Die Poly-Szene – Teil 6/7: Der Ausstieg aus der polyamoren Lüge

Die sekundärmotivierten Verliebtheiten, und damit der miauende Hund und der seriell-parallele Durchlauferhitzer, entstehen aus der Unterdrückung der Ebene Lust, die für sich alleine (ohne Ebene Liebe) nicht vorkommen darf.

Daher muss bei Auftreten der polyamoren Lüge die Ebene Lust bei allen Beteiligten in der bestehenden Liebesbeziehung genau angeschaut werden:

  • Geht es eigentlich (möglicherweise unbewusst) um die Erfüllung von sexuellen Bedürfnissen, die anders nicht raus dürfen?
  • Oder geht es tatsächlich darum, mehr als einen Menschen zu lieben, mit mächtigen Konsequenzen wie Mitbestimmung bei Lebensentscheidungen, ganz genauso wie die Ursprungsbeziehung, und mit mehr als einem Menschen sein Leben verbringen zu wollen?

Wenn ich die polyamore Lüge aus der Poly-Szene herausrechne, vermute ich, dass die ehrlichen Bedürfnisse der Menschen, die Poly-Veranstaltungen besuchen, in Wirklichkeit folgende sind:

  • 80% sind Menschen, die sich eine sexuell offene Beziehung anstatt einer sexuell geschlossenen “monogamen” Beziehung wünschen. Die Ebene Lust ist bei diesen Menschen nur derart unterdrückt, dass sie diese nur über den Umweg über die Ebene Liebe erreichen. Oft herrscht auch Unwissenheit, wie eine sexuell offene Beziehung anzugehen ist, denn das ist selbst in der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft im Jahr 2016 noch schwer und mit Widerstand von den meisten Menschen im eigenen Umfeld verbunden.
  • 15% sind Arschlöcher in der Rolle “Mann”, die die vorhandene Rape Culture für sich nutzen, um auf unehrlichen Wegen unfairen Sex zu bekommen. Tendenz steigend.
  • Und 5% sind Menschen wie ich: Sie wollen tatsächlich und nach genauer Analyse der Ebene Lust mit mehr als einem Menschen die Ebene Liebe leben, mit allen Konsequenzen. Tendenz sinkend, da ich solchen Menschen nur raten kann, die Szene schleunigst zu verlassen!

In Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 3/7: Primärmotivierte Polyamorie habe ich die wenigen ganzheitlich funktionierenden Positivbeispiele bezüglich Polyamorie beschrieben, die ich kenne. Während die Hintergründe verschieden sind, ist ein gesunder Ablauf immer der gleiche: Eine vormals romantisch geschlossene Beziehung romantisch zu öffnen, mit einem speziellen Menschen Nähehandlungen auszuführen und nach einiger Zeit das nun neue Beziehungskonstrukt wieder romantisch zu schließen.

Eine Beziehung romantisch zu öffnen kann nur in einer gesunden Art und Weise geschehen, wenn:
es ein klares Wozu (Es geht tatsächlich um die Ebene Liebe!) gibt, und
klare Regeln innerhalb des Ursprungspaares oder -polyküls in fairer Verhandlung und im Konsens von allen Beteiligten beschlossen wurden.

Paare oder Polyküle, die sich in der polyamoren Lüge befinden, und damit diese Umgangsformen nicht haben, steuern zielgerade auf eine missbräuchliche Beziehung oder ihre Trennung zu! In der Poly-Szene werden gerne andere Geschichten erzählt: Szenarien, in denen eine Liebesbeziehung ohne klares Wozu und Absprachen ohne Konsens (!) romantisch offen ist und (länger als ein paar Monate) bleibt, die dann für alle Beteiligten zwar ein ungewöhnliches, aber insgesamt doch ein schönes, bereicherndes Erlebnis wären. Solche Geschichten sind entweder eine massive Verdrehung der tatsächlichen Geschehnisse unter Weglassung aller negativen Erlebnisse – oder sind schlichtweg nie passiert.

Stattdessen steckt oft dahinter, dass der_die passive Partner_in in der Ursprungsbeziehung wegen Ablehnung der Heimlichkeit zwar über eine weitere Verliebtheit/einen weiteren Beziehungswunsch informiert wird, zu dessen Auslebung aber nie Konsens gegeben hat. Das ist per Definition keine Polyamorie, sondern, da kein Konsens vorhanden ist, ein Übergriff seitens des Menschen, der die polyamore Lüge anwendet.

Die Poly-Szene hat zum Thema eines solchen Konsensbruchs ein paar Stehsätze entwickelt, die sich an den_die passive Partner_in einer Konstellation in der polyamoren Lüge richten:

“Es geht darum, geliebte Menschen frei zu lassen, sowohl körperlich als auch emotional.”

Wenn ich frei als “Ich kann absolut alles tun, was ich will!” verstehe, hat diese Sichtweise in einer ernstgemeinten Liebesbeziehung keinen Platz. Wenn ich meinem Gegenüber ohne Anlass eine Watsche gebe, weil ich das gerade will, wird dieser Mensch zu Recht darüber nachdenken, sich von mir zu trennen. Ohne Konsens der Ursprungskonstellation etwas zu unternehmen, was die gemeinsame Nähe verletzt, ist in dieser Metapher wie eine Watsche auf der romantischen Ebene. Die gesunde emotionale Reaktion des verletzten Gegenübers ist nach mehreren Verletzungen an dieser Stelle tatsächlich, die Beziehung freizulassen – in ein wohlverdientes Single-Dasein.

“Wenn wir Ängste und Bedürftigkeiten fallen lassen, können wir Menschen unvoreingenommen im Hier und Jetzt begegnen.”

Wenn ich die Angst, dass ich mein Gegenüber verliere und die Bedürftigkeit, mein Gegenüber zu brauchen, fallen lasse, lasse ich zu, dass mir dieses Gegenüber immer mehr egal wird. Denn um einen Menschen absolut nicht zu brauchen, muss mir die Existenz dieses Menschen vollkommen wurscht sein. Und eine “Liebes”beziehung, in denen sich beide/alle Menschen herzlich egal sind, wünsche ich nicht einmal meinen schlimmsten Feinden.

Etliche Versuche dieser Art (mit genau diesen Sätzen als Rechtfertigung!) habe ich während meines Kontakts zur Poly-Szene binnen Monaten scheitern sehen, andere waren gerade dabei, als ich den Kontakt abbrach.

Update (Dezember 2016, ein Jahr nach Verlassen der Szene): Mittlerweile habe ich erfahren, dass sich alle Polyküle, die wir in der Szene kennengelernt haben, getrennt haben. Sie zerfielen entweder in einzelne Pärchen, oder es sind sogar alle am Polykül beteiligten romantischen Beziehungen gescheitert.