Die Poly-Szene – Teil 1/7: Was ist das überhaupt?

Ich, die Verfasserin dieses Blogs, bin biamor und lebe selbst polyamor: Ich habe eine Freundin und einen Freund, die beide ebenfalls ein Pärchen sind. Zusammen bilden wir eine romantisch geschlossene Triade (= Wir sind drei Menschen, und wir wünschen uns alle keine weiteren Liebesbeziehungen).

Wenn ein Mensch neben einer Liebesbeziehung gleichzeitig noch andere Verbindungen mit Sex pflegt, ist es im Hetero-Mainstream üblich, diese zusätzlichen Verhältnisse zu verheimlichen. Dagegen steht die Grundregel eines polyamoren Lebensstils: Jede_r Partner_in weiß von allen anderen. Heimlichkeit ist tabu.

Nun gibt es in Österreich in allen Landeshauptstädten parallel zu anderen alternativen Szenen die sogenannte Poly-Szene mit regelmäßigen Treffen, Stammtischen, Facebook-Gruppen und Stammlokalen. Die Szene selbst entstand Anfang der 1990er-Jahre in den USA, und wurde in den 2010er-Jahren in diverse europäische Länder importiert. Aus diesem Grund kommen auch im Jahr 2018 die meisten Konzepte der Poly-Szene über Bücher und das Internet aus US-amerikanischen “Hochburgen” in europäische Städte mit genügend Bewohner_innen mit Interesse an Subkulturen. In Österreich sind die “Hochburgen” klarerweise die Hauptstadt Wien sowie die “Studentenstadt” Graz. Das erklärte Ziel der Szene ist laut Eigenaussage einiger Organisator_innen:

“Menschen, die sich für Polyamorie interessieren, oder poly leben möchten, zu unterstützen und miteinander zu vernetzen.”

Nachdem ich allerdings ein ganzes Jahr meines Lebens (August 2014 – September 2015) fast ausschließlich in der Poly-Szene Wiens, die mit der in Graz bestens vernetzt ist, unterwegs war und an vielen Aktivitäten teilgenommen und auch bei der Organisation mitgemacht habe, kann ich als Meinung darüber lediglich sagen: Ignoriert diese Szene, wenn euch eure emotionale Gesundheit am Herzen liegt!

Unter der Oberfläche entpuppt sich nämlich, dass die Poly-Szene entgegen ihres Kredos nicht einmal den Furz einer Ahnung davon hat, wie eine ernsthafte Liebesbeziehung mit mehr als einem Menschen gleichzeitig gelingen kann. Schlimmer noch, denn die am häufigsten erwähnten Konzepte und Meinungen wirken in der Praxis sogar als Beschleunigung von Beziehungstrennungen, egal ob zu zweit, zu dritt oder zu mehrt.

Ein Punkt, an dem ein solches destruktives Konzept sichtbar gemacht werden kann, ist die Bedeutung des Wortes Polyamorie sowie seines Adjektivs polyamor, abgekürzt poly, innerhalb der Poly-Szene. Die Bezeichnung wird als Aussage über die eigene Identität gebraucht:

“Ich bin poly.”

Die Mehrheit der Menschen, die regelmäßig die Poly-Szene frequentieren, schimpft über den Lebensentwurf der Monogamie und den Hetero-Mainstream, was als gemeinsamer Feind verschiedenste Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Viele dieser Gespräche drehen sich dann um eine vergangene oder gegenwärtige unglückliche Beziehung, vergangene gescheiterte Beziehungen, nicht ausgelebte Wünsche nach Sex und/oder Verliebtheit mit anderen Menschen, oder deren heimliche Ausführung hinter dem Rücken einer vergangenen Beziehung. Die “Lösung” für diese Probleme ist dann – da sind sich alle einig – jetzt “poly” zu sein, oder dass jemand in Wirklichkeit “immer schon poly war”.

Was dieser Lebensentwurf der Polyamorie allerdings genau sein soll, bleibt bis auf die grobe Beschreibung, statt für eine nun für mehrere soziale Verbindungen mit Sex und Verliebtheitsgefühlen gleichzeitig offen zu sein, in allen Gesprächen wage. Der Grund: Durch meinen wiederholten Kontakt mit verschiedenen Menschen der Szene und gezielte Recherche bekam ich nach und nach mit, dass “poly sein”, je nach dem welche Person gefragt wird, verschiedene Bedeutungen hat:

  • Sex mit mehr als einem Menschen ohne Verheimlichung zu wollen
  • Romantische Verbindungen mit mehr als einem Menschen ohne Verheimlichung zu wollen
  • Die Hierarchiestufen zwischenmenschlicher Nähe verflachen zu wollen, sprich den Alltag nicht hauptsächlich mit romantischen Beziehungen zu verbringen, sondern die vorhandene Zeit gleichmäßig auf Liebesbeziehung(en) und Freundschaften zu “streuen”
  • Bestimmte Verhaltensweisen in der Dynamik einer einzigen Liebesbeziehung (wie Zusammenziehen, Eheschließung) abzulehnen, und dann mehrere solcher Verbindungen zu pflegen
  • “Irgendetwas Anderes” als das, was die Person im Hetero-Mainstream erlebt hat

Über diese Bedeutungsunterschiede redet jedoch kaum jemand – die meisten Szenegänger_innen wissen nicht einmal, dass sie existieren. Daran ist erkennbar, dass Menschen in der Poly-Szene keine eindeutige Definition von Polyamorie – und schon gar keine eindeutigen Subkategorien – verwenden und diese Tatsache auch noch verschleiert wird. Dadurch werden Interessent_innen und Anhänger_innen der Poly-Idee im Unklaren über ihre eigene Identität gelassen. Mit der entstehenden Verwirrung lassen sich dann alle möglichen Glaubenssätze begründen oder zumindest nicht widerlegen – es ist ja nie klar, von welchem Wunsch genau die Rede ist.

So wird monogam gerne als abwertende Bezeichnung gebraucht. Daraus geht jedoch nicht hervor, ob mit monogam “Sex mit nur einem Menschen” oder “eine Liebesbeziehung mit nur einem Menschen” gemeint ist. Dass eine solche Unklarheit ein Problem produziert, ist bisweilen an geradezu absurden Aussagen erkennbar: So wurden wir zu dritt, als sehr sichtbare polyamore Triade, bereits von zwei “Polys” (unabhängig voneinander) naserümpfend als “monogam” bezeichnet, als wir erklärten, dass keine_r von uns weitere romantische Verbindungen eingehen möchte.

Eine weitere Dissonanz zeigt sich im verbreiteten Slutshaming, das alle Geschlechter gleichermaßen verwenden: Die meisten Menschen in der Szene, die sich als poly identifizieren, rümpfen über Swinger die Nase und grenzen sich bei jeder Gelegenheit scharf ab, etwa mit Aussagen wie “Swingerclubs sind eklig” – natürlich ohne jemals einen besucht zu haben. Menschen, die sich einfach Sex zum Spaß wünschen, werden damit als minderwertig hingestellt, mit der Begründung, dass es bei Polyamorie nur um die Ebene Liebe gehen würde. Gleichzeitig baggern auf Poly-Veranstaltungen viele Hetero-Männer alle anwesenden Frauen an, und immer wieder auch erfolgreich, sodass fremde Menschen am Ende des Abends “zu mir oder zu dir” gehen. Während die Beteiligten also genau das machen, was unter Swingern offen und ehrlich passiert und positiv bewertet wird, wird dasselbe Verhalten in der Poly-Szene verschwiegen, abgestritten und negativ bewertet.