Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 3/7: Primärmotivierte Polyamorie

  • Ist im Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich? herausgekommen, dass Polyamorie wahrscheinlich ein primärmotivierter Wunsch von dir ist?
  • Oder bist du einfach neugierig, wie primärmotivierte Polyamorie aussieht?

In beiden Fällen bekommst du hier dazu mehr Information.

Meiner Erfahrung nach gibt es bisher genau drei Hintergründe, aus denen ein primärmotivierter Wunsch nach Polyamorie entstehen kann – die dann alle Grundlagen erfüllt, um gesund und langfristig zu funktionieren.

Verschiedene Bedürfnisse an Nähe:

Innerhalb einer bestehenden Zweierbeziehung benötigt Mensch A mehr liebevolle Nähe als Mensch B. Mensch A wünscht sich daher eine Liebesbeziehung zu einem zusätzlichen Menschen.

Der Grund für diese Unausgeglichenheit muss allerdings an einem durch Verhandlung unveränderbaren Zustand liegen – z. B.:

  • Wenn Mensch A neurotypisch funktioniert, Mensch B sich aber am autistischen Spektrum befindet.
  • Wenn Mensch A besonders viel Freizeit hat, während Mensch B seine Selbstverwirklichung im Beruf findet. Diese spezielle Situation ist allerdings verwundbar: Nehmen wir an, Mensch B entscheidet sich eines Tages dafür, ebenso viel Freizeit wie Mensch A zu haben. Daraus kann dann ein größeres Nähebedürfnis als bisher entstehen, das wiederum Mensch A dann nicht erwidern kann, da sein Bedürfnis bereits von einer Liebesbeziehung mit Mensch C abgedeckt wird.
Fortgeschrittene persönliche Weiterentwicklung:

Ein Mensch lebt in einer erfüllten Zweierbeziehung. Allerdings möchte und kann dieser Mensch auf der Ebene Liebe mehr geben, als die bestehende Liebesbeziehung braucht, um schön und stabil zu funktionieren. Dieser Wunsch ist nur konstruktiv, wenn:

  • sich dahinter keine Sekundärmotivationen verstecken (wie der Wunsch nach mehr Sex)
  • Der Wunsch nicht aus einem Mangel heraus erfolgt (wie ein Defizit an Nähe in der Ursprungsbeziehung)
  • die Nähe, Zeit und Platz füreinander in der Ursprungsbeziehung erhalten bleiben
  • eine höhere Komplexität als zu zweit bewusst gewünscht ist, um eine umfangreichere Selbsterfahrung für persönliche Weiterentwicklung zu erreichen
  • kein Poly-Zeitproblem wegen zu hoher Komplexität entsteht

Das war der Hauptbeweggrund für meinen Lebensgefährten Nemo, eine weitere Hetero-Beziehung zusätzlich zu seiner Ursprungsbeziehung mit Maitri anzustreben.

Die amore Orientierung:

Ein Mensch ist biamor (und damit automatisch auch bisexuell) und wünscht sich jeweils eine Liebesbeziehung mit beiden binären Geschlechtern (Frau und Mann).

Diese Motivation, polyamor zu leben, tritt allerdings fast immer in Kombination mit den obigen Gründen (Verschiedene Bedürfnisse an Nähe oder Fortgeschrittene persönliche Weiterentwicklung) auf. Schließlich gibt es genug Menschen, die klar biamor sind, die sich aber keine höhere Komplexität im Beziehungsleben als die einer Zweierbeziehung wünschen.

Das ist mein persönlicher Beweggrund: Nach der Entfernung einiger Sekundärmotivationen kam bei mir meine romantische Orientierung parallel mit einem Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung als Primärmotivation für Polyamorie zum Vorschein. Bei meiner Lebensgefährtin Maitri stehen ebenfalls diese beiden Gründe hinter ihrer Entscheidung für unsere Triade.

Disclaimer:

Alle anderen Gründe für Polyamorie von Menschen, mit denen ich persönlich Kontakt hatte, stellten sich nach Anwendung der „Wozu (willst du das)?“-Fragenkaskade als Sekundärmotivationen heraus. Sollte ich ein neues Konzept kennenlernen, das nach Anwendung der Fragenkaskade auf einer Primärmotivation aufbaut, nehme ich es gerne in die obige Liste über die Primärmotivationen für Polyamorie auf. Bisher ist das aber noch nicht passiert.