Die Poly-Szene – Teil 3/7: Patriarchale Dynamiken innerhalb der Szene

Die Unterdrückung und Abwertung der Ebene Lust an sich (Ablehnung von Swinger_innen, die gemeinsamen Punkte der monogamen und polyamoren Lüge) trifft also auf eine weit offene Ebene Liebe (romantisch offenes Sozialverhalten, Kuschelhaufen).

Die Ebene Lust kann also wieder einmal nur durch die Öffnung der Ebene Liebe freigeschalten werden. Das setzt die Einzementierung der patriarchalen Lüge in Gang und produziert in weiterer Folge eine eigene Rape Culture (!):

Hinter ihren Glaubenssätzen funktioniert die Poly-Szene nämlich folgendermaßen:

Menschen in der Rolle “Frau”, vorrangig Frauen, aber auch Männer und weitere Geschlechter, betreten die Szene, da sie von den Behauptungen über die Ebene Liebe mit mehr als einem Menschen angezogen werden.

Dort warten allerdings schon Menschen in der Rolle “Mann”, vorrangig Männer, die diesen im Vergleich zum Mainstream noch verstärkten Glauben an die Ebene Liebe von Menschen in der Rolle “Frau” ausnutzen, um durch Vorspielen nicht vorhandener Zuneigung Sex zu bekommen, bei dem sie auf die Bedürfnisse der Frau kaum oder gar nicht Rücksicht nehmen (müssen).

Verstärkt sich diese Dynamik noch mehr, ergeben sich übergriffige Menschen in der Rolle “Mann”, die Menschen in der Rolle “Frau” ganz grundsätzlich als Sexualobjekte ohne eigenen Willen ansprechen und durch diverse Spielchen versuchen, den Konsens des Gegenübers zu umgehen bzw. ihn geradeaus missachten.

Die latente Übergriffigkeit auf Poly-Veranstaltungen gestaltet sich dabei zuerst indirekt, und erst in einem späteren Stadium offen feindselig. So können viele Menschen in der Rolle “Mann”, vorrangig Männer, auf der Arschloch-Skala als Frauenversteher und Traumprinz eingeordnet werden. Die Frauenversteher signalisieren gegenüber einem sexuell attraktiven Menschen in der Rolle “Frau” durch Komplimente, Hilfsbereitschaft, kleine Geschenke oder Einladungen Interesse an einer Freundschaft. Ab dem Moment jedoch, an dem die umworbene Frau an Kuschelhandlungen oder Sex nicht (mehr) interessiert ist und das klarstellt, wird sie schlagartig (und natürlich ohne ein klärendes Gespräch) fallen gelassen. Die betreffenden Männer sind dann zwar nicht mehr freundlich, aber immer noch oberflächlich höflich, während sie die entsprechende Frau hinter ihrem Rücken slutshamen und verleumden. Dieses Klima ergänzt sich wunderbar mit dem Verhalten der Traumprinzen, die grundsätzlich alle sexuell aktiven Frauen ohne Anlass slutshamen und verleumden, und dann bei einer solchen Gelegenheit begeistert mitmachen. Irgendwann hat sich so genügend Aggression aufgestaut, und die Frau bekommt dies von einem Treffen auf das andere plötzlich zu spüren, indem sie von den betreffenden Männern, sowie deren sozialem Netzwerk aus männlichen Freunden und weiblichen Freundinnen auf Treffen ignoriert wird, oder nur noch abwertende Bemerkungen zu hören bekommt, und zu gemeinsamen Unternehmungen nicht mehr eingeladen wird.

Diese Umgangsformen habe ich selbst erlebt und bei Anderen mehrmals beobachtet. Sie sind eine klare Umgehung der Konsenskultur und damit eine Form von Rape Culture. Ein anderer Begriff für dieses Verhalten lautet Lovebombing, eine unbewusst ablaufende Manipulationsstrategie.

“Wenn ständige romantische Offenheit die Arschloch-Dynamik und Rape Culture begünstigt, warum vertritt die Poly-Szene dann dieses Verhalten so unbedingt?”

Die Antwort liegt in der Frage: Weil junge Frauen in der Rolle “Frau”, die sich die Ebene Liebe noch stärker als im Mainstream erwarten, für Arschlöcher in der Rolle “Mann” reihenweise als leichte Beute für Sex bereitstehen. Einen anderen Grund hat dieser Glaubenssatz tatsächlich nicht!

Keine Liebesbeziehung, weder eine einzelne, und schon gar nicht mehrere gleichzeitig (und ich weiß das aus Erfahrung!), kann stabil existieren, wenn sie über einen gewissen Zeitraum hinaus romantisch offen bleibt. Wie soll da Vertrauen, gemeinsamer Alltag, Liebe, also Commitment, entstehen, wenn der bestehende Platz für tiefe Nähe jederzeit gefährdet oder massiv reduziert werden kann?

Denn jeder neue Mensch, mit dem_der eine Verbindung auf der Ebene Liebe eingegangen wird, reduziert automatisch die vorhandenen Ressourcen, also Zeit und Energie, die benötigt werden, um das Commitment und die Nähe des Ursprungspärchens oder -polyküls aufrecht zu erhalten. Die Nähe wird mit jedem zusätzlichen Menschen weniger, und irgendwann bleiben frustrierte Beziehungen übrig, die hauptsächlich ungesunde, energiefressende Dynamiken produzieren.