Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 1/6: Die Ebene 6 auf der Näheskala

Die Nähe, die in Liebesbeziehungen ausgetauscht wird, ist die größte menschenmögliche Nähe. Davon zeugen die zahlreichen Liebesgeschichten, sei es in Form von Heldenepen, Legenden, Liedern oder Erzählungen, in allen vergangenen und gegenwärtigen Kulturen der Menschheit. Die eurozentrische/westliche Gesellschaft bildet das in ihrer Popkultur ab – mit Liedproduktionen, Filmen, Serien und Werbung.

Der Ritualsatz einer Hochzeit „In guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet“ steht für eine/mehrere erfüllte Liebesbeziehung/en, die kein Ablaufdatum hat/haben. Die elementare Sehnsucht besteht darin, das Leben miteinander zu teilen, was die größtmögliche Nähe und gemeinsame persönliche Entwicklung möglich macht.

Entgegen populären Überzeugungen steht die stabile Ebene Liebe allerdings nicht für die Umwandlung der anfänglichen Verliebtheit in ein „anderes“ Liebesgefühl. Im Gegenteil, die Beteiligten können durch die Klärung der unteren Ebenen ihre Verliebtheit stabilisieren, sodass ein betreffendes Paar auch nach Monaten und Jahren auf Außenstehende wie ein frisch verliebtes Pärchen wirkt. Solange die Ebene Liebe stabil bleibt – also beide Seiten zu etwa gleichen Anteilen die benötigte Beziehungsarbeit investieren – kann die Verliebtheit ein ganzes gemeinsames Leben lang anhalten. Durch sie produziert eine stabile Ebene Liebe überwiegend Energie.

Mitbestimmung ist dabei ein fundamentales Recht von allen Beteiligten innerhalb einer Liebesbeziehung. Denn um das Leben miteinander zu teilen, müssen mit Konsens und Fairness alle Bereiche davon gemeinsam besprechbar sein. Es müssen sich durch Diskussion Vereinbarungen finden lassen, mit denen alle Beteiligten zufrieden sind. Bei Änderung von Bedürfnissen ist natürlich eine Anpassung der Vereinbarungen unter gegenseitiger Mitbestimmung mit Konsens und Fairness erforderlich. Besonders geht es dabei um Lebensentscheidungen, also um Entscheidungen, die auf das gesamte weitere Leben einen Einfluss haben. Dazu gehören:

  • das Sexleben zu zweit
  • die sexuelle Offenheit der Beziehung (= ob und wie die Beteiligten mit anderen Menschen Sex haben)
  • der Wohnort
  • ob Haustiere oder Kinder gewünscht sind, und wenn ja, wie viele
  • die romantische Offenheit der Beziehung (= ob und wie die Beteiligten Polyamorie anstreben)

Beispiele:

Menschen, mit denen ich eine andere Ebene als die Ebene 6 teile, haben kein Mitbestimmungsrecht, wenn es um Lebensentscheidungen geht: Gute Freunde werden zwar traurig sein, wenn ich den Wohnort so wechsle, dass Kontakt schwerer möglich ist, gemeinsam mit ihnen darüber verhandeln muss ich jedoch nicht. Wenn ein_e (angebliche) Freundschaft dennoch bei einer meiner Lebensentscheidungen mitbestimmen möchte (etwa wo ich wohnen möchte oder mit wem ich Sex habe), ist er_sie vermutlich auch in anderen Situationen ein schlechter Freund, da diese Person offensichtlich nicht versteht oder verstehen will, was eine echte Freundschaft ausmacht.

Mein/e Bezugsmensch/en auf der Ebene 6 hat/haben bei diesem Thema aber sehr wohl ein Mitbestimmungsrecht: Wenn ich will, dass unsere Ebene Liebe stabil ist und bleibt, muss ich darüber verhandeln und zu einem Ergebnis kommen, das für alle Beteiligten zufriedenstellend ist. Bei einer Diskussion über einen Wechsel des Wohnortes wären die Möglichkeiten:

  • Liebesbeziehung zieht mit
  • Ich wechsle den Wohnort doch nicht
  • Die Distanz des neuen Wohnortes ist für alle Beteiligten akzeptabel

Die Näheskala – Teil 2/3: Das Versteckspiel mit der Ebene Lust (= Ebene 3)

„Aber es ist doch eh klar, dass ich mit meinen Bekanntschaften und Freundschaften keinen Sex habe!“

Das denkst du dir vermutlich nach Die Näheskala – Teil 1/3: Vorstellung des Modells.

Ist das so?

Eine kleine Wiederholung:

Die patriarchale Lüge der Rolle „Frau“ behauptet:

Frauen wollen keinen Sex, sondern nur Liebe.

Die monogame und die polyamore Lüge behaupten beide:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.

Alle diese Behauptungen sind Lügenkonstrukte des Patriarchats. Jede dieser Lügen kann von allen Geschlechtern mit allen sexuellen und romantischen Orientierungen eingenommen werden, egal ob Frau, Mann oder ein anderes Geschlecht.

Was sie gemeinsam haben: Das menschliche Grundbedürfnis nach Sex zum Spaß außerhalb einer angebahnten oder bestehenden Liebesbeziehung wird entweder völlig verleugnet oder – wenn es sich nicht mehr verstecken lässt – abgewertet und diskriminiert.

Die Folge davon ist, dass es außerhalb der Swinger_innen-Szene kaum Möglichkeiten gibt, das Bedürfnis nach einer gesunden, für alle Beteiligten funktionierenden Ebene Lust auszuleben. Dazu zählen heimliche Seitensprünge per Definition nicht: Die Tatsache, dass sie vor der eigenen Liebesbeziehung verheimlicht werden müssen, zeigt schon, dass hier etwas gar nicht funktioniert. Außerdem kann mindestens eine_r der heimlichen Affäre den Sex wegen der Heimlichkeit nicht wirklich genießen und/oder fühlt sich danach gegenüber dem_der Beziehungspartner_in nicht unbedingt ausgeglichen.

Im Alltag kann und darf also der Wunsch nach einer geilen, befriedigenden Ebene Lust nicht an ein passendes Gegenüber gerichtet werden:

„Hey, ich find‘ dich geil, möchtest du mit mir Sex haben?“

Und wenn es doch passiert, sorgt die patriarchale Lüge der Rolle „Frau“, die vorrangig Frauen einnehmen, schnell dafür, dass das Gegenüber, das diese Frage gestellt hat, abgewiesen und/oder abgewertet wird – obwohl alle Bedingungen für eine gesunde Ebene Lust erfüllt gewesen wären.

Da es also keinen direkten Weg zur Befriedigung dieser Wünsche gibt, baut die verleugnete Ebene 3 einen Druck auf, der sich über Umwege Bahn bricht: Denn um einfach so mit jemandem Sex zu haben, muss ich mich in diesem System zuerst anbekanntschaften, anfreunden oder sogar verlieben. Dabei ist der ehrliche Wunsch nach diesen oberen Ebenen mit diesem bestimmten Menschen oft gar nicht vorhanden. Daraus ergeben sich dann hässliche Spielchen auf beiden Seiten, die bei ihrem Auffliegen emotionalen Schmerz in verschiedener Größenordnung bewirken – je nachdem, ob der Wunsch nach einer Bekanntschaft, einer Freundschaft oder einer Liebesbeziehung vorgetäuscht wurde.

Das erwähnte „Vortäuschen“ einer höheren Nähe-Ebene passiert allerdings meistens unbewusst, da auch die patriarchalen Lügenkonstrukte – sofern unbearbeitet – im Unbewussten verankert sind. So erkennt der Mensch, der eine dieser Ebenen vortäuscht, wenn überhaupt, erst nach erfolgtem Auffliegen den eigenen Irrtum – das „Verschicken“ des Gegenübers ist dann aber bereits angerichtet. Außerdem haben fast immer alle Beteiligten daran einen Anteil: Denn das Gegenüber spielt oft beim „Verschicken“ mit, weil er_sie sich daraus Vorteile erhofft, und findet danach ebenso eine ungute Situation vor. So täuschen Menschen in der Rolle „Frau“ und der Rolle „Mann“ ein bestimmtes Interesse am Gegenüber vor, während es ihnen um ein ganz anderes Interesse geht. Frauen, die sexuelles Interesse heucheln, um bekanntschaftliche oder freundschaftliche Aufmerksamkeit zu bekommen, nenne ich Entitlement Girls. Männer, die ein bekanntschaftliches oder freundschaftliches Interesse heucheln, um Sex zu bekommen, bezeichne ich als Entitlement Guys.

Disclaimer:

Natürlich kann zwischen zwei Menschen, die miteinander gelegentlich Sex zum Spaß haben, ein Wunsch nach Bekanntschaft, Freundschaft oder – in seltenen Fällen – einer Liebesbeziehung entstehen. Sekundärmotivationen und insbesondere sekundärmotivierte Verliebtheiten können aber nur bei einer geklärten Ebene 3 effektiv ausgeschlossen werden, wodurch die entsprechende Bekanntschaft, Freundschaft oder Liebesbeziehung dann auf einem ehrlichen Fundament zueinander aufgebaut werden kann.

Beispiele:

Das berühmte Thema „Können Männer und Frauen Freunde sein?“

Eine Frau und ein Mann sind gute Freunde. Beide sind heterosexuell und finden sich gegenseitig attraktiv („würden den Anderen nicht von der Bettkante stoßen“).

Zu einem Treffen zieht die Frau gerne etwas Hübsches an, mit einem anschaulichen Dekolleté. Der Mann holt sich kurz vor dem Treffen einen runter. Beide handeln dabei aus Gewohnheit: Die Frau denkt beim Zurechtmachen für das Treffen „Ich will halt generell hübsch aussehen“ – wozu sie sich sexy anzieht, liegt hingegen im Unbewussten. Genauso denkt sich der Mann (oder auch die Frau) am Abend zuvor, dass er jetzt gerade geil ist, schaut sich ein paar Pornos an, und befriedigt sich selbst. Dass nicht nur die momentane Geilheit, sondern das bevorstehende Treffen mit ein Grund dafür ist, liegt aber wiederum im Unbewussten.

Beide würden nie auf die Idee kommen, sich gegenseitig einfach so nach Sex im Sinne der Ebene Lust zu fragen. Würde sie jemand Dritter auf die sexuelle Anziehung zwischen ihnen aufmerksam machen, würden sie es beide abstreiten – ziemlich sicher vor anderen Menschen und wahrscheinlich auch vor sich selbst: „Uns geht’s doch nicht um Sex. Wir sind befreundet!!“

In dieser Situation kommt es darauf an, ob die beiden Beteiligten sich tatsächlich voneinander eine Freundschaft wünschen und Sex zum Spaß einfach ein leckeres Gewürz dazu wäre. Oder ob das freundschaftliche Interesse (teilweise oder gar ganz) Mittel zum Zweck ist, um damit sekundärmotiviert doch irgendwie Sex mit dem Gegenüber freizuschalten.

(Hetero- oder bisexuelle) Männer und Frauen können also sehr wohl Freunde sein – allerdings ist diese Freundschaft nur ehrlich, wenn beide Seiten über eine gemeinsame Ebene 3 kommuniziert haben und sie entweder ganz klar aktiv oder ganz klar nicht aktiv ist.

Die Näheskala – Teil 3/3: Stabil oder instabil – das ist hier die Frage

Sobald zwei Menschen eine soziale Verbindung miteinander eingehen, findet zwischen den beteiligten Menschen, wie bei kommunizierenden Gefäßen, ein Energieaustausch statt. Auf der Näheskala passiert dies auf allen Ebenen, einen nennenswerten Effekt bemerken die meisten Menschen jedoch erst bei den höheren Ebenen: Je höher die Näheebene, desto „offener“ sind die Menschen einander gegenüber. Dementsprechend kann mehr Energie ausgetauscht werden, und der Effekt wird spürbarer.

Ein solcher Energieaustausch hat ausschließlich zwei mögliche Ergebnisse: Er kann entweder Energie produzieren oder Energie fressen. Neutral ist nicht möglich, da Energieaustausch immer Folgen hat, auch wenn diese von anderen, einflussreicheren Ereignissen übertönt werden.

Wie die stabilen Zustände funktionieren

Ein stabiler Zustand von 1 bis 6 ist daran erkennbar, dass die dazugehörigen Handlungen zwar einen Energieaufwand benötigen, aber in Summe mehr Energie produzieren, als am Anfang vorhanden war.

Beispiele:

Für eine stabile Ebene 5 (Freundschaft) müssen Treffen organisiert und wahrgenommen werden – das kostet Zeit und Energie. Dafür wirken mehrere gemütliche Abende mit Freunden in Summe entspannend und energiegebend (Unterstützung in einer Krise ausgenommen), sodass die beteiligten Menschen „mit Energie aufgetankt“ nachhause gehen.

Wie die Zwischenzustände (nicht) funktionieren

Ein Zwischenzustand ist daran erkennbar, dass er in Summe keine Energie freisetzt, sondern überwiegend Energie frisst: Die Beteiligten haben ständig das Gefühl, dass „etwas fehlt“, und fühlen sich nach den meisten Interaktionen oder sogar Gedanken an die betreffende Person genervt, verärgert, beleidigt, antriebslos, oder erschöpft.

Stabile Zwischenzustände gibt es per Definition nicht: Befinden sich Menschen auf einer Zwischenstufe, ist diese automatisch instabil: Die soziale Verbindung hat ein Ablaufdatum, nach dem sie ohne weiteres Zutun auf eine niedrigere stabile Stufe fällt. Welche niedrigere Stufe das ist, kommt auf die ehrlichen Wünsche und Interessen der Beteiligten des Zwischenzustandes an.

Um Zwischenzustände zu erkennen, habe ich die Näheskala auf die wichtigsten Spalten gewünschte Beziehungsform, gemeinsames Interesse und tatsächlich ausgeführte Handlungen verkürzt.

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken
2
(schließt 1 aus)
Überlebensgemeinschaft Keines Smalltalk,
Gemeinsames Systemerhalten,
Berufsgemeinschaft
1
(schließt alle anderen aus)
Abstoßung bis Feindschaft Einander Fernbleiben Ausweichen bis Wegweisen
bis Vernichten

Beispiele:

Eine instabile Ebene 5 (Freundschaft) kann so aussehen:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken
2
(schließt 1 aus)
Überlebensgemeinschaft Keines Smalltalk,
Gemeinsames Systemerhalten,
Berufsgemeinschaft
1
(schließt alle anderen aus)
Abstoßung bis Feindschaft Einander Fernbleiben Ausweichen bis Wegweisen
bis Vernichten

Die grün gefärbten Zellen sind die Lebensbereiche, die die Beteiligten aktiv miteinander teilen:

  • Die Beziehungsform ist beiderseits gewünscht
  • Das gemeinsame Interesse interessiert alle
  • Die Handlungen finden so statt, dass beide Menschen grundsätzlich zufrieden sind

Weiß gefärbte Zellen zeigen das Gegenteil:

  • Die Beziehungsform ist nur einseitig oder gar nicht gewünscht.
  • Das gemeinsame Interesse ist nur einseitig oder gar nicht vorhanden.
  • Die Handlungen passieren nicht, zu wenig, sekundärmotiviert, oder werden gar absichtlich vorgetäuscht.

Dies ist die häufigste Form eines instabilen Zwischenzustands: Nur die Handlungen einer bestimmten Ebene werden miteinander geteilt, während die gegenseitigen Wünsche oder das gemeinsame Interesse nicht derselben, sondern einer anderen Ebene entsprechen.

Das Energieminus entsteht aus der gegenseitigen Frustration der Bedürfnisse: Werden nur die Handlungen einer höheren Ebene miteinander ausgeführt, wecken diese bei eine_r oder beiden Beteiligten die (oftmals unbewusste) Sehnsucht, die gesamte höhere Ebene miteinander zu teilen. Wenn nur eine_r der Beteiligten oder sogar alle diese höhere Ebene aber nicht teilen möchten, weil sie dort nicht kompatibel sind oder gerade in einer Lebenssituation sind, in die das nicht passt, „saugt“ die ungeklärte, unvollständige Ebene dauernd Energie ab. Das Ergebnis sind gegenseitige Unzufriedenheit, hässliche Spielchen, und nach einiger Zeit emotionaler Schmerz.

In der zweithäufigsten Form eines instabilen Zwischenzustands ist der Wunsch und das gemeinsame Interesse zwar aufrecht, dieses wird jedoch nicht umgesetzt, weil die passenden Handlungen fehlen.

Im Fall einer Freundschaft: Ein Mensch mit dem ich kaum Kontakt habe und der nicht für mich da sein kann, auch wenn sier es gerne tun würde, ist kein_e Freund_in.

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken
2
(schließt 1 aus)
Überlebensgemeinschaft Keines Smalltalk,
Gemeinsames Systemerhalten,
Berufsgemeinschaft
1
(schließt alle anderen aus)
Abstoßung bis Feindschaft Einander Fernbleiben Ausweichen bis Wegweisen
bis Vernichten

Natürlich können auch mehrere Ebenen gleichzeitig unvollständig sein, was sich durch ein heftigeres Energieminus bemerkbar macht. Wenn solche großen Energieverluste über Monate hinweg unverändert bestehen, oder sogar mit mehreren Menschen gleichzeitig vorhanden sind, erzeugen sie Vorstadien von psychischen Erkankungen: Konzentrationsschwierigkeiten, extreme Gefühlsschwankungen, Gedächtnisverlust von minutenlangen Zeitabständen, Angstzustände.

Bleibt der Energieverbrauch über eine längere Zeit hinweg im Minus, empfiehlt es sich zu hinterfragen, ob mit diesem bestimmten Menschen tatsächlich die passende Nähe geteilt wird. Bei besonders wichtigen Bezugsmenschen wie einer Liebesbeziehung oder einer Freundschaft kann hier durchaus helfen, sich die Situation mit Coaching oder psychotherapeutischen Methoden genauer anzuschauen.

Ein Zwischenzustand hat zwei Möglichkeiten, stabil zu werden:

  1. Die beteiligten Menschen „füllen“ die unvollständigen Ebenen durch Zusammenarbeit sowie Ausdiskutieren und schließlich Lösen der vorhandenen Konflikte. Dadurch entsteht eine höhere stabile Ebene.
  2. Die beteiligten Menschen „leeren“ die unvollständigen Ebenen, indem sie Handlungen beenden, und/oder sich emotional damit abfinden, dass die gewünschte Beziehungsform oder das Interesse mit dem Gegenüber einfach nicht lebbar ist, und sich als Folge davon zurückziehen. Dadurch pendelt sich der ehemalige Zwischenzustand auf einer niedrigeren stabilen Ebene ein.

Wenn beide Beteiligten einen stabilen Zustand miteinander erreichen wollen, sich aber noch in einem Zwischenzustand darunter befinden, müssen sie Zeit, Energie und emotionale Arbeit investieren, um die gewünschte Ebene in einen stabilen Zustand zu bringen. In diesem Fall ist der erhöhte Energieverbrauch des instabilen Zwischenzustandes ein notwendiges Durchgangsstadium – ein gutes Beispiel dafür ist die Beziehungsarbeit in den (idealerweise) ersten Monaten einer Liebesbeziehung.

Natürlich erfordern auch alle darunterliegenden Ebenen diese Investition:

  • Für eine stabile Ebene 3 müssen die sexuellen Bedürfnisse aller Beteiligten freundlich und höflich verhandelt, und dann im Konsens und fair ausgelebt werden.
  • Für eine stabile Ebene 4 braucht es ein gemeinsames Diskussionsthema oder Hobby, für das es die notwendigen Fähigkeiten, Gegenstände und den Platz geben muss.
  • Eine stabile Ebene 5 benötigt lange tiefe Gespräche über einen längeren Zeitraum mit regelmäßigem Kontakt, um sich als Freund_innen kennenzulernen.

Sobald ein stabiler Zustand erreicht wurde, ändert sich das Energieerlebnis: Die betreffenden Menschen freuen sich, wenn sie sich treffen oder Kontakt miteinander haben, und haben meistens eine genussvolle Zeit miteinander. Sie fühlen sich nach den meisten gemeinsamen Interaktionen oder Gedanken an den anderen Menschen bestärkt und zufrieden.

Eine stabile Ebene produziert zwar überwiegend Energie, ist deswegen aber kein gleichbleibender Zustand und frei von Konflikten. Im Gegenteil, um die Ebene dauerhaft stabil zu halten, müssen die Beteiligten dranbleiben und immer wieder „nachlegen“, sodass die gewünschte Beziehungsform und die gemeinsamen Interessen aufrecht bleiben sowie die Handlungen in einem zufriedenstellenden Ausmaß und Weise passieren.

  • Auf der Ebene 3: Ändern sich sexuelle Bedürfnisse, müssen diese neu besprochen werden.
  • Auf der Ebene 4: Gibt es einen Konflikt über ein gemeinsames Thema, muss er gelöst werden, bis das gemeinsame Thema wieder flüssig läuft. Ist ein Thema weniger interessant, oder wurde ein gemeinsames Ziel erreicht, braucht es ein neues Thema.
  • Auf der Ebene 5: Gibt es in einer Freundschaft nicht mehr genügend Platz, um Gedanken und Gefühle auszutauschen, muss dieser geschaffen werden. Gibt es einen Konflikt, muss dieser gemeinsam ausdiskutiert und geklärt werden.
  • Auf der Ebene 6: Haben die Beteiligten einer Paarbeziehung / eines Polyküls untereinander einen Konflikt, muss dieser gelöst werden, damit sich die Beteiligten in der Gegenwart des/der Anderen wieder wohl fühlen und liebevolle Aufmerksamkeit(en) miteinander teilen können.

Wollte ein Beteiligter oder sogar alle von vorneherein auf keine höhere Stufe, oder will es zumindest jetzt nicht mehr, und beendet alle Erkennungszeichen der unpassenden höheren oder unvollständigen Ebene, fällt der Zwischenzustand nach einiger Zeit auf eine passende niedrigere stabile Ebene: Aus einer Freundschaft wird eine Bekanntschaft, und nach dem Wegfallen des notwendigen gemeinsamen Themas nur noch eine Überlebensgemeinschaft (Ebene 2). Das Zurückfallen auf eine niedrigere Stufe, wenn ursprünglich eine höhere Stufe gewünscht war, ist üblicherweise mit einer gewissen Zeit an emotionalem Schmerz in verschiedenen Größenordnungen verbunden, bis sich der betreffende Mensch mit der neuen, niedrigen Ebene vertraut gemacht hat.

Das Beispiel mit den Nähehandlungen:

Wir haben uns frisch kennengelernt und tauschen Handlungen der Ebene 6 (Schmusen, Küssen, Kuscheln) aus. Diese Handlungen bewirken oder verstärken eine gegenseitige Verliebtheit und einen Beziehungswunsch. Damit ist ein instabiler Zwischenzustand, nämlich eine unvollständige Ebene 6, gegeben. Führen diese Handlungen nicht zu einer Liebesbeziehung, oder gelingt uns eine Liebesbeziehung nur für eine begrenzte Zeit (= Trennung), wodurch der Wunsch danach, das Leben miteinander zu teilen, nicht erfolgreich erfüllt wurde, folgt emotionaler Schmerz. Dadurch fällt unser Verhältnis auf die nächste passende stabile Ebene. Das kann als gemeinsame funktionierende Nähe-Ebene die Ebene 5 (Freundschaft) – natürlich ohne Handlungen der Ebene Liebe – alle Ebenen dazwischen, oder aber in extremen Fällen die Ebene 1 (Feindschaft) bedeuten.

Das Beispiel mit den freundschaftlichen Handlungen:

Wir haben eine (angebliche) Freundschaft (Ebene 5): Daher treffen wir uns regelmäßig und unterhalten uns über unsere Gedanken und Gefühle. Auf einmal erleide ich einen Rückschlag in meinem Leben, etwa eine plötzliche, zu schnelle Änderung meiner Lebensumstände. Darüber würde ich mit dieser Freundschaft gerne reden und mir helfen lassen, mit der neuen Situation umzugehen. Das kann entweder durch tatsächliches Anhören des eigenen Kummers passieren oder durch gemeinsame Unternehmungen, um auf andere Gedanken zu kommen. Diese „Freundschaft“ verweigert mir aber nun die Unterstützung. Nicht aus eigenen ähnlich schwerwiegenden Problemen – das wäre verständlich – sondern aus blankem Desinteresse an meiner Situation. Stattdessen würde sier mit mir lieber:

  • ein gemeinsames Diskussionsthema besprechen (Ebene 4),
  • sich über Belanglosigkeiten unterhalten (Ebene 2),
  • oder mich mit den eigenen Alltagsproblemen volljammern
    (eine Auslagerung der eigenen Probleme auf der Ebene 1).

(Die Ebene 3 ist hier bewusst ausgelassen, da es aufgrund dem Versteckspiel mit der Ebene Lust hunderte Möglichkeiten gibt, wie ein solcher Wunsch indirekt kommuniziert werden kann.)

Dies deutet darauf hin, dass keine stabile Ebene 5 und somit keine Freundschaft (mehr) vorhanden ist. Dieser Mensch ist offensichtlich an einer geringeren Nähe mit mir interessiert – entweder als Bekanntschaft auf der Ebene 4 ein gemeinsames Hobby zu betreiben, oder auf der Ebene 3 Sex zu haben, usw. Da mein Gegenüber das Interesse an einer höheren Ebene, hier einer Freundschaft, teilweise oder gar ganz vorgetäuscht hat, empfinde ich emotionalen Schmerz über diesen Betrug.

Um eine derartige emotionale Verletzung zu verarbeiten, ist auf jeden Fall eine massive Einschränkung des Kontakts oder gar ein Kontaktabbruch über längere Zeit ratsam. Als Resultat fällt die geteilte Näheebene auf Ebene 2 (Überlebensgemeinschaft) oder sogar Ebene 1 (Feindschaft). Wenn sich danach beide Seiten eine höhere Ebene wünschen, kann diese nur nach einem solchen zeitlichen Abstand gesund – also ohne früheren emotionalen Ballast – angestrebt werden. „Gesund“ kann aber genauso bedeuten, mit diesem Menschen niemals wieder eine höhere Ebene als die Ebene 2 zu betreten.

Sobald sich der Zwischenzustand in eine niedrigere stabile Ebene umgewandelt hat, macht sich das durch ein positives Energieerlebnis bemerkbar: Der energiefressende Zustand ist beendet, und die neue, nun stabile Situation hat angefangen, Energie zu produzieren. Der betreffende Mensch fühlt sich erleichtert, beschwingt und ist zufrieden über die soziale Verbindung zu dem anderen Menschen. War das vergangene Energieminus besonders groß, kann der plötzliche Energiegewinn sogar eine wochenlang andauernde kreative Schaffensphase oder den Drang zum Lösen längst anstehender Probleme aus anderen Bereichen (Aufräumen, Sport machen, gesündere Ernährung, usw.) antreiben.