Die Stinos – Teil 1/4: Wir sind monogam!

Stinos (ein_e Stino, mehrere Stinos) steht für „stinknormale Menschen“ und bezeichnet eine Gruppe von Menschen in der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft, die durch ihre Anpassung an Normen die Unterdrückung von (insbesondere weiblicher) Sexualität befeuern. Da sie gemessen am Anteil an der Gesamtbevölkerung die Mehrheit darstellen, sind sie die Hauptquelle für die Entstehung und Aufrechterhaltung der patriarchalen Lügenkonstrukte.

Bezeichnungen wie Subkultur (lateinisch sub = unter) oder alternative Szene (lateinisch alter = anders) ergeben sich aus dem Vergleich mit dieser Mehrheitskultur. Menschen in solchen Subkulturen, die alternative Sexualität (Swingen, BDSM) und/oder alternative Beziehungsmodelle (wie Polyamorie) leben, verwenden den Begriff und die Anrede Stino(s) als bewusste Abgrenzung zur Mehrheitskultur. Meistens ist das abwertend gemeint. Um eine neutrale Bezeichnung zu verwenden, habe ich mich für Hetero-Mainstream entschieden.

  • Hetero, weil die bevorzugte sexuelle und romantische Orientierung in dieser Mehrheitskultur hetero ist, woraus sich als größte Gegenbewegung die queere Szene herausgebildet hat. Diese fordert für gleichgeschlechtliche (= Homo-)Lebensweisen die gleichen Rechte ein, wie sie Hetero-Lebensweisen standardmäßig zugestanden werden – wie Eheschließung, Adoption von Kindern, künstliche Befruchtung, usw.
  • Mainstream (engl. = Hauptströmung), weil die Mehrheit der Menschen dessen Normen und Werte für sich übernommen hat.

Innerhalb des Hetero-Mainstreams ist monogam ein allgegenwärtiges Schlagwort. Es wird als Aussage über die eigene Identität gebraucht: „Ich bin monogam“. Bei genauerem Nachfragen kann Monogamie oder monogam sein, je nachdem, welche Person gefragt wird, allerdings verschiedene Bedeutungen haben:

  • Sex nur mit einem Menschen zu wollen
  • Eine Liebesbeziehung nur mit einem Menschen zu wollen
  • In einer Liebesbeziehung nur Sex mit diesem einen Menschen zu wollen

Etymologisch besteht monogam aus mono (altgr. = eins)  und gam = (altgr. = Sexualpartner). Davon kommt auch Gameten, der Fachbegriff für Keimzellen – also Ei- und Samenzellen. Im eigentlichen Wortsinn sollte monogam also „einen einzigen Sexualpartner habend“ bedeuten. Das stimmt aber schon im Tierreich nicht. So gehen Vögel, die sich zum Brüten einen lebenslangen Partner suchen, ein paar Mal im Jahr sexuell fremd (Männchen und Weibchen!), werden aber trotz dieses Paarungsverhaltens als „monogame Tiere“ bezeichnet und oftmals als Vorbild für menschliche monogame Liebesbeziehungen zitiert.

Die meisten Menschen verstehen heute unter Monogamie den dritten Punkt: in einer Liebesbeziehung keinen Sex mit anderen Menschen als der Liebesbeziehung selbst zu wollen. Allerdings entspricht dies nicht der Natur der meisten Menschen, sondern ist eine falsche Idee des Hetero-Mainstreams.

Ob eine Idee falsch ist, ist daran ersichtlich, ob sich beim Aufeinandertreffen der Idee und ihrer Umsetzung in der Wirklichkeit Widersprüche finden lassen. In diesem Fall werden wir schnell fündig: Heimliche sexuelle Affären oder Trennungen aufgrund von Fremdgehen (= Sex mit jemand Anderem als der Liebesbeziehung zu haben) sind tief in das kollektive Gedächtnis der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft eingegraben: Sowohl jahrhundertealte Geschichten als auch die moderne Popkultur greifen diese immer wieder auf. Daraus ist also ableitbar, dass die meisten Menschen, egal ob Frau, Mann oder weiteres Geschlecht, sehr wohl ein Bedürfnis danach haben, innerhalb einer Liebesbeziehung Sex mit mehr als diesem einen Menschen zu praktizieren.

Beispiele:

Ein Hetero-Pärchen, das sich selbst als „monogam“ sieht, ist gemeinsam mit seinem besten Hetero-Freund auf Urlaub und sitzt zu dritt am Strand. Der beste Freund cremt der Frau des Pärchens den Rücken mit Sonnenschutz ein.

Wo ist nun die Grenze zum „Fremdgehen“?

  • Eine gute Rückenmassage, die beide ein bisschen antörnt?
  • Ein Gespräch, wo miteinander geflirtet wird?
  • Wenn sie ihr Bikini-Top auszieht und der beste Freund der Frau die Brüste ebenso mit eincremt?
  • Wenn alle FKK sind und das gegenseitig antörnend finden, sodass eine kurze sexuelle Spannung entsteht, wo die beiden Männer eine Erektion bekommen?

Jedes Pärchen hat dazu seine eigene Meinung und, im Idealfall, Spielregeln: Für manche ist bereits Flirten mit Sex-Resonanzmenschen eine Todsünde, andere ziehen nur bei genitalen Handlungen oder bei Geschlechtsverkehr eine Grenze.

Das Wort monogam, wie es im Alltag verwendet wird, ergibt also keinen Sinn:

  • Entweder ist es schwammig definiert: Jedes Pärchen macht sich seine konkrete Bedeutung neu aus. Als Folge davon verstehen sich zwei und mehr Pärchen gegenseitig nicht, wenn sie den Begriff Monogamie verwenden.
  • Oder es ist ganz einfach falsch: Denn die Definition, die die meisten verstehen, nämlich in einer Liebesbeziehung nur Sex mit diesem einen Menschen zu wollen, ist eine falsche Idee über die Menschheit.

Diese falsche Idee nenne ich die monogame Lüge.