Die Poly-Szene – Teil 2/7: Die polyamore Lüge

Der Hetero-Mainstream fördert die monogame Lüge. Der wichtigste Punkt dabei ist, dass Sex und Liebe nur in einer geschlossenen Paarbeziehung stattfinden sollen. Hat sich dort ein Pärchen gefunden, ist es automatisch sexuell und romantisch geschlossen. Das heißt ebenso automatisch „Stopp“ für weitere Interessenten an einer Person dieses Pärchens, sexuell und romantisch.

Der Automatismus sexuell geschlossen stellt im Hetero-Mainstream ein Problem dar, weil er die Lügenkonstrukte des Patriarchats hervorbringt. Die automatische Einführung von romantisch geschlossen macht hingegen Sinn, da so das Pärchen auf der Ebene Liebe unter sich bleibt und gemeinsam eine stabile, vertrauensvolle Paarbeziehung entwickeln kann.

Nun ist die Poly-Szene aber aus einem Befreiungsversuch aus dem Hetero-Mainstream hervorgegangen. Die Strategie war daher das exakte Gegenteil: Um gegen die Beschränkungen von Sex und Liebe anzutreten, hat sich eine Allergie gegen alle Grenzen entwickelt. In der Hitze des Gefechts wird aber übersehen, dass es natürlich sinnlose, aber auch sinnvolle Grenzen gibt. Deswegen lehnt die Poly-Szene nicht nur die nicht funktionierenden, sondern überhaupt alle Prinzipien ab, die ihren Ursprung im Hetero-Mainstream haben.

Innerhalb der Poly-Szene hat sich daraus ein komplett neues Lügenkonstrukt entwickelt: Ich nenne es die polyamore Lüge. Es ist eine Abwandlung der monogamen Lüge – was, verglichen mit der Vehemenz, mit der sich regelmäßige Poly-Treffen-Besucher_innen von „der Monogamie“ abgrenzen, eine interessante Verwandschaft darstellt.

Zum Vergleich:

Die monogame Lüge behauptet:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.
  3. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.
  4. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.

Die polyamore Lüge teilt nun die ersten zwei Punkte mit der monogamen Lüge als gemeinsame Lügen. Lediglich ihr dritter Punkt ist eine neue Erfindung.

Die polyamore Lüge behauptet:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.
  3. Wenn sich jemand innerhalb einer Liebesbeziehung in einen neuen Menschen verliebt, muss daraus zwingend eine neue, zusätzliche Liebesbeziehung entstehen. Der Mensch in der Ursprungsbeziehung hat diese Entwicklung unter allen Umständen gutzuheißen und zu fördern.

Die Anwendung der polyamoren Lüge in einer Liebesbeziehung sieht nun folgendermaßen aus:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.

Ein Mensch in der Liebesbeziehung findet andere Menschen geil und würde mit diesen gerne sexuelle Erlebnisse anstreben.

  1. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.

Dieser Mensch verschwurbelt nun – meistens unbewusst (!) – aufgrund der gemeinsamen Lügen sein eigenes Bedürfnis:

Um Sex allein kann es nicht gehen. Denn einen sexuellen Wunsch zu haben bedeutet ja, automatisch auch einen romantischen Nähewunsch auszudrücken…

Außerdem nervt die ständige Notwendigkeit zur Verheimlichung. Das muss doch irgendwie offen und ehrlich möglich sein…

Damit beginnt der Mensch, der andere Menschen außerhalb der Liebesbeziehung sexuell begehrt, sich in einen neuen Menschen, den er_sie gerade geil findet, zu verlieben.

Die Begründung dieser Lüge ist dabei kreativer als im Hetero-Mainstream:
Sex zum Spaß (= Swingen) ist nicht einfach nur „grauslig“, sondern emotional kalt und mechanisch. Nur Sex mit Nähehandlungen wie in einer Liebesbeziehung kann wirklich erfüllend sein.

Mit der dritten Lüge unterscheidet sich die polyamore Lüge von der monogamen Lüge.

Monogame Lüge:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Diese Lüge wurde dekonstruiert: Es wurde anerkannt, dass es in einer gesunden Liebesbeziehung sehr wohl möglich ist, sich in jemand Anderes zu verlieben und dass diese Tatsache primär nichts mit der Existenzberechtigung der bestehenden Liebesbeziehung zu tun hat.

Anstatt mit einem funktionierenden Konstrukt wurde dies allerdings durch eine neue Lüge ersetzt:

Polyamore Lüge:

  1. Wenn sich jemand innerhalb einer Liebesbeziehung in einen neuen Menschen verliebt, muss daraus zwingend eine neue, zusätzliche Liebesbeziehung entstehen. Der Mensch in der Ursprungsbeziehung hat diese Entwicklung unter allen Umständen gutzuheißen und zu fördern.

Die Grundstimmung ist also im Gegensatz zum Hetero-Mainstream romantisch offen: Alles ist möglich; Beziehungsgeflechte können mit jeder neuen Verliebtheit um einen neuen Menschen erweitert werden. Zumindest solange die Anzahl der Menschen noch mit der Freizeit des poly-lebenden Menschen vereinbar ist.

Als Folge davon werden nicht nur Singles, sondern auch Menschen in bestehenden Pärchen oder Polykülen (= eine polyamore Beziehungsstruktur aus mehr als zwei Menschen) als „romantisch offen“ angesprochen. Niemand kommt auf die Idee, dass ein bestehendes Pärchen oder Polykül romantisch geschlossen sein könnte und somit ein_e Interessent_in „Muss nachfragen“ als selbstverständliche Vorlage anwenden sollte.

Auf Poly-Treffen sieht das dann folgendermaßen aus:

Ein Pärchen oder Polykül besucht gemeinsam eine Poly-Veranstaltung. Ist ein Mensch an einem_r der Neuankömmlinge interessiert, fängt er_sie an, die gewünschte Person anzuflirten. Die Beziehung(en) dieser Person werden dabei bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls durch Mikroaggressionen und soziale Manöver (Wegdrängen, Dazwischenstellen) auf die Seite geschoben.

Das führt dazu, dass – obwohl die Poly-Szene ständig über Polyküle und mehrfache Beziehungsanbahnung redet – keine Polyküle und kaum Pärchen auf den Treffen vorhanden sind: Verständlicherweise will sich kaum ein Paar oder Beziehungsgeflecht dieser sozialen Situation (öfter) aussetzen.

Ein weiterer Ausdruck dieser „romantisch offenen“ Kultur innerhalb der Poly-Szene sind die sogenannten Kuschelhaufen: Mehrere Menschen, die sich spontan kennengelernt haben, beginnen, Nähehandlungen auszutauschen. Sie umarmen, kuscheln, streicheln und küssen sich. Das kann stundenlang so gehen. Ab und zu wird rotiert, damit jede_r im Kuschelhaufen einmal mit allen gekuschelt hat. Nicht selten schlafen dabei alle aufeinander ein. Diese Handlungen (inklusive miteinander eingekuschelt einzuschlafen), suggerieren auf einer unbewussten Ebene die größte Nähe, die zwischen Menschen möglich ist – die einer Liebesbeziehung.

Wie gesagt, diese Menschen haben sich aber gerade erst kennengelernt und wissen oft nicht einmal den Vornamen voneinander. Bewusst sind sich alle also nahezu fremd, unbewusst wird die größtmögliche Nähe kommuniziert. Dass aufgrund der Inkompatibilität der gleichzeitigen Handlungen da mal ein Kabel im Gehirn durchbrennt, ist nicht verwunderlich. Diese Menschen haben dadurch nämlich ein erhöhtes Risiko, chronische psychische Probleme zu bekommen.