 3, 4, 5 und 6 zwischen euch kein grundsätzliches Problem gibt oder ihr ein bestehendes Problem behoben habt, könnt ihr daran gehen, andere Menschen in eure Sexualität einzuladen und eure sexuellen Fantasien gemeinsam in die Tat umzusetzen.

Die Poly-Szene – Teil 4/7: Seriell-parallele Polyamorie oder: Le chien qui miaule

Wenn die Ebene Lust unterdrückt wird, fördert dies nicht nur die Einzementierung der patriarchalen Lüge und in weiterer Folge Rape Culture, sondern es werden sekundärmotivierte Verliebtheiten in neue Menschen begünstigt, die ohne die Unterdrückung der Ebene Lust vermutlich nicht oder viel schwerer entstanden wären.

Polyamorie bedeutet jedoch, dass mehrere Verliebtheiten/Liebesbeziehungen gleichzeitig möglich sind. In der seriellen Monogamie, die die monogame Lüge als Grundlage hat, wird bei einem neuen Beziehungswunsch die Ursprungsbeziehung beendet. Die Ideologie der Poly-Szene hat aber die polyamore Lüge als Grundlage: Deswegen bleibt die Ursprungsbeziehung (zunächst) bestehen und die neue Verliebtheit wird einfach angehängt.

Solange die polyamore Lüge aktiv ist, bleibt das neue Beziehungsgeflecht aus drei Menschen weiterhin romantisch offen. Verliebt sich eine_r der Menschen aus dem bestehenden Polykül neu, wird diese Verliebtheit also wieder angehängt, sodass es jetzt – als Paare oder Metamours – vier zusammenhängende Menschen gibt. Und so weiter. Daraus entstehen dann eine oder mehrere ungesunde Dynamiken zwischen allen Beteiligten.

Da es dafür noch keine eigenen Bezeichnungen gibt, haben mein Lebensgefährte Nemo und ich eigene erfunden: der miauende Hund und der seriell-parallele Durchlauferhitzer.

Ein Mensch, der “poly ist”, betreibt mehrere Verliebtheiten gleichzeitig und teilt die eigene Zeit unter diesen auf. Da aber immer wieder (üblicherweise mit einem Abstand von mehreren Monaten) eine neue Verliebtheit an das Beziehungsgeflecht angehängt wird, bleibt für die chronologisch älteren Verliebtheiten irgendwann nicht mehr genug Zeit und Platz, um die tiefe Nähe einer ernstgemeinten Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten.

Das setzt zuerst den miauenden Hund in Gang: Die gemeinsame Nähe sinkt von der tiefen Nähe einer Liebesbeziehung graduell auf die Nähe einer entfernten Bekanntschaft mit Sex. Diese Nähe wird dann von den Beteiligten immer noch als “Liebesbeziehung” bezeichnet, obwohl die gegenseitigen Wünsche und Handlungen nicht mehr viel damit zu tun haben: So kann einem Menschen in einer solchen “Liebesbeziehung” dann passieren, dass es dem angeblich verliebten Gegenüber herzlich egal ist, wenn er_sie krank ist. Die Katze wird also mit “Hund” angesprochen, miaut aber trotzdem, anstatt zu bellen.

Der miauende Hund besteht solange, wie die Beteiligten Wünsche und einzelne Handlungen der Ebene 6 trotzdem verwenden. Dazu gehört bei der Beziehungsform die (öffentliche und private) Bezeichnung als “Liebesbeziehung”, “Beziehung” oder “Paar”, der (meistens heimliche) Wunsch auf ein größeres Interesse des Gegenübers in Richtung “Leben teilen”, und natürlich Nähehandlungen (Miteinander einschlafen, Kuscheln, Küssen). Alle diese Verhaltensweisen befeuern im Unbewussten die Sehnsucht nach der tiefen Nähe einer echten Liebesbeziehung mit dem betreffenden Menschen. Das führt zu ständigen destruktiven Konflikten wegen des nicht mehr erfüllbaren Beziehungswunsches, also einen instabilen Zwischenzustand auf der Näheskala, ähnlich dem einer Nebenbeziehung.

Die Näheskala: Der miauende Hund (eine von mehreren Möglichkeiten)
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Bleibt das Beziehungsgeflecht weiterhin romantisch offen, beginnt der seriell-parallele Durchlauferhitzer: Die chronologisch älteren Verliebtheiten fallen nach und nach zugunsten einer neuen (meistens sekundärmotivierten) Verliebtheit, einer neuen “Hitze” also, irgendwann aus dem Beziehungsgeflecht. Entweder weil sie sich selbst lieber in neue Verliebtheiten investieren oder weil das Gegenüber keine Zeit mehr und/oder geringeres Interesse an Verbindungen hat, bei denen der miauende Hund aktiv ist und daher die anfängliche Verliebtheit weniger geworden oder verschwunden ist.

Um diese beiden Dynamiken zu verschleiern, ist in der Poly-Szene sogar eine eigene Philosophie entstanden: New relationship energy (engl. Energie einer neuen Verliebtheit), abgekürzt NRE. Diese behauptet, dass die Energie, die eine frische Verliebtheit mit sich bringt, den chronologisch älteren Beziehungen nützen würde und die jeweiligen Paare durch Mitfreude (über die neue Verliebtheit des_der Beziehungspartner_in) näher zueinander bringen würde.

In der Praxis habe ich allerdings ausschließlich das Gegenteil beobachtet: Genau die Menschen, denen die Verliebtheits-Energie angeblich nützt, verbringen immer weniger Zeit miteinander, wodurch deren Nähe als Paar über Zeit drastisch weniger wird. Langfristig produzieren beide Dynamiken zutiefst frustrierte Menschen, die wie Tantalos ständig die Hoffnung auf eine echte Liebesbeziehung vor Augen haben, welche aber, sobald sie diese leben wollen, auf ein kaum anwesendes, emotional kaltes Gegenüber trifft.

Wie auf der Näheskala ersichtlich, ist der miauende Hund ein instabiler Zwischenzustand und damit energiefressend. Bei jenen beteiligten Menschen, die mehrere solcher (ehemaliger) Verliebtheiten gleichzeitig betreiben, und sich daher in mehreren energiefressenden Situationen befinden, verstärkt das den energiefressenden Effekt drastisch, welcher dann bei allen Beteiligten psychische Probleme auslöst. Zusammen mit den enttäuschten Hoffnungen und eventuell Liebeskummer aus den Trennungen im seriell-parallelen Durchlauferhitzer führt eine ständig romantisch offene Lebensweise letztendlich zu chronischen psychischen Erkrankungen wie einer Depression oder einer Persönlichkeitsstörung.