Die Poly-Szene – Teil 5/7: Typische Dynamiken in romantisch offenen Beziehungen

Eine ständige romantische Offenheit verhindert also aktiv erfolgreiche (einzelne und mehrfache!) Liebesbeziehungen.

Dieser Zusammenhang wird von der polyamoren Lüge vollkommen ausgeklammert – und ist somit oft einem Menschen, der dieser Lüge aufsitzt, ebenso nicht klar oder zumindest ausreichend egal.

Polyamore Lüge:

  1. Wenn sich jemand innerhalb einer Liebesbeziehung in einen neuen Menschen verliebt, muss daraus zwingend eine neue, zusätzliche Liebesbeziehung entstehen. Der Mensch in der Ursprungsbeziehung hat diese Entwicklung unter allen Umständen gutzuheißen und zu fördern.

Dieser dritte Punkt führt dazu, dass die polyamore Lüge eine ähnliche Dynamik wie die monogame Lüge lostritt – die Ähnlichkeit ist dabei, dass wieder ein Mensch als Gaspedal und ein weiterer Mensch als Bremse handelt.

Mensch A und Mensch B sind in einer bestehenden Liebesbeziehung zu zweit. Mensch A interessiert sich aber für Polyamorie als neuen Lebensentwurf: Er_Sie will die eigene Ebene Liebe mit mehr als einem Menschen ausleben (z. B. weil er_sie sich in einen neuen Menschen verliebt hat). Wenn Mensch B nicht an die polyamore Lüge glaubt, ist ihm_ihr allerdings bewusst, dass das weniger gemeinsame Zeit sowie eine Verwässerung der gemeinsamen Nähe bedeuten würde. Wird kein Modus gefunden, in dem die Nähe des Ursprungspärchens erhalten bleibt, ist diese Befürchtung völlig realistisch und berechtigt. Als Folge davon äußert Mensch B Wünsche und Grenzen:

  • Mensch A soll zu dem neuen Resonanz-Menschen auf der Ebene Liebe völlig auf Abstand gehen
  • Mensch A kann mit dem Resonanz-Menschen in Kontakt bleiben, Sex und/oder ein Beziehungswunsch darf dabei aber nicht angestrebt werden
  • Mensch A kann den neuen Menschen als Nebenbeziehung oder Satelliten anstreben, die eigene Beziehung muss aber in allen Belangen eine höhere Hierarchie aufweisen (= die unicorn-Problematik)
  • Mensch B will gemeinsam mit Mensch A erst einmal diesen Lebensentwurf ausführlich besprechen und erkunden, bevor ein Beziehungswunsch zu irgendeinem anderen Menschen umgesetzt wird, zum Beispiel mithilfe den Tipps für gesunde Polyamorie

Da Mensch A allerdings die polyamore Lüge als “Recht auf Freiheit” empfindet, möchte er_sie aus der neuen Verliebtheit um jeden Preis eine Liebesbeziehung machen – und erwartet von der bestehenden Ursprungsbeziehung dafür Unterstützung.

Mensch B blockt natürlich ab, da er_sie sich und die eigenen Wünsche nicht ernst genommen fühlt und greift daher zu drastischeren Methoden.

Ist Mensch A, der_die die Ebene Liebe erweitern will, an dieser Stelle nicht einsichtig und/oder lebt dieses Bedürfnis heimlich oder trotz Stoppschild des Gegenübers aus, ist Mensch B verletzt. Als Folge davon zieht er_sie sich zurück, verbringt mehr Zeit mit anderen Menschen oder fängt an, soziale Situationen von Mensch A, die nichts mit Polyamorie zu tun haben, zu kontrollieren, z. B. freundschaftliche Treffen oder Sex zum Spaß-Unternehmungen. Es ist ja nie klar, ob Grenzen (schon wieder) nicht eingehalten werden, also besser gleich alles dichtmachen.

Diese Dynamik ist schwerer zu entschlüsseln als die monogame Lüge:

Denn im Gegensatz zu sexuellen Bedürfnissen der Ebene Lust sind romantische Bedürfnisse der Ebene Liebe nicht selbstverständlich an mehrere Menschen gleichzeitig gerichtet: Es ist für die Mehrheit der Menschheit eine gesunde und funktionierende Vorlage, zu zweit auf der Ebene Liebe sein Leben miteinander zu verbringen.

Um den Konflikt zu lösen, müssen daher sowohl Mensch A für sich als auch Mensch A und Mensch B gemeinsam die Gründe hinterfragen, die hinter einem Wunsch nach einem weiteren Menschen auf der Ebene Liebe stehen.