Wie funktioniert das Patriarchat?

Wie bereits in Sex und Liebe: Der große Unterschied! angesprochen, vertrete ich, dass das größte Problem des sozialen Miteinanders der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft und ihrer alternativen Szenen folgendes ist: die Verwechslung von Sex und Liebe. Diese Verwechslung kann mithilfe von unterscheidender Sprache in der Praxis aufgehoben werden.

Doch mit einer Sprachänderung alleine ist es nicht getan: Auf der erwähnten Verwirrung baut nämlich ein ganzes Gesellschaftssystem auf, das alle Lebensbereiche durchzieht – das Patriarchat.

Wikipedia definiert es so:

Patriarchat (wörtlich „Väterherrschaft“) beschreibt in der Soziologie, der Politikwissenschaft und verschiedenen Gesellschaftstheorien ein System von sozialen Beziehungen, maßgebenden Werten, Normen und Verhaltensmustern, das von Vätern und Männern geprägt, kontrolliert und repräsentiert wird.

Nun ergänze ich um ein paar Hintergrundinformationen:

Die sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ werden allen Menschen in patriarchalen Gesellschaften von Geburt an anerzogen. Jede Rolle ist eine Sammlung von bestimmten Verhaltensmustern bezüglich Auslebung der sexuellen und romantischen Bedürfnisse.

Da Kinder hauptsächlich durch Vorleben und Nachahmen lernen, nehmen nicht nur die Eltern, sondern auch das gesamte Umfeld eines Kindes (Verwandte, Nachbarn, Kindergarten, Schule, Waren, Popkultur, usw.) Einfluss auf die soziale Rolle des Kindes. Die erlernten Verhaltensmuster brechen sich dann beim Erwachen der eigenen Sexualität ihre Bahn und beeinflussen unbewusst die Gedanken, Einstellungen und Handlungen jedes erwachsenen Menschen.

Die beschriebenen sozialen Rollen werden gerne mit biologisch / genetisch / „natürlich“ vorgegebenen Geschlechtern gleichgesetzt. Menschen, die diesen Glaubenssatz vertreten, behaupten dann, es gäbe nur zwei Geschlechter. Diese Denkweise heißt die binäre Geschlechterordnung und ist ein patriarchales Lügenkonstrukt.

In Wahrheit wird die soziale Rolle Menschen je nach ihrem sichtbaren Geschlechtsorgan bei der Geburt zugewiesen: Menschen mit Vulva werden üblicherweise in der Rolle „Frau“ erzogen, und Menschen mit Penis in der Rolle „Mann“. Allerdings gibt es auch Menschen, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden, und die daher in keine dieser Vorstellungen passen. Hier richtet die binäre Geschlechterordnung großen Schaden an, denn sie bewirkt, dass die Existenz solcher Menschen vertuscht wird, indem diese entweder „eher“ einer der beiden Rollen zugeordnet, und/oder sogar zwangsoperiert werden, um der Vorstellung von Eltern oder Ärzt_innen zu entsprechen.

Die meisten Menschen behalten das anerzogene Verhaltensmuster ihr Leben lang bei. Bei der Mehrheit der erwachsenen Menschen nehmen daher Menschen mit Vulva meistens die Rolle „Frau“ sowie Menschen mit Penis meistens die Rolle „Mann“ ein. Trans-Menschen und weitere Geschlechter sind jedoch genauso Mitwirkende der patriarchalen Rollenverteilung: Auch sie wurden in einer sozialen Rolle erzogen, und fallen durch ihr unbewusstes Verhalten entweder überwiegend in die Rolle „Frau“ oder „Mann“.

Wer sich wie die letztgenannnten Menschen bewusster mit der Wahrnehmung von geschlechtstypischem Verhalten beschäftigt, und beginnt, die eigene Rolle als eingeprägtes Muster zu bemerken, kann unbewusst oder bewusst unabhängig von Erziehung oder empfundenem Geschlecht in die jeweils andere Rolle wechseln. Alternative Subkulturen kennen das Phänomen und haben für Menschen, die eine andere als die traditionelle Rolle schlüpfen, eigene Typbezeichnungen entwickelt. So gibt es Menschen, die:

sich selbst als Frau bezeichnen, aber sich überwiegend in der Rolle „Mann“ verhalten. Wenn diese lesbisch leben, werden sie Butch oder Dyke genannt.

sich selbst als Mann bezeichnen, aber sich überwiegend in der Rolle „Frau“ verhalten. Wenn ein solcher Mensch schwul lebt, wird er gerne als Tunte bezeichnet. Ein Mann, der für eine begrenzte Zeit Frauenkleider trägt und damit in die andere Rolle schlüpft, wird Transvestit genannt.

sich als nicht-binär sehen, aber sich überwiegend in der Rolle „Frau“ verhalten

sich als nicht-binär sehen, aber sich überwiegend in der Rolle „Mann“ verhalten

Die sexuelle Orientierung hat mit der sozialen Rolle übrigens gar nichts zu tun: So kann eine lesbische genauso wie eine Hetero-Frau verhaltensgleich die Rolle „Frau“ einnehmen, lediglich die erotischen und romantischen Wünsche sind an ein anderes Geschlecht gerichtet.

Für alle Geschlechter lässt sich das Patriarchat auf eine einfache Verleugnung zusammenkürzen:

Frauen wollen keinen Sex, sondern nur Liebe.
Männer wollen keine Liebe, sondern nur Sex.

Das ist die große patriarchale Lüge, die verpackt in den sozialen Rollen „Frau“ und „Mann“ in den patriarchalen Mehrheitsgesellschaften (der eurozentrischen/westlichen, der muslimischen und der russischen/asiatischen Gesellschaft) ständig als Wahrheit verkauft wird.

Diese Lüge mag so direkt aufgeschrieben als bekannter Unfug erscheinen. Da sie allerdings in den meisten Menschen immer noch unbewusst fest verankert ist, ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig, um diese falsche Idee zu entfernen. Mein Blog soll seinen Teil zu dieser Aufklärungsarbeit beitragen.