Wie geht guter Sex? – Teil 3/4: Wie besorge ich es als Mann einer Frau so richtig?

An wen richtet sich der Artikel?

Welche Orientierungen, sozialen Rollen, oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): heterosexuell, heterosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): heteroamor, heteroamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): Mann
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf: alle Menschen, die sich überwiegend in der Rolle „Mann“ verhalten,
alle sexuellen und romantischen Orientierungen

Viele Hetero- oder Bi-Frauen in einer Hetero-Beziehung klagen das folgende Leid:

„Mein Freund/Mann stochert beim Sex nur irgendwie in mir herum. Seine Bewegungen fühlen sich zwar angenehm an, aber aufregend ist der Sex nicht. Ich komme beim Ficken selten / gar nicht. Mit einer anderen Spielart wie Selbstbefriedigung / Oralverkehr klappt es besser.“

Ein Mann, der „herumstochert“, wirkt auf die Frau so, als ob er seine Bewegungen nach dem Zufall oder nur nach seinem eigenen Lustgefühl auswählt.

Dass der Mann so ungeschickt ist, liegt fast immer daran, dass er mit Sex unerfahren ist. Entweder hat er noch nicht oft Sex gehabt, oder seine vergangenen Sex-Erlebnisse und/oder Ex-Beziehungen waren mit Frauen, die ebenfalls unerfahren waren und ihm keine Anleitung geben konnten.

Wie ich beobachtet habe, steckt hinter dieser ungeschickten Art aber ein System. Den wenigsten Männern ist es nämlich völlig egal, ob sie der Frau Lust machen. Der Grund sind vielmehr Verhaltensregeln der Rolle „Mann“, die die meisten Männer anerzogen bekommen. Eine falsche Überzeugung der Rolle „Mann“ behauptet:

„Mehr ist immer gleich besser.“

Das betrifft natürlich auch die männliche Sexualität – davon kommt die Obsession und der Minderwertigkeitskomplex vieler Männer, ob ihr bestes Stück auch groß genug ist („Größer ist immer gleich besser“). Für Frauen ist das Ausmaß dieser Sorge eines Mannes oft vollkommen unverständlich, entweder weil sie in der Rolle „Frau“ und damit ohne einen solchen Glaubenssatz erzogen wurden, oder weil sie als Besitzerinnen einer Scheide aus eigener Erfahrung wissen, dass ein zu großer Penis beim Sex kompliziert oder sogar schmerzhaft sein kann. Letzere finden den Mann mit dem größten Penis daher als erotisches Experiment durchaus interessant, bevorzugen aber für eine längerfristige Verbindung oder eine Beziehung einen Mann mit einer bequemen, praktischen Größe.

Beim Hetero-Sex, konkret beim Ficken in die Muschi – aber auch beim Fingern, Lecken, vaginaler Penetration mit einem Dildo sowie allen Arten analer Penetration – passiert nun Folgendes: Der Mann denkt, dass härter, schneller oder tiefer immer besser ist. Das führt dann zu zwei Verhaltensweisen, über die sich so viele Frauen beschweren, dass diese in Gesprächen unter Frauen bereits Klischeestatus erreicht haben:

  1. Am Beginn der Penetration dringt der Mann gleich mal bis zum Anschlag ein, gefolgt von schnellen Stößen, in der Annahme, dass die Frau bei so einem Raketenstart besonders abheben würde.
  2. Sobald die Frau erste Lustsignale zeigt, erhöht er (nochmals) sein Tempo oder stößt tiefer zu. Seine Annahme ist: Wenn seine Bewegungen vorher schon gut waren, dann müssen sie für die Frau schneller oder tiefer ja noch besser sein.

Beide Techniken sind jedoch ein Missverständnis: Die meisten Frauen funktionieren so nicht.

Raketenstart

Damit eine Frau Bewegungen in der Scheide überhaupt lustvoll finden kann, müssen zwei Bedingungen der Fall sein:

  • Entspannung: Sie muss genügend entspannt sein, damit sich ihre Muschi an den eingeführten Penis, Finger oder Gegenstand anpasst.
  • Feuchtigkeit: Sowohl ihre Scheide selbst als auch der Scheideneingang müssen feucht genug sein.
Entspannung

Jede Muschi bzw. die Muskeln rund um die Muschi passen sich automatisch an die Länge, Dicke und Form eines eingeführten Penis, Fingers oder Gegenstands an. Das macht der Körper jeder Frau automatisch, und ohne dass sie es bewusst mitbekommt. Die Dauer dieser Umstellung ist allerdings individuell verschieden – von wenigen Sekunden bis zu einigen Minuten. Beides ist gesund und richtet sich nach der Entspanntheit der Frau. Die (mögliche) Entspannung hängt übrigens wesentlich davon ab, ob sich die Frau in der sexuellen Situation sicher fühlt (Konsens), und der Mann sie höflich behandelt (Fairness)! Hat sie zu wenig Zeit bekommen, um sich auf die „Füllung“ einzustellen, reibt die Penetration an den noch unangepassten Stellen, was sich als unangenehmes Gefühl in der Muschi bemerkbar macht.

Feuchtigkeit

Zwar wird jede Frau feucht, wenn sie erregt ist, die Flüssigkeitsmenge ist jedoch von Frau zu Frau unterschiedlich. Manche rinnen förmlich aus, andere produzieren nur ein paar Tropfen, die von außen erst nach dem Sex sichtbar sind. Beides ist gesund und sagt nichts darüber aus, wie sehr sie gerade Sex will: Eine sehr feuchte Frau will deswegen nicht unbedingt harten Sex, und eine scheinbar trockene Frau kann gerade völlig spitz sein. Gehört sie zu den Frauen, die durch Eigenproduktion generell wenig feucht werden, oder hat sie gerade einen weniger feuchten Tag, kann eine gute Befeuchtung durch Gleitgel, Spucke, oder schleimhautverträgliche Cremes hergestellt werden (Wasser hilft übrigens nicht, weil es nicht gleitet!). Diese Gleitfähigkeit muss allerdings überall in der Scheide, außen rund um die Scheide und an den Lippen gegeben sein – andernfalls haftet und „zieht“ die Penetration an der zu trockenen Stelle und erzeugt dadurch ein unangenehmes Gefühl.

Die ersten paar Stöße sind daher sowohl dazu da, dem Körper der Frau zu ermöglichen, sich ausreichend anzupassen, als auch um die Befeuchtung gleichmäßig zu verteilen.

Wenn der Mann nun mit der größten Tiefe und/oder dem schnellsten Tempo die Penetration beginnt, erzeugt das bei den meisten Frauen nicht etwa die angepeilten Lustgefühle, sondern ein neutrales, langweiliges Gefühl oder ein unangenehmes Ziepen oder Reiben. Wohl eher nicht der ideale Anfang von gutem Sex. Für eine sensible Frau oder eine, die gerade eine Infektion (wie einen Harnwegsinfekt) hinter sich hat, kann diese Technik sogar hauptsächlich schmerzvoll sein, was ihre Lust auf den gerade angefangenen Sex höchstwahrscheinlich abrupt beendet.

Beschleunigung ist nicht gleich besser

Damit eine Frau (und jeder passive Sexualpartner) überhaupt Lust empfinden kann, muss sie sich „bewegen lassen“, also sich fallen lassen und mitschwingen. Wenn sie Lustsignale zeigt, tut sie das deswegen, weil sie gerade gut mitgeht – sie genießt also die Bewegungen des Mannes, wie sie jetzt gerade sind. Wenn der Mann an dieser Stelle seine Bewegung ändert, verändert er auch die Situation, in die sich die Frau hinein entspannt hat – und zieht ihr so das Lustgefühl plötzlich wieder weg. Die Frau braucht dann einige Zeit, um sich auf die neuen Bedingungen einzustellen. Sobald sie sich genügend entspannt hat, zeigt sie wieder Lustsignale – und der Mann beschleunigt wieder eine seiner Bewegungen, usw.

Diese lineare Abfolge zu durchschauen wäre ja noch einfach. Was das Ganze kompliziert macht, ist, dass ein Mann natürlich keine beliebig beschleunigbare Fickmaschine ist, sondern ein Mensch. Deswegen wird der Mann, der versucht, ständig zu beschleunigen und härter zu ficken, irgendwann plötzlich wieder langsamer werden, entweder weil ihm das schnelle Stoßen zu anstrengend geworden ist oder weil er durch die starke Reizung für seinen Geschmack zu schnell kommen würde (oder bereits gekommen ist).

Das bringt die Frau nun vollständig aus dem Konzept: Jedes Mal, wenn sie sich gerade gut entspannt hat und Lust empfindet, wird ihr das Lustgefühl weggezogen. Außerdem wird der Mann nicht nur abrupt schneller, sondern auch abrupt langsamer, und das in scheinbar zufälliger Reihenfolge, sodass sie nicht weiß, auf was sie sich nun einstellen soll. Das Ergebnis ist entweder eine Frau, die sich beim Sex übermäßig konzentrieren muss, um dabei dauerhaft Lust zu haben oder zu kommen – oder eine Frau, die gar nicht (mehr) mitmacht und die nur darauf wartet, bis er endlich kommt, weil ihr die Konzentrationsübung zu anstrengend (geworden) ist.

Als Mann kannst du aus dieser Spirale folgendermaßen aussteigen:

Egal wie dringend du sie hart ficken möchtest – beginne die Penetration immer halb so tief und halb so schnell als du es jetzt gerne hättest. Alternativ kannst du sie auch langsam (!) fingern, um sie zu entspannen und gleichmäßig feucht zu machen, bevor du deinen Penis verwendest. Wenn du Tiefe und/oder Tempo steigern willst, tu das als Faustregel erst nach dem fünften Stoß. Ausnahme: Sie sagt dir direkt, dass sie es gerne tiefer oder schneller hätte.

Wenn die Frau nach dieser Anfangsphase Lustsignale zeigt (also plötzlich schneller atmet, stöhnt, seufzt, oder „Ja“ sagt), beweg dich exakt so weiter, wie du gerade tust. Dabei ist es übrigens egal, ob du sie gerade schnell oder langsam fickst – Hauptsache, der Rhythmus bleibt gleich! Wähle daher am besten eine ausreichend bequeme Stellung sowie Tiefe und Tempo so, dass du länger als ein paar Sekunden ohne Änderung weitermachen kannst.

Ändere Tiefe und Tempo nur dann, wenn:

  • sie dir direkt sagt, dass sie es jetzt gerne schneller oder langsamer, tiefer oder weniger tief hätte
  • du die Bewegung selbst zu wenig lustvoll findest
  • oder du unbequem liegst/sitzt/stehst und eine bequemere Position finden willst.

Wenn deine Freundin/Frau nicht (mehr) mitmacht (du also nicht erkennen kannst, ob sie gerade döst, im Kopf die nächste Einkaufsliste schreibt, auf den in der Nähe laufenden Fernseher starrt, oder mit dir Sex hat), bitte sie darum, dir während dem Sex zu zeigen oder zu sagen, was sich gut anfühlt. Wenn sie nicht stöhnen möchte, ist das kein Problem – sie kann auch einfach „Ja“ an den Stellen sagen, wo es für sie gerade lustvoll ist.

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die männliche Lust eher in einer stetigen exponentiellen Kurve, die weibliche Lust aber eher in größer werdenden Wellen kommt. Wenn sich etwas für die Frau ein paar Sekunden lang eher lauwarm anfühlt, macht das nichts – die nächste Lustwelle ist höchstwahrscheinlich schon auf ihrem Weg. Wenn sie hingegen signalisiert, dass sich etwas länger als eine halbe Minute lauwarm anfühlt und auch nicht besser wird – oder generell eine Reaktion zeigt, mit der du dich nicht auskennst – pausiere deine Bewegungen, und frage sie, was sie sich gerade von dir wünscht. Wenn sie dir das nicht sagen kann, weil sie sich selbst nicht sicher ist, ermutige sie, ein bisschen herumzuprobieren. Wenn sie selbstbewusst ist, wird sie von alleine mit dem Herumprobieren beginnen.

Lass ihr dafür Zeit und Platz: Sie wird nicht sofort die perfekte Position finden (können), und etwa mehrmals Arme, Beine oder Becken neu positionieren, bevor ihr weitermachen könnt. Eventuell fordert sie dich auf, mit den Bewegungen weiterzumachen, und signalisiert kurz darauf, dass sie sich eine weitere Unterbrechung wünscht, weil sich die Stellung doch nicht so gut anfühlt, wie sie dachte. Die folgenden Lösungen sind häufig:

  • die Position geringfügig zu verlagern
  • zusätzliche Befeuchtung zu verwenden oder nachzulegen
  • das Tempo zu ändern
  • die Tiefe zu ändern
  • oder sogar eine andere Stellung auszuprobieren.

Alle diese Verhaltensweisen sind gesund und ein wesentlicher Bestandteil von gutem Sex – sie ermöglichen, die besten Bedingungen zu finden, unter denen alle Beteiligten gleichermaßen Lust empfinden können.

Frage sie nicht sofort nach der Änderung, ob sie es besser findet – so schnell kann sie das gar nicht wissen, da sich ihr Körper erst auf die neuen Bedingungen einstellen muss. Mach einfach weiter: Wenn die Änderung eine gute Idee war, wirst du es an ihren erneuten Lustsignalen erkennen. Falls du dir unsicher bist, kannst du natürlich nachfragen – aber bitte mit etwas Zeitverzögerung.

Pass auf, falls du feststellst, dass du Ergebnisse ihres Herumprobierens plötzlich nicht so attraktiv findest und ihr das mitteilen möchtest. Sie wurde in der Rolle „Frau“ erzogen, was bedeutet, dass sie ihr Leben lang vom Großteil ihres Umfelds für ihre Sexualität und Eigeninitiave abgewertet wurde. Dass sie sich nun darauf eingelassen hat, ihren Körper zu spüren, und vor dir damit experimentiert, hat daher bereits eine Menge Mut erfordert. Wenn du ihr Herumprobieren jetzt abschätzig, ungeduldig und/oder genervt über dich ergehen lässt, oder sogar abwertend kommentierst („Du schaust aber seltsam aus!“, „‚Wäh, was machst du da?!“, „Bist du eine Schlampe, oder was?“, usw.), kann das bewirken, dass sie entweder:

  • kein weiteres Mal mit dir Sex haben wird,
  • dich aufgrund deines unfairen Verhaltens verärgert konfrontiert,
  • oder unbewusst in ihre anerzogene Rolle zurückfällt, und es Wochen oder Monate mit langweiligem oder gar keinem Sex dauert, bis sie dir wieder genügend vertraut, um eure Quest für guten Sex wiederaufzunehmen.

Als beste Strategie schau ihr daher beim Herumprobieren einfach kommentarlos zu und/oder unterstütze sie dabei (Polster zurechtrücken, Gleitgel reichen, usw.). Wenn du merkst, dass du ungeduldig wirst, entspanne dich mit dem Gedanken, dass euer Sex nicht immer so bleiben wird, sondern dass sie gerade Techniken herausfindet, die sie in ein paar Monaten viel schneller anwenden wird (können), weil sie durch das Herumprobieren ein gutes Gespür für ihren eigenen Körper, ihre sexuellen Wünsche, und dich als Sexualpartner entwickeln konnte. Was du sehr wohl mitteilen kannst und auch sollst, sind hingegen Komplimente, oder wenn es für dich körperlich unangenehm wird.

Auf den ersten Blick ist eine sexuell unerfahrene Frau, die Sex mit dir sehr wohl genießen möchte, aber einfach nicht besser weiß, wie sie das in die Tat umsetzen kann, nur schwer zu unterscheiden von einer absichtlich ignoranten Frau, die gar kein Interesse daran hat, mit dir Lust zu empfinden, sondern den Sex stattdessen als Währung einsetzt, um von dir romantische Aufmerksamkeit, Geschenke oder finanzielle Unterstützung zu erpressen („sich aushalten lassen“). Die Anwendung aller dieser Maßnahmen ermöglicht dir, zweifelsfrei zu erkennen, welchen der beiden Typen du vor dir hast.

Du hast es wahrscheinlich mit einer absichtlich ignoranten Frau zu tun, wenn sie:

  • sie auf deine Bitten, dir mitzuteilen, was sie denn gut oder nicht gut findet, nicht reagiert – sowohl während dem Sex, als auch in Gesprächen danach,
  • zwar behauptet, dass sie beim Sex interaktiver sein möchte, aber dann wieder erstarrt und nichts tut, und dich nie wieder darauf anspricht
  • dich aggressiv anfährt, wenn du eine Pause machst, und sie freundlich fragst, was sie sich wünscht
  • dir vorhält, dass deine Gesprächsversuche „unreif“ oder „nervig“ wären, und dass „ein echter Mann“ ihre Bedürfnisse von alleine und ohne zu fragen wissen müsse – oder ein vergangener Sexualpartner es einfach so gewusst hätte.

Sollte sie eine dieser Reaktionen ausfahren, brich den Sex am besten ab und fordere faires Verhalten ein. Wenn sie sich nicht auskennt, und nachfragt, hat sie wahrscheinlich aus Angst destruktiv reagiert, da sie voreilig annimmt, dass du sie wie so viele andere Männer vor dir abwerten wirst, sobald sie ehrlich ihre Lust herzeigt. Sei dann sehr freundlich zu ihr, und versichere ihr, dass du sie weiterhin fair behandeln wirst. Falls sie jedoch keine Lernbereitschaft zeigt und versucht, einen Streit vom Zaun zu brechen, zieh dich an und gehe (Ja, auch wenn die Sexpartnerin deine Freundin/Frau ist. Besser ein Streit, nach dem ihr dann besseren Sex habt, als ein Leben lang schlechten Sex.)

 

Wie sieht die patriarchale Lüge genau aus?

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In der Praxis bewirkt die aktive patriarchale Lüge, dass Frauen ihre Sexualität unterdrücken, da sie angeblich nur Liebe wollen. Nur in einer angebahnten oder bestehenden Liebesbeziehung werden diese Bedürfnisse ausgelebt. Die sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen, die nur auf der Ebene Lust existiert, wird jedoch vor sich selbst und vor Anderen abgelehnt, um die falsche Idee, Sex nur in Kombination mit Liebe zu wollen, aufrechtzuerhalten.

Die Ebene Lust ist allerdings die direkte Standleitung zur eigenen Lebensenergie. Die Unterdrückung dieser bewirkt, dass Frauen im Vergleich zu Männern eine gewisse soziale „Trägheit“ aufweisen: So tendieren Frauen eher als Männer dazu, sich den Werten Anderer anzupassen und starre Systeme aufrechtzuerhalten; ebenso gibt es viel weniger weibliche als männliche Kunstschaffende (was nicht nur an den besseren Karrieremöglichkeiten für Männer liegt).

Männer handeln in der aktiven patriarchalen Lüge umgekehrt. Sie unterdrücken ihren Wunsch nach Fairness, Liebe und Zärtlichkeiten, um typischen Eigenschaften der Rolle „Mann“ wie „hart, unnahbar, allzeit sexuell bereit“ zu entsprechen. Sie leben die Ebene Lust daher aktiv aus, lehnen aber die Ebene Liebe vor sich selbst und vor Anderen ab, um so wiederum ihre falsche Idee aufrechtzuerhalten.

Die Unterdrückung der Ebene Liebe hat zur Folge, dass auch Wahrnehmungen und Handlungen auf Ebenen, wo es überhaupt nicht um Romantik geht, gedämpft sind oder gar ganz ausbleiben. Ein typisches Beispiel dafür sind Männer, die ihre Ebene Liebe so sehr unterdrücken, dass sie sogar auf der Ebene Freundschaft ihren besten männlichen Freund nicht so umarmen können, wie sie das gerade gerne tun würden. Auf allen Ebenen leidet die Fähigkeit, Empathie gegenüber Mitmenschen zu spüren und zu zeigen, sei es im Arbeitsumfeld oder bei der Anbahnung oder Auslebung eines sexuellen Interesses.

Eine akkurate Beschreibung und gleichzeitig Parodie der Rolle „Mann“ bietet das Lied „Männer sind Schweine“ von den Ärzten.

Kleine Wiederholung:

Die Ebene Liebe schließt die Ebene Lust mit ein.
Die Ebene Lust existiert aber auch unabhängig ohne die Ebene Liebe.

Für Sex braucht es eine menschliche Grundhygiene, sich gegenseitig attraktiv und sympathisch genug zu finden, sowie Konsens und Fairness von allen Beteiligten.

Für eine Liebesbeziehung braucht es alles, was für Sex notwendig ist – und zusätzlich Kennenlernen, zusammenpassende Interessen, Vertrauen, Verliebtheit und den Wunsch, möglichst viel vom eigenen Leben miteinander zu teilen.

Eine Liebesbeziehung ist also viel voraussetzungsvoller als ungezwungener Sex.

Jemanden geil zu finden ist demnach einfach, jemanden als ganzen Menschen ehrlich gemeint (!) so anziehend zu finden, dass Verliebtheit/Beziehungswunsch möglich ist, schon schwerer.

Daher tritt das Bedürfnis nach Handlungen der Ebene Liebe generell seltener auf als das Bedürfnis nach Sex – ganz einfach weil auf der Ebene Liebe weniger Menschen zu einem passen, als auf der Ebene Lust.

Treffen nun die sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ mit ihren jeweiligen Unterdrückungsmechanismen und falschen Ideen aufeinander, fällt ein Unterschied sofort ins Auge:

Frauen scheinen in der Anbahnung von sozialem Kontakt mit neuen Menschen passiver: Ihr Bedürfnis nach Liebe, das die inneren Grenzen ungehindert passieren darf, findet einfach seltener einen Resonanzmenschen als ihr Bedürfnis nach Sex, das ja unterdrückt wird. Diese Unterdrückung bewirkt, dass Resonanzmenschen auf der Ebene Lust gar nicht erst wahrgenommen werden. Daher haben Frauen Schwierigkeiten, Resonanzmenschen rein auf der Ebene Lust zu erkennen („Es gibt echt kaum hübsche Männer!“) oder – falls doch einmal einer über die Schwelle ins Bewusstsein schwappt – aktiv auf solche zuzugehen („Ich finde ihn nicht geil – ich schau weg. Ich finde ihn geil – ich schau weg.“). Bleibt das Ganze unbewusst, kann sich ein Umweg über die patriarchale Lüge bilden: Dann verliebt sich die Frau sekundärmotiviert, weil sie einen Sex-Resonanzmenschen fälschlicherweise als Resonanzmenschen auf der Ebene Liebe einordnet.

Bei Männern ist wieder das Gegenteil der Fall; sie scheinen raumeinnehmend: Ihr Bedürfnis nach Sex darf ihre inneren Grenzen ungehindert passieren, ihr Bedürfnis nach Liebe wird hingegen unterdrückt. So können sie ständig Resonanzmenschen auf der Ebene Lust wahrnehmen und ansprechen. Die Anzahl der Resonanzmenschen ist im Vergleich zur scheinbaren Auswahl aus der Sicht von Frauen natürlich mehr, denn die Ebene Lust beinhaltet von vorneherein mehr mögliche Kandidat_innen als die Ebene Liebe. Männer haben dann aber, weil sie die Ebene Liebe unterdrücken, Schwierigkeiten, mit einem Gegenüber empathisch und fair umzugehen, also u. A. das Gegenüber nicht zu überfahren –  womit sie sowohl bei der Anbahnung eines One-Night-Stands als auch bei der Anbahnung einer Liebesbeziehung dafür ungeeignete Menschen anziehen, denen als Reaktion dann die Wünsche des betreffenden Mannes ebenso egal sind.

Ein Mann hat in diesem System höhere Erfolgschancen, sein Bedürfnis nach Sex auszuleben, wenn er durch Nähehandlungen wie Küssen, Streicheln oder Kuscheln die Ebene Liebe bei einer Frau anspricht. Denn die Ebene Liebe muss in der Rolle „Frau“ erst eingeschalten werden, um die Ebene Lust freizuschalten.

Damit ziehen auf der Highscore-Liste der patriarchalen Lüge Menschen, die die Rolle „Frau“ einnehmen, automatisch den Kürzeren:

Stimmt die Frau einer sexuellen Interaktion zu, bekommt der Mann wenigstens die Erfüllung seines Bedürfnisses nach Sex. Eine Frau bekommt weder das eine, noch das andere, da ihr Fokus auf der Erfüllung ihres Nähe-Bedürfnisses auf der Ebene Liebe liegt, das durch die „leeren“ Handlungen des Mannes von vorneherein nicht inkludiert war.

Aus einer größeren Entfernung verlieren allerdings beide Rollen/alle Geschlechter:

Denn natürlich wünschen sich Frauen Liebe und geilen Sex.
Und natürlich wünschen sich Männer geilen Sex und Liebe.

Und zwar sowohl als Ebene Liebe und Ebene Lust kombiniert (= Verliebtheit/Liebesbeziehung), als auch auf der Ebene Lust an sich (= Sex zum Spaß).

Im Endeffekt erlebt also niemand, was sier sich wünscht.

Die Einzementierung der patriarchalen Lüge – Teil 1/2: Im Hetero-Mainstream oder: Warum wollen Frauen nur Arschlöcher?

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  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
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  • Mensch in der Rolle „Frau“ wünscht sich Liebe von einem Menschen in der Rolle „Mann“,
  • Mensch in der Rolle „Mann“ wünscht sich Sex von einem Menschen in der Rolle „Frau“,
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen.

Die patriarchale Lüge behauptet:

Frauen wollen keinen Sex, sondern nur Liebe.
Männer wollen keine Liebe, sondern nur Sex.

Wenn diese beiden Rollen aufeinander treffen, haben wir einen Mann, der seinen Wunsch nach Sex direkt an eine Frau richtet – und eine Frau, die angewidert ablehnt, da Sex nur gemeinsam mit der Ebene Liebe existieren darf – und die ist nicht Teil vom Paket.

Die angeborene ehrliche Kommunikation zwischen den Geschlechtern wird dadurch abgeschnitten. An ihre Stelle tritt mit den anerzogenen Rollen eine Kommunikation voller Sekundärmotivationen und „Spielchen“ – von Frauen und Männern gleichermaßen. Das setzt die folgende Kettenreaktion in Gang:

Um sein Bedürfnis nach Sex trotzdem zu befriedigen, fängt ein Mann, der diese Interaktionen durchschaut hat, ganz bewusst an, Frauen die Ebene Liebe vorzuspielen, um Sex zu bekommen. Dadurch verschafft er sich einen Vorteil unter allen Interessenten auf der Ebene Lust: Er übertrumpft alle, die die Ebene Lust ehrlich kommunizieren, da die begehrte Frau nur auf die Männer, die ihr die Ebene Liebe anbieten, positiv reagiert.

Weil Frauen ihre eigene sexuelle Aktivität unterdrücken, Männer diese aber ausleben, sieht aus dem Blickwinkel einer Frau die Männerwelt wie eine endlose Schlange an sexuellen Interessenten aus: Kaum wird dem ersten ein „Nein“ erteilt, steht der nächste bereit. Sehr gut ist das in jeder Online-Kontaktbörse ersichtlich, wo eine Frau von Anschreiben und Anfragen von Männern förmlich bombardiert wird, Frauen jedoch kaum Männer anschreiben.

Würden Frauen ihre sexuellen Wünsche nicht unterdrücken, sondern zulassen, und als Folge davon aktive Anbahnung betreiben, sähe die Anzahl und Häufigkeit der Interessent_innen und Anfragen bei allen Geschlechtern in etwa gleich aus: Männer würden genauso viele Sexangebote von Frauen bekommen, wie Frauen aktuell von Männern.

Ein Mann, der nun gelernt hat, seine Energie darin zu investieren, die Ebene Liebe vorzutäuschen, um so an Sex zu gelangen, sticht aus dieser schier endlosen Auswahl hervor. Der Trick ist nämlich, die Ebene Liebe so perfekt vorzuspielen, dass im Vergleich zu Interessenten, die ihre Persönlichkeit ehrlich mit Ecken und Kanten zeigen, eine Kunstperson übrigbleibt, die scheinbar keine Fehler mehr hat und sich als „Traumprinz“ verkauft. Und das ist präzise die Definition eines Arschlochs.

Dabei ist die Kunstperson des Traumprinzen gar keine ausgeklügelte neue Persönlichkeit, sondern sogar die komplette Abwesenheit einer solchen – im Wesentlichen eine leere Leinwand, auf der eine Frau die Erfüllung ihrer Sehnsüchte zu sehen glaubt: Ihre eigenen unerfüllten Wünsche auf der Ebene Liebe, als auch ihre sexuellen Wünsche auf der Ebene Lust, die sie durch die Rolle „Frau“ unterdrückt: „Endlich ein interessanter Mann, in den ich mich verlieben kann, und der mich richtig verführen wird!“

Dagegen wirken auf den ersten Blick nicht nur ehrliche Interessenten auf der Ebene Lust, sondern sogar ehrliche Interessenten auf der Ebene Liebe unscheinbar, die tatsächliche Liebesbeziehungen werden könnten. Denn diese Menschen haben, wie alle realen Menschen, Ecken und Kanten, der Traumprinz hat hingegen an seinem Schauspieltalent gearbeitet, seine eigenen unangenehmen Seiten bewusst nicht zu zeigen.

Daher entsteht der Eindruck, Frauen würden Arschlöcher sexuell und romantisch bevorzugen: Diese bekommen an Sex und an einer Liebesbeziehung interessierte Frauen, ehrlich kommunizierende Männer gehen auf beiden Ebenen leer aus.

Nun nimmt die Kettenreaktion eine exponentielle Geschwindigkeit an:

Immer mehr Männer, die diese Interaktion durchschauen, stellen resigniert fest, dass eh nur Arschlöcher Erfolg bei Frauen haben. Daraufhin lernen sie, sich selbst wie Arschlöcher zu verhalten, um an Sex zu kommen.

„Aber wie kann ein so toll wirkender Mann ein Arschloch sein?“

Ganz einfach – weil sich hinter der Maske des Traumprinzen immer ein tatsächliches Arschloch versteckt. Darunter kommt ein Mann zum Vorschein, der von der ständigen Ablehnung seiner ehrlichen Kommunikationsversuche auf der Ebene Lust oder der Ebene Liebe so frustriert ist, dass er nun mit einer gehörigen Portion Frauenverachtung und „Halt endlich her, du Scheiß-Frau“ an die Auslebung seiner sexuellen Bedürfnisse herangeht.

Setzt dieses Arschloch seine „Traumprinz-Maske“ auf, haben wir einen Mann, der sexuelle und romantische Erfüllung zu versprechen scheint. In Wirklichkeit sind dies aber nur die exakten Worte, die die angesprochene Frau hören will. Immer wieder sogar nicht einmal das, denn ein geschicktes Arschloch verneint an ihn gerichtete Wünsche einfach nicht, sodass (für ihn) ständig so viele Optionen wie möglich offen bleiben.

Nach Einwilligung zu einem sexuellen Akt seitens der Frau, der ja das Ziel dieses ganzen Spielchens ist, geht die Gleichung für eine beteiligte Frau nicht auf:

Sie bekommt nicht einmal den Furz einer Erfüllung auf der Ebene Liebe – die war ja von vorneherein nicht inkludiert. Außerdem meistens auch keine Erfüllung auf der Ebene Lust. Denn kein Arschloch ist daran interessiert, einer Frau großartig etwas zu geben oder große Sorgfalt auf ihre Befriedigung zu verschwenden. Denn eigentlich verachtet das Arschloch die von ihm verführte Frau – stellvertretend für alle Frauen, die ihn früher abgelehnt oder gar nicht erst bemerkt haben, als er noch ehrlich kommunizierte, weil ein anderes Arschloch ihn überstrahlte.

Menschen in der Rolle „Frau“, die auf diese Taktik der Arschlöcher in der Rolle „Mann“ hereinfallen, sammeln also haufenweise sexuelle und emotionale Enttäuschungen – und unterdrücken ihr eigenes sexuelles Bedürfnis daraufhin noch mehr, da die Auslebung dessen immer in negativen Konsequenzen endet.

Das wiederum vertreibt noch mehr ehrlich kommunizierende Männer, die dann zu Arschlöchern werden, die nächsten Frauen manipulieren, usw.

Und damit sind wir bei der Entstehung von Rape Culture gelandet.

Die Einzementierung der patriarchalen Lüge – Teil 2/2: In der queeren Szene oder: Das Patriarchat ist tot. Es lebe das Patriarchat!

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Welche Orientierungen, sozialen Rollen, oder Geschlechter der Artikel anspricht
Sexuelle Orientierung(en): homosexuell, homosexuell lebend wenn bisexuell
Romantische Orientierung(en): lesbisch, schwul, homoamor lebend wenn biamor
Geschlecht(er): alle
Wer ist mit Frau und Mann gemeint?
  • Frau steht für Mensch mit Vulva, überwiegend in der Rolle „Frau“,
  • Mann steht für Mensch mit Penis, überwiegend in der Rolle „Mann“
Erweiterbar auf:
  • Mensch in der Rolle „Frau“ wünscht sich Sex mit einem weiteren Menschen in der Rolle „Frau“,
  • Mensch in der Rolle „Mann“ wünscht sich Sex mit einem weiteren Menschen in der Rolle „Mann“,
  • alle sexuellen und romantischen Orientierungen.

Diverse alternative Szenen auf der ganzen Welt, z. B. die linkspolitische oder queere Szene, behaupten gerne, das Patriarchat erfolgreich zu bekämpfen. Nachdem ich drei Jahre lang Feldforschung in der queeren Szene betrieben habe, kann ich zwar bestätigen, dass es tatsächlich einige vielversprechende Konzepte gibt, die die patriarchale Struktur zumindest aufweichen. Doch die Idee, das Patriarchat innerhalb der Szene erfolgreich zu bekämpfen, ist ganz einfach falsch.

Die sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ sind genauso wie im Hetero-Mainstream präsent. Dabei hat die sexuelle Orientierung mit der sozialen Rolle gar nichts zu tun: So kann eine lesbische genauso wie eine Hetero-Frau verhaltensgleich die Rolle „Frau“ einnehmen, lediglich die erotischen und amoren Wünsche sind an ein anderes Geschlecht gerichtet.

In der Lesben- oder FLINT-Szene

In der Lesben-Szene nehmen meistens lesbische (= homoamore) oder biamore Frauen die Rolle „Frau“ ein. Ein biamorer Trans-Mann, eine lesbische Trans-Frau oder ein lesbisch-homoamores weiteres Geschlecht können sich aber genauso in der Rolle „Frau“ verhalten.

In der Rolle „Frau“ unterdrücken diese Menschen ihr Bedürfnis nach der Ebene Lust, da Sex ja nur in Kombination mit der Ebene Liebe erlaubt ist.

Die Ebene Lust ist allerdings die direkte Standleitung zur eigenen Lebensenergie. Die Unterdrückung dieser führt dann zu FLINT-Umgebungen, in denen viele passive Frauen herumstehen und keine großartige soziale Interaktion zustande kommt. Die einzige Ausnahme bilden bestehende Pärchen, die zumindest untereinander eine aktive Ebene Lust haben.

Das Bedürfnis nach der Ebene Lust mit verschiedenen Menschen zu unterdrücken bleibt allerdings niemals ohne Konsequenzen.

So hat sich in fast allen Lesbenszenen der westlichen Gesellschaft ein typisches unbewusstes Verhaltensmuster herausgebildet: Da die Rolle „Frau“ Sex nur in einer Verliebtheit oder Liebesbeziehung zulässt – und das auf beiden Seiten! – sind unter Frauen und weiteren Geschlechtern in der queeren Szene sekundärmotivierte Verliebtheiten so weit verbreitet, dass es viele Kurzzeitbeziehungen, extreme serielle Monogamie und damit verbundenes Drama gibt. Dieses Verhalten tritt so häufig auf, dass es in Lesbenszenen bereits ein Klischee darstellt, und Menschen als der Szene zugehörig kennzeichnet, wenn sie darüber Witze machen.

Ein anderer Weg ist der folgende: Sexuelle Anbahnung zum Spaß wird im Hetero-Mainstream meistens von Hetero-Männern in der Rolle „Mann“ erfüllt, was unter mehrheitlich Lesben und Schwulen natürlich ausbleibt. Also rutschen anwesende Frauen in diese Rolle: Dykes oder Butches betreiben im Vergleich zur Umgebung oft aktiv sexuelle Anbahnung. Durch Vorspielen der Ebene Liebe „knacken“ sie die Unterdrückung der sexuellen Bedürfnisse des Gegenübers in der Rolle „Frau“ und können so ihre Ebene Lust ausleben.

Da sie sich aber in der Rolle „Mann“ befinden, unterdrücken sie ihrerseits ihre eigene Ebene Liebe. Das dämpft die Fähigkeit, Empathie gegenüber Mitmenschen und deren Gefühlen zu empfinden. Damit fällt es leichter, eine „Traumprinz(essin)“-Maske aufzusetzen. Ein passendes Beispiel dafür ist der Charakter „Shane“ in der Serie „The L Word“. Um Sex zu haben, sagt sie genau das, was ihr Gegenüber in der Rolle „Frau“ hören will. Meistens macht sie sogar gar nichts, und verneint Wünsche, die ihr Gegenüber an sie richtet, einfach nicht. Erst später im Handlungsverlauf stellt sich heraus, dass sie nichts davon wollte, sondern es einfach passieren ließ, solange sie damit im Vorteil war.

Hier möchte ich betonen, dass selbstverständlich nicht alle Dykes oder Butches so tief in der Rolle „Mann“ gefangen sind, dass sie ein Arschloch mit Traumprinz(essin)-Maske werden. Geschieht die Einnahme von beiden Rollen jedoch oft genug, um eine exponentielle Kettenreaktion in Gang zu setzen, kann auch in einer FLINT-Umgebung Rape Culture mit sexuellen Nötigungen und Übergriffen entstehen.

In der schwulen Szene

In der schwulen Szene hingegen herrscht ein konträres Bild: Die Rolle „Mann“ wird dort meistens von schwulen (= homoamoren) oder biamoren Männern angenommen. Ein biamorer Trans-Mann oder ein schwul-homoamores weiteres Geschlecht kann sich aber genauso in der Rolle „Mann“ verhalten.

Diese Menschen lassen dann ihr sexuelles Bedürfnis der Ebene Lust durch; ihr Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Liebe auf der Ebene Liebe hingegen unterdrücken sie vor sich selbst und vor anderen. Dadurch entsteht ein sexuell recht offener Raum, in dem Berichte über One-Night-Stands, sexuelle Anbahnungen, Anspielungen oder Scherze mit genitalem Inhalt zum Small Talk gehören. Hat die Mehrheit der Gruppe enthemmende Drogen konsumiert (z. B. Alkohol), tritt dieses Verhalten noch deutlicher auf.

In Beziehung lebende Menschen begegnen dieser sexuellen Offenheit und Promiskuität allerdings mit Distanziertheit und Skepsis. Sind sie als Pärchen unterwegs, halten sie bewusst Abstand und sind eher aufeinander als auf die Gemeinschaft konzentriert. Die Singles beklagen indessen, dass es so schwer ist, einen geeigneten Partner für eine Liebesbeziehung zu finden, oder eine Liebesbeziehung längerfristig stabil zu halten. Gemeinsames Schauen von Online-Dating-Seiten und Besprechen der jeweiligen (gescheiterten) Beziehungserfahrungen inbegriffen.

Das sind direkte Folgen der Unterdrückung der Ebene Liebe: Wenn in einer Liebesbeziehung beide Seiten ihre Ebene Liebe unterdrücken, gibt es keine Verbindungsmöglichkeit zwischen den Gefühlsebenen, die für eine erfolgreiche Liebesbeziehung zwingend notwendig ist.

Einige Schwule oder Bi-Männer, insbesondere wenn diese als „weiblich“ besetzte Persönlichkeitsanteile ausleben wollen, werden durch das Überangebot der Rolle „Mann“ in die Rolle „Frau“ gedrängt. Dann lehnen sie die sexuellen Anspielungen der Gegenüber pikiert ab. Dadurch geraten sie zusätzlich in die Rolle des „Spielverderbers“ und ziehen negative Aufmerksamkeit von bestimmten Menschen in der Rolle „Mann“ auf sich. Diese haben eine eingeschränkte Wahrnehmung von Fairness gegenüber Mitmenschen und erkennen daher die nonverbalen Signale nicht, die die Grenze zwischen Anbahnung und Übergriffigkeit markieren – oder ignorieren solche Signale sogar bewusst. Dieses Verhalten ist dann eine Form von Rape Culture.

Im Marketing:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die queere Szene demnach kein Ort ist, an dem das Patriarchat überwunden wurde, sondern sogar ein besonders genauer Filter. Er kommt durch die stärkere Geschlechtertrennung als im Hetero-Mainstream zustande und erlaubt einen guten Blick auf die Anwendung der patriarchalen Lüge:

Die FLINT-Szene auf der einen Seite verstärkt die Verhaltensweisen der Rolle „Frau“ bis ins Absurde, die schwule Szene auf der anderen Seute tut dasselbe mit den Verhaltensweisen der Rolle „Mann“.

Ein interessantes Beispiel dafür sind die Empfehlungen zur LGBT-Kultur Wiens des Unternehmens Wien-Tourismus. So wird für Lesben und Bi-Frauen eine Liste an Cafés und Clubbings angeboten. Die typischen Tätigkeiten dort sind: Miteinander reden, Netzwerken für die queere Szene, Lesen (wenn das Café Bücher hat) und auf Clubbings Tanzen. Für Schwule und Bi-Männer hingegen gibt es eine eigene Liste an Schwulensaunas: Die typischen Tätigkeiten dort sind: Swingen (= Sex zum Spaß) und Thermenbesuch. Zitat eines Schwulen darüber zu mir: „Wenn du dort eine Frau für Sex zum Spaß suchst, musst du sie dir mitbringen!“

Warum gibt es keine „Lesbensauna“, wo ausschließlich Frauen und andere Menschen mit Vulva miteinander geilen Sex zum Spaß haben können? Und kein nettes Büchercafé für ausschließlich Schwule, wo diese in Ruhe sitzen, miteinander reden, netzwerken und lesen können?

Genau: Weil die patriarchale Lüge aktiv ist. Frauen wollen schließlich nur Freundschaft und Liebe und Männer nur Sex.