Die Poly-Szene – Teil 1/7: Was ist das überhaupt?

Ich, die Verfasserin dieses Blogs, bin biamor und lebe selbst polyamor: Ich habe eine Freundin und einen Freund, die beide ebenfalls ein Pärchen sind. Zusammen bilden wir eine romantisch geschlossene Triade (= Wir sind drei Menschen, und wir wünschen uns alle keine weiteren Liebesbeziehungen).

Wenn ein Mensch neben einer Liebesbeziehung gleichzeitig noch andere Verbindungen mit Sex pflegt, ist es im Hetero-Mainstream üblich, diese zusätzlichen Verhältnisse zu verheimlichen. Dagegen steht die Grundregel eines polyamoren Lebensstils: Jede_r Partner_in weiß von allen anderen. Heimlichkeit ist tabu.

Nun gibt es in Österreich in allen Landeshauptstädten parallel zu anderen alternativen Szenen die sogenannte Poly-Szene mit regelmäßigen Treffen, Stammtischen, Facebook-Gruppen und Stammlokalen. Die Szene selbst entstand Anfang der 1990er-Jahre in den USA, und wurde in den 2010er-Jahren in diverse europäische Länder importiert. Aus diesem Grund kommen auch im Jahr 2018 die meisten Konzepte der Poly-Szene über Bücher und das Internet aus US-amerikanischen “Hochburgen” in europäische Städte mit genügend Bewohner_innen mit Interesse an Subkulturen. In Österreich sind die “Hochburgen” klarerweise die Hauptstadt Wien sowie die “Studentenstadt” Graz. Das erklärte Ziel der Szene ist laut Eigenaussage einiger Organisator_innen:

“Menschen, die sich für Polyamorie interessieren, oder poly leben möchten, zu unterstützen und miteinander zu vernetzen.”

Nachdem ich allerdings ein ganzes Jahr meines Lebens (August 2014 – September 2015) fast ausschließlich in der Poly-Szene Wiens, die mit der in Graz bestens vernetzt ist, unterwegs war und an vielen Aktivitäten teilgenommen und auch bei der Organisation mitgemacht habe, kann ich als Meinung darüber lediglich sagen: Ignoriert diese Szene, wenn euch eure emotionale Gesundheit am Herzen liegt!

Unter der Oberfläche entpuppt sich nämlich, dass die Poly-Szene entgegen ihres Kredos nicht einmal den Furz einer Ahnung davon hat, wie eine ernsthafte Liebesbeziehung mit mehr als einem Menschen gleichzeitig gelingen kann. Schlimmer noch, denn die am häufigsten erwähnten Konzepte und Meinungen wirken in der Praxis sogar als Beschleunigung von Beziehungstrennungen, egal ob zu zweit, zu dritt oder zu mehrt.

Ein Punkt, an dem ein solches destruktives Konzept sichtbar gemacht werden kann, ist die Bedeutung des Wortes Polyamorie sowie seines Adjektivs polyamor, abgekürzt poly, innerhalb der Poly-Szene. Die Bezeichnung wird als Aussage über die eigene Identität gebraucht:

“Ich bin poly.”

Die Mehrheit der Menschen, die regelmäßig die Poly-Szene frequentieren, schimpft über den Lebensentwurf der Monogamie und den Hetero-Mainstream, was als gemeinsamer Feind verschiedenste Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Viele dieser Gespräche drehen sich dann um eine vergangene oder gegenwärtige unglückliche Beziehung, vergangene gescheiterte Beziehungen, nicht ausgelebte Wünsche nach Sex und/oder Verliebtheit mit anderen Menschen, oder deren heimliche Ausführung hinter dem Rücken einer vergangenen Beziehung. Die “Lösung” für diese Probleme ist dann – da sind sich alle einig – jetzt “poly” zu sein, oder dass jemand in Wirklichkeit “immer schon poly war”.

Was dieser Lebensentwurf der Polyamorie allerdings genau sein soll, bleibt bis auf die grobe Beschreibung, statt für eine nun für mehrere soziale Verbindungen mit Sex und Verliebtheitsgefühlen gleichzeitig offen zu sein, in allen Gesprächen wage. Der Grund: Durch meinen wiederholten Kontakt mit verschiedenen Menschen der Szene und gezielte Recherche bekam ich nach und nach mit, dass “poly sein”, je nach dem welche Person gefragt wird, verschiedene Bedeutungen hat:

  • Sex mit mehr als einem Menschen ohne Verheimlichung zu wollen
  • Romantische Verbindungen mit mehr als einem Menschen ohne Verheimlichung zu wollen
  • Die Hierarchiestufen zwischenmenschlicher Nähe verflachen zu wollen, sprich den Alltag nicht hauptsächlich mit romantischen Beziehungen zu verbringen, sondern die vorhandene Zeit gleichmäßig auf Liebesbeziehung(en) und Freundschaften zu “streuen”
  • Bestimmte Verhaltensweisen in der Dynamik einer einzigen Liebesbeziehung (wie Zusammenziehen, Eheschließung) abzulehnen, und dann mehrere solcher Verbindungen zu pflegen
  • “Irgendetwas Anderes” als das, was die Person im Hetero-Mainstream erlebt hat

Über diese Bedeutungsunterschiede redet jedoch kaum jemand – die meisten Szenegänger_innen wissen nicht einmal, dass sie existieren. Daran ist erkennbar, dass Menschen in der Poly-Szene keine eindeutige Definition von Polyamorie – und schon gar keine eindeutigen Subkategorien – verwenden und diese Tatsache auch noch verschleiert wird. Dadurch werden Interessent_innen und Anhänger_innen der Poly-Idee im Unklaren über ihre eigene Identität gelassen. Mit der entstehenden Verwirrung lassen sich dann alle möglichen Glaubenssätze begründen oder zumindest nicht widerlegen – es ist ja nie klar, von welchem Wunsch genau die Rede ist.

So wird monogam gerne als abwertende Bezeichnung gebraucht. Daraus geht jedoch nicht hervor, ob mit monogam “Sex mit nur einem Menschen” oder “eine Liebesbeziehung mit nur einem Menschen” gemeint ist. Dass eine solche Unklarheit ein Problem produziert, ist bisweilen an geradezu absurden Aussagen erkennbar: So wurden wir zu dritt, als sehr sichtbare polyamore Triade, bereits von zwei “Polys” (unabhängig voneinander) naserümpfend als “monogam” bezeichnet, als wir erklärten, dass keine_r von uns weitere romantische Verbindungen eingehen möchte.

Eine weitere Dissonanz zeigt sich im verbreiteten Slutshaming, das alle Geschlechter gleichermaßen verwenden: Die meisten Menschen in der Szene, die sich als poly identifizieren, rümpfen über Swinger die Nase und grenzen sich bei jeder Gelegenheit scharf ab, etwa mit Aussagen wie “Swingerclubs sind eklig” – natürlich ohne jemals einen besucht zu haben. Menschen, die sich einfach Sex zum Spaß wünschen, werden damit als minderwertig hingestellt, mit der Begründung, dass es bei Polyamorie nur um die Ebene Liebe gehen würde. Gleichzeitig baggern auf Poly-Veranstaltungen viele Hetero-Männer alle anwesenden Frauen an, und immer wieder auch erfolgreich, sodass fremde Menschen am Ende des Abends “zu mir oder zu dir” gehen. Während die Beteiligten also genau das machen, was unter Swingern offen und ehrlich passiert und positiv bewertet wird, wird dasselbe Verhalten in der Poly-Szene verschwiegen, abgestritten und negativ bewertet.

Die Poly-Szene – Teil 2/7: Die polyamore Lüge

Der Hetero-Mainstream fördert die monogame Lüge. Der wichtigste Punkt dabei ist, dass Sex und Liebe nur in einer geschlossenen Paarbeziehung stattfinden sollen. Hat sich dort ein Pärchen gefunden, ist es automatisch sexuell und romantisch geschlossen. Das heißt ebenso automatisch “Stopp” für weitere Interessenten an einer Person dieses Pärchens, sexuell und romantisch.

Der Automatismus sexuell geschlossen stellt im Hetero-Mainstream ein Problem dar, weil er die Lügenkonstrukte des Patriarchats hervorbringt. Die automatische Einführung von romantisch geschlossen macht hingegen Sinn, da so das Pärchen auf der Ebene Liebe unter sich bleibt und gemeinsam eine stabile, vertrauensvolle Paarbeziehung entwickeln kann.

Nun ist die Poly-Szene aber aus einem Befreiungsversuch aus dem Hetero-Mainstream hervorgegangen. Die Strategie war daher das exakte Gegenteil: Um gegen die Beschränkungen von Sex und Liebe anzutreten, hat sich eine Allergie gegen alle Grenzen entwickelt. In der Hitze des Gefechts wird aber übersehen, dass es natürlich sinnlose, aber auch sinnvolle Grenzen gibt. Deswegen lehnt die Poly-Szene nicht nur die nicht funktionierenden, sondern überhaupt alle Prinzipien ab, die ihren Ursprung im Hetero-Mainstream haben.

Innerhalb der Poly-Szene hat sich daraus ein komplett neues Lügenkonstrukt entwickelt: Ich nenne es die polyamore Lüge. Es ist eine Abwandlung der monogamen Lüge – was, verglichen mit der Vehemenz, mit der sich regelmäßige Poly-Treffen-Besucher_innen von “der Monogamie” abgrenzen, eine interessante Verwandschaft darstellt.

Zum Vergleich:

Die monogame Lüge behauptet:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.
  3. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.
  4. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, jemand Anderen sexuell begehrenswert zu finden.

Die polyamore Lüge teilt nun die ersten zwei Punkte mit der monogamen Lüge als gemeinsame Lügen. Lediglich ihr dritter Punkt ist eine neue Erfindung.

Die polyamore Lüge behauptet:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.
  2. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.
  3. Wenn sich jemand innerhalb einer Liebesbeziehung in einen neuen Menschen verliebt, muss daraus zwingend eine neue, zusätzliche Liebesbeziehung entstehen. Der Mensch in der Ursprungsbeziehung hat diese Entwicklung unter allen Umständen gutzuheißen und zu fördern.

Die Anwendung der polyamoren Lüge in einer Liebesbeziehung sieht nun folgendermaßen aus:

  1. Die Ebene Lust und die Ebene Liebe sind dasselbe Bedürfnis.

Ein Mensch in der Liebesbeziehung findet andere Menschen geil und würde mit diesen gerne sexuelle Erlebnisse anstreben.

  1. Tauchen sexuelle Wünsche auf der Ebene Lust an andere Menschen auf, muss automatisch ein Wunsch nach romantischer Nähe auf der Ebene Liebe mit dabei sein.

Dieser Mensch verschwurbelt nun – meistens unbewusst (!) – aufgrund der gemeinsamen Lügen sein eigenes Bedürfnis:

Um Sex allein kann es nicht gehen. Denn einen sexuellen Wunsch zu haben bedeutet ja, automatisch auch einen romantischen Nähewunsch auszudrücken…

Außerdem nervt die ständige Notwendigkeit zur Verheimlichung. Das muss doch irgendwie offen und ehrlich möglich sein…

Damit beginnt der Mensch, der andere Menschen außerhalb der Liebesbeziehung sexuell begehrt, sich in einen neuen Menschen, den er_sie gerade geil findet, zu verlieben.

Die Begründung dieser Lüge ist dabei kreativer als im Hetero-Mainstream:
Sex zum Spaß (= Swingen) ist nicht einfach nur “grauslig”, sondern emotional kalt und mechanisch. Nur Sex mit Nähehandlungen wie in einer Liebesbeziehung kann wirklich erfüllend sein.

Mit der dritten Lüge unterscheidet sich die polyamore Lüge von der monogamen Lüge.

Monogame Lüge:

  1. Solange die Liebesbeziehung von beiden Beteiligten aus gesund ist, ist es nicht möglich, sich in jemand Anderen zu verlieben.

Diese Lüge wurde dekonstruiert: Es wurde anerkannt, dass es in einer gesunden Liebesbeziehung sehr wohl möglich ist, sich in jemand Anderes zu verlieben und dass diese Tatsache primär nichts mit der Existenzberechtigung der bestehenden Liebesbeziehung zu tun hat.

Anstatt mit einem funktionierenden Konstrukt wurde dies allerdings durch eine neue Lüge ersetzt:

Polyamore Lüge:

  1. Wenn sich jemand innerhalb einer Liebesbeziehung in einen neuen Menschen verliebt, muss daraus zwingend eine neue, zusätzliche Liebesbeziehung entstehen. Der Mensch in der Ursprungsbeziehung hat diese Entwicklung unter allen Umständen gutzuheißen und zu fördern.

Die Grundstimmung ist also im Gegensatz zum Hetero-Mainstream romantisch offen: Alles ist möglich; Beziehungsgeflechte können mit jeder neuen Verliebtheit um einen neuen Menschen erweitert werden. Zumindest solange die Anzahl der Menschen noch mit der Freizeit des poly-lebenden Menschen vereinbar ist.

Als Folge davon werden nicht nur Singles, sondern auch Menschen in bestehenden Pärchen oder Polykülen (= eine polyamore Beziehungsstruktur aus mehr als zwei Menschen) als “romantisch offen” angesprochen. Niemand kommt auf die Idee, dass ein bestehendes Pärchen oder Polykül romantisch geschlossen sein könnte und somit ein_e Interessent_in “Muss nachfragen” als selbstverständliche Vorlage anwenden sollte.

Auf Poly-Treffen sieht das dann folgendermaßen aus:

Ein Pärchen oder Polykül besucht gemeinsam eine Poly-Veranstaltung. Ist ein Mensch an einem_r der Neuankömmlinge interessiert, fängt er_sie an, die gewünschte Person anzuflirten. Die Beziehung(en) dieser Person werden dabei bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls durch Mikroaggressionen und soziale Manöver (Wegdrängen, Dazwischenstellen) auf die Seite geschoben.

Das führt dazu, dass – obwohl die Poly-Szene ständig über Polyküle und mehrfache Beziehungsanbahnung redet – keine Polyküle und kaum Pärchen auf den Treffen vorhanden sind: Verständlicherweise will sich kaum ein Paar oder Beziehungsgeflecht dieser sozialen Situation (öfter) aussetzen.

Ein weiterer Ausdruck dieser “romantisch offenen” Kultur innerhalb der Poly-Szene sind die sogenannten Kuschelhaufen: Mehrere Menschen, die sich spontan kennengelernt haben, beginnen, Nähehandlungen auszutauschen. Sie umarmen, kuscheln, streicheln und küssen sich. Das kann stundenlang so gehen. Ab und zu wird rotiert, damit jede_r im Kuschelhaufen einmal mit allen gekuschelt hat. Nicht selten schlafen dabei alle aufeinander ein. Diese Handlungen (inklusive miteinander eingekuschelt einzuschlafen), suggerieren auf einer unbewussten Ebene die größte Nähe, die zwischen Menschen möglich ist – die einer Liebesbeziehung.

Wie gesagt, diese Menschen haben sich aber gerade erst kennengelernt und wissen oft nicht einmal den Vornamen voneinander. Bewusst sind sich alle also nahezu fremd, unbewusst wird die größtmögliche Nähe kommuniziert. Dass aufgrund der Inkompatibilität der gleichzeitigen Handlungen da mal ein Kabel im Gehirn durchbrennt, ist nicht verwunderlich. Diese Menschen haben dadurch nämlich ein erhöhtes Risiko, chronische psychische Probleme zu bekommen.

Die Poly-Szene – Teil 3/7: Patriarchale Dynamiken innerhalb der Szene

Die Unterdrückung und Abwertung der Ebene Lust an sich (Ablehnung von Swinger_innen, die gemeinsamen Punkte der monogamen und polyamoren Lüge) trifft also auf eine weit offene Ebene Liebe (romantisch offenes Sozialverhalten, Kuschelhaufen).

Die Ebene Lust kann also wieder einmal nur durch die Öffnung der Ebene Liebe freigeschalten werden. Das setzt die Einzementierung der patriarchalen Lüge in Gang und produziert in weiterer Folge eine eigene Rape Culture (!):

Hinter ihren Glaubenssätzen funktioniert die Poly-Szene nämlich folgendermaßen:

Menschen in der Rolle “Frau”, vorrangig Frauen, aber auch Männer und weitere Geschlechter, betreten die Szene, da sie von den Behauptungen über die Ebene Liebe mit mehr als einem Menschen angezogen werden.

Dort warten allerdings schon Menschen in der Rolle “Mann”, vorrangig Männer, die diesen im Vergleich zum Mainstream noch verstärkten Glauben an die Ebene Liebe von Menschen in der Rolle “Frau” ausnutzen, um durch Vorspielen nicht vorhandener Zuneigung Sex zu bekommen, bei dem sie auf die Bedürfnisse der Frau kaum oder gar nicht Rücksicht nehmen (müssen).

Verstärkt sich diese Dynamik noch mehr, ergeben sich übergriffige Menschen in der Rolle “Mann”, die Menschen in der Rolle “Frau” ganz grundsätzlich als Sexualobjekte ohne eigenen Willen ansprechen und durch diverse Spielchen versuchen, den Konsens des Gegenübers zu umgehen bzw. ihn geradeaus missachten.

Die latente Übergriffigkeit auf Poly-Veranstaltungen gestaltet sich dabei zuerst indirekt, und erst in einem späteren Stadium offen feindselig. So können viele Menschen in der Rolle “Mann”, vorrangig Männer, auf der Arschloch-Skala als Frauenversteher und Traumprinz eingeordnet werden. Die Frauenversteher signalisieren gegenüber einem sexuell attraktiven Menschen in der Rolle “Frau” durch Komplimente, Hilfsbereitschaft, kleine Geschenke oder Einladungen Interesse an einer Freundschaft. Ab dem Moment jedoch, an dem die umworbene Frau an Kuschelhandlungen oder Sex nicht (mehr) interessiert ist und das klarstellt, wird sie schlagartig (und natürlich ohne ein klärendes Gespräch) fallen gelassen. Die betreffenden Männer sind dann zwar nicht mehr freundlich, aber immer noch oberflächlich höflich, während sie die entsprechende Frau hinter ihrem Rücken slutshamen und verleumden. Dieses Klima ergänzt sich wunderbar mit dem Verhalten der Traumprinzen, die grundsätzlich alle sexuell aktiven Frauen ohne Anlass slutshamen und verleumden, und dann bei einer solchen Gelegenheit begeistert mitmachen. Irgendwann hat sich so genügend Aggression aufgestaut, und die Frau bekommt dies von einem Treffen auf das andere plötzlich zu spüren, indem sie von den betreffenden Männern, sowie deren sozialem Netzwerk aus männlichen Freunden und weiblichen Freundinnen auf Treffen ignoriert wird, oder nur noch abwertende Bemerkungen zu hören bekommt, und zu gemeinsamen Unternehmungen nicht mehr eingeladen wird.

Diese Umgangsformen habe ich selbst erlebt und bei Anderen mehrmals beobachtet. Sie sind eine klare Umgehung der Konsenskultur und damit eine Form von Rape Culture. Ein anderer Begriff für dieses Verhalten lautet Lovebombing, eine unbewusst ablaufende Manipulationsstrategie.

“Wenn ständige romantische Offenheit die Arschloch-Dynamik und Rape Culture begünstigt, warum vertritt die Poly-Szene dann dieses Verhalten so unbedingt?”

Die Antwort liegt in der Frage: Weil junge Frauen in der Rolle “Frau”, die sich die Ebene Liebe noch stärker als im Mainstream erwarten, für Arschlöcher in der Rolle “Mann” reihenweise als leichte Beute für Sex bereitstehen. Einen anderen Grund hat dieser Glaubenssatz tatsächlich nicht!

Keine Liebesbeziehung, weder eine einzelne, und schon gar nicht mehrere gleichzeitig (und ich weiß das aus Erfahrung!), kann stabil existieren, wenn sie über einen gewissen Zeitraum hinaus romantisch offen bleibt. Wie soll da Vertrauen, gemeinsamer Alltag, Liebe, also Commitment, entstehen, wenn der bestehende Platz für tiefe Nähe jederzeit gefährdet oder massiv reduziert werden kann?

Denn jeder neue Mensch, mit dem_der eine Verbindung auf der Ebene Liebe eingegangen wird, reduziert automatisch die vorhandenen Ressourcen, also Zeit und Energie, die benötigt werden, um das Commitment und die Nähe des Ursprungspärchens oder -polyküls aufrecht zu erhalten. Die Nähe wird mit jedem zusätzlichen Menschen weniger, und irgendwann bleiben frustrierte Beziehungen übrig, die hauptsächlich ungesunde, energiefressende Dynamiken produzieren.

Die Poly-Szene – Teil 4/7: Seriell-parallele Polyamorie oder: Le chien qui miaule

Wenn die Ebene Lust unterdrückt wird, fördert dies nicht nur die Einzementierung der patriarchalen Lüge und in weiterer Folge Rape Culture, sondern es werden sekundärmotivierte Verliebtheiten in neue Menschen begünstigt, die ohne die Unterdrückung der Ebene Lust vermutlich nicht oder viel schwerer entstanden wären.

Polyamorie bedeutet jedoch, dass mehrere Verliebtheiten/Liebesbeziehungen gleichzeitig möglich sind. In der seriellen Monogamie, die die monogame Lüge als Grundlage hat, wird bei einem neuen Beziehungswunsch die Ursprungsbeziehung beendet. Die Ideologie der Poly-Szene hat aber die polyamore Lüge als Grundlage: Deswegen bleibt die Ursprungsbeziehung (zunächst) bestehen und die neue Verliebtheit wird einfach angehängt.

Solange die polyamore Lüge aktiv ist, bleibt das neue Beziehungsgeflecht aus drei Menschen weiterhin romantisch offen. Verliebt sich eine_r der Menschen aus dem bestehenden Polykül neu, wird diese Verliebtheit also wieder angehängt, sodass es jetzt – als Paare oder Metamours – vier zusammenhängende Menschen gibt. Und so weiter. Daraus entstehen dann eine oder mehrere ungesunde Dynamiken zwischen allen Beteiligten.

Da es dafür noch keine eigenen Bezeichnungen gibt, haben mein Lebensgefährte Nemo und ich eigene erfunden: der miauende Hund und der seriell-parallele Durchlauferhitzer.

Ein Mensch, der “poly ist”, betreibt mehrere Verliebtheiten gleichzeitig und teilt die eigene Zeit unter diesen auf. Da aber immer wieder (üblicherweise mit einem Abstand von mehreren Monaten) eine neue Verliebtheit an das Beziehungsgeflecht angehängt wird, bleibt für die chronologisch älteren Verliebtheiten irgendwann nicht mehr genug Zeit und Platz, um die tiefe Nähe einer ernstgemeinten Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten.

Das setzt zuerst den miauenden Hund in Gang: Die gemeinsame Nähe sinkt von der tiefen Nähe einer Liebesbeziehung graduell auf die Nähe einer entfernten Bekanntschaft mit Sex. Diese Nähe wird dann von den Beteiligten immer noch als “Liebesbeziehung” bezeichnet, obwohl die gegenseitigen Wünsche und Handlungen nicht mehr viel damit zu tun haben: So kann einem Menschen in einer solchen “Liebesbeziehung” dann passieren, dass es dem angeblich verliebten Gegenüber herzlich egal ist, wenn er_sie krank ist. Die Katze wird also mit “Hund” angesprochen, miaut aber trotzdem, anstatt zu bellen.

Der miauende Hund besteht solange, wie die Beteiligten Wünsche und einzelne Handlungen der Ebene 6 trotzdem verwenden. Dazu gehört bei der Beziehungsform die (öffentliche und private) Bezeichnung als “Liebesbeziehung”, “Beziehung” oder “Paar”, der (meistens heimliche) Wunsch auf ein größeres Interesse des Gegenübers in Richtung “Leben teilen”, und natürlich Nähehandlungen (Miteinander einschlafen, Kuscheln, Küssen). Alle diese Verhaltensweisen befeuern im Unbewussten die Sehnsucht nach der tiefen Nähe einer echten Liebesbeziehung mit dem betreffenden Menschen. Das führt zu ständigen destruktiven Konflikten wegen des nicht mehr erfüllbaren Beziehungswunsches, also einen instabilen Zwischenzustand auf der Näheskala, ähnlich dem einer Nebenbeziehung.

Die Näheskala: Der miauende Hund (eine von mehreren Möglichkeiten)
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Bleibt das Beziehungsgeflecht weiterhin romantisch offen, beginnt der seriell-parallele Durchlauferhitzer: Die chronologisch älteren Verliebtheiten fallen nach und nach zugunsten einer neuen (meistens sekundärmotivierten) Verliebtheit, einer neuen “Hitze” also, irgendwann aus dem Beziehungsgeflecht. Entweder weil sie sich selbst lieber in neue Verliebtheiten investieren oder weil das Gegenüber keine Zeit mehr und/oder geringeres Interesse an Verbindungen hat, bei denen der miauende Hund aktiv ist und daher die anfängliche Verliebtheit weniger geworden oder verschwunden ist.

Um diese beiden Dynamiken zu verschleiern, ist in der Poly-Szene sogar eine eigene Philosophie entstanden: New relationship energy (engl. Energie einer neuen Verliebtheit), abgekürzt NRE. Diese behauptet, dass die Energie, die eine frische Verliebtheit mit sich bringt, den chronologisch älteren Beziehungen nützen würde und die jeweiligen Paare durch Mitfreude (über die neue Verliebtheit des_der Beziehungspartner_in) näher zueinander bringen würde.

In der Praxis habe ich allerdings ausschließlich das Gegenteil beobachtet: Genau die Menschen, denen die Verliebtheits-Energie angeblich nützt, verbringen immer weniger Zeit miteinander, wodurch deren Nähe als Paar über Zeit drastisch weniger wird. Langfristig produzieren beide Dynamiken zutiefst frustrierte Menschen, die wie Tantalos ständig die Hoffnung auf eine echte Liebesbeziehung vor Augen haben, welche aber, sobald sie diese leben wollen, auf ein kaum anwesendes, emotional kaltes Gegenüber trifft.

Wie auf der Näheskala ersichtlich, ist der miauende Hund ein instabiler Zwischenzustand und damit energiefressend. Bei jenen beteiligten Menschen, die mehrere solcher (ehemaliger) Verliebtheiten gleichzeitig betreiben, und sich daher in mehreren energiefressenden Situationen befinden, verstärkt das den energiefressenden Effekt drastisch, welcher dann bei allen Beteiligten psychische Probleme auslöst. Zusammen mit den enttäuschten Hoffnungen und eventuell Liebeskummer aus den Trennungen im seriell-parallelen Durchlauferhitzer führt eine ständig romantisch offene Lebensweise letztendlich zu chronischen psychischen Erkrankungen wie einer Depression oder einer Persönlichkeitsstörung.

Die Poly-Szene – Teil 5/7: Typische Dynamiken in romantisch offenen Beziehungen

Eine ständige romantische Offenheit verhindert also aktiv erfolgreiche (einzelne und mehrfache!) Liebesbeziehungen.

Dieser Zusammenhang wird von der polyamoren Lüge vollkommen ausgeklammert – und ist somit oft einem Menschen, der dieser Lüge aufsitzt, ebenso nicht klar oder zumindest ausreichend egal.

Polyamore Lüge:

  1. Wenn sich jemand innerhalb einer Liebesbeziehung in einen neuen Menschen verliebt, muss daraus zwingend eine neue, zusätzliche Liebesbeziehung entstehen. Der Mensch in der Ursprungsbeziehung hat diese Entwicklung unter allen Umständen gutzuheißen und zu fördern.

Dieser dritte Punkt führt dazu, dass die polyamore Lüge eine ähnliche Dynamik wie die monogame Lüge lostritt – die Ähnlichkeit ist dabei, dass wieder ein Mensch als Gaspedal und ein weiterer Mensch als Bremse handelt.

Mensch A und Mensch B sind in einer bestehenden Liebesbeziehung zu zweit. Mensch A interessiert sich aber für Polyamorie als neuen Lebensentwurf: Er_Sie will die eigene Ebene Liebe mit mehr als einem Menschen ausleben (z. B. weil er_sie sich in einen neuen Menschen verliebt hat). Wenn Mensch B nicht an die polyamore Lüge glaubt, ist ihm_ihr allerdings bewusst, dass das weniger gemeinsame Zeit sowie eine Verwässerung der gemeinsamen Nähe bedeuten würde. Wird kein Modus gefunden, in dem die Nähe des Ursprungspärchens erhalten bleibt, ist diese Befürchtung völlig realistisch und berechtigt. Als Folge davon äußert Mensch B Wünsche und Grenzen:

  • Mensch A soll zu dem neuen Resonanz-Menschen auf der Ebene Liebe völlig auf Abstand gehen.
  • Mensch A kann mit dem Resonanz-Menschen in Kontakt bleiben, Sex und/oder ein Beziehungswunsch darf dabei aber nicht angestrebt werden.
  • Mensch A kann den neuen Menschen als Nebenbeziehung oder Satelliten anstreben, die eigene Beziehung muss aber in allen Belangen eine höhere Hierarchie aufweisen.
  • Mensch B will gemeinsam mit Mensch A erst einmal diesen Lebensentwurf ausführlich besprechen und erkunden, bevor ein Beziehungswunsch zu irgendeinem anderen Menschen umgesetzt wird, zum Beispiel mithilfe den Tipps für gesunde Polyamorie.

Da Mensch A allerdings die polyamore Lüge als “Recht auf Freiheit” empfindet, möchte er_sie aus der neuen Verliebtheit um jeden Preis eine Liebesbeziehung nach der eigenen Vorstellung machen – und erwartet von der bestehenden Ursprungsbeziehung dafür Unterstützung. Die Poly-Szene bietet für diese Situation sogar ein Label an: die Mono-Poly-Beziehung, die nichts mit dem Brettspiel zu tun hat, sondern in der Mensch A weitere romantische Verbindungen anstrebt (“poly”), während Mensch B ausschließlich Mensch A als Partner_in möchte (“mono”).

Mensch B blockt natürlich ab, da er_sie sich und die eigenen Wünsche nicht ernst genommen fühlt und greift daher zu drastischeren Methoden.

Ist Mensch A, der_die die Ebene Liebe erweitern will, an dieser Stelle nicht einsichtig und/oder lebt dieses Bedürfnis trotz Stoppschild des Gegenübers aus, ist Mensch B verletzt. Als Folge davon zieht er_sie sich zurück, verbringt mehr Zeit mit anderen Menschen oder fängt an, soziale Situationen von Mensch A, die nichts mit Polyamorie zu tun haben, zu kontrollieren, z. B. freundschaftliche Treffen oder Sex zum Spaß-Unternehmungen. Es ist ja nie klar, ob Grenzen (schon wieder) nicht eingehalten werden, also besser gleich alles dichtmachen.

Diese Dynamik ist schwerer zu entschlüsseln als die monogame Lüge:

Denn im Gegensatz zu sexuellen Bedürfnissen der Ebene Lust sind romantische Bedürfnisse der Ebene Liebe nicht selbstverständlich an mehrere Menschen gleichzeitig gerichtet: Es ist für die Mehrheit der Menschheit eine gesunde und funktionierende Vorlage, zu zweit auf der Ebene Liebe sein Leben miteinander zu verbringen. Um den Konflikt zu lösen, müssen daher sowohl Mensch A für sich als auch Mensch A und Mensch B gemeinsam die Gründe hinterfragen, die hinter einem Wunsch nach einem weiteren Menschen auf der Ebene Liebe stehen.

Die Poly-Szene – Teil 6/7: Der Ausstieg aus der polyamoren Lüge

Die sekundärmotivierten Verliebtheiten, und damit der miauende Hund und der seriell-parallele Durchlauferhitzer, entstehen aus der Unterdrückung der Ebene Lust, die für sich alleine (ohne Ebene Liebe) nicht vorkommen darf.

Daher muss bei Auftreten der polyamoren Lüge die Ebene Lust bei allen Beteiligten in der bestehenden Liebesbeziehung genau angeschaut werden:

  • Geht es eigentlich (möglicherweise unbewusst) um die Erfüllung von sexuellen Bedürfnissen, die anders nicht raus dürfen?
  • Oder geht es tatsächlich darum, mehr als einen Menschen zu lieben, mit mächtigen Konsequenzen wie Mitbestimmung bei Lebensentscheidungen, ganz genauso wie die Ursprungsbeziehung, und mit mehr als einem Menschen sein Leben verbringen zu wollen?

Wenn ich die polyamore Lüge aus der Poly-Szene herausrechne, vermute ich, dass die ehrlichen Bedürfnisse der Menschen, die Poly-Veranstaltungen besuchen, in Wirklichkeit folgende sind:

  • 80% sind Menschen, die sich eine sexuell offene Beziehung anstatt einer sexuell geschlossenen “monogamen” Beziehung wünschen. Die Ebene Lust ist bei diesen Menschen nur derart unterdrückt, dass sie diese nur über den Umweg über die Ebene Liebe erreichen. Oft herrscht auch Unwissenheit, wie eine sexuell offene Beziehung anzugehen ist, denn das ist selbst in der eurozentrischen/westlichen Gesellschaft im Jahr 2016 noch schwer und mit Widerstand von den meisten Menschen im eigenen Umfeld verbunden.
  • 15% sind Arschlöcher in der Rolle “Mann”, die die vorhandene Rape Culture für sich nutzen, um auf unehrlichen Wegen unfairen Sex zu bekommen. Tendenz steigend.
  • Und 5% sind Menschen wie ich: Sie wollen tatsächlich und nach genauer Analyse der Ebene Lust mit mehr als einem Menschen die Ebene Liebe leben, mit allen Konsequenzen. Tendenz sinkend, da ich solchen Menschen nur raten kann, die Szene schleunigst zu verlassen!

In Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 3/7: Primärmotivierte Polyamorie habe ich die wenigen ganzheitlich funktionierenden Positivbeispiele bezüglich Polyamorie beschrieben, die ich kenne. Während die Hintergründe verschieden sind, ist ein gesunder Ablauf immer der gleiche: Eine vormals romantisch geschlossene Beziehung romantisch zu öffnen, mit einem speziellen Menschen Nähehandlungen auszuführen und nach einiger Zeit das nun neue Beziehungskonstrukt wieder romantisch zu schließen.

Eine Beziehung romantisch zu öffnen kann nur in einer gesunden Art und Weise geschehen, wenn:
es ein klares Wozu (Es geht tatsächlich um die Ebene Liebe!) gibt, und
klare Regeln innerhalb des Ursprungspaares oder -polyküls in fairer Verhandlung und im Konsens von allen Beteiligten beschlossen wurden.

Paare oder Polyküle, die sich in der polyamoren Lüge befinden, und damit diese Umgangsformen nicht haben, steuern zielgerade auf eine missbräuchliche Beziehung oder ihre Trennung zu! In der Poly-Szene werden gerne andere Geschichten erzählt: Szenarien, in denen eine Liebesbeziehung ohne klares Wozu und Absprachen ohne Konsens (!) romantisch offen ist und (länger als ein paar Monate) bleibt, die dann für alle Beteiligten zwar ein ungewöhnliches, aber insgesamt doch ein schönes, bereicherndes Erlebnis wären. Solche Geschichten sind entweder eine massive Verdrehung der tatsächlichen Geschehnisse unter Weglassung aller negativen Erlebnisse – oder sind schlichtweg nie passiert.

Stattdessen steckt oft dahinter, dass der_die passive Partner_in in der Ursprungsbeziehung wegen Ablehnung der Heimlichkeit zwar über eine weitere Verliebtheit/einen weiteren Beziehungswunsch informiert wird, zu dessen Auslebung aber nie Konsens gegeben hat. Das ist per Definition keine Polyamorie, sondern, da kein Konsens vorhanden ist, ein Übergriff seitens des Menschen, der die polyamore Lüge anwendet.

Die Poly-Szene hat zum Thema eines solchen Konsensbruchs ein paar Stehsätze entwickelt, die sich an den_die passive Partner_in einer Konstellation in der polyamoren Lüge richten:

“Es geht darum, geliebte Menschen frei zu lassen, sowohl körperlich als auch emotional.”

Wenn ich frei als “Ich kann absolut alles tun, was ich will!” verstehe, hat diese Sichtweise in einer ernstgemeinten Liebesbeziehung keinen Platz. Wenn ich meinem Gegenüber ohne Anlass eine Watsche gebe, weil ich das gerade will, wird dieser Mensch zu Recht darüber nachdenken, sich von mir zu trennen. Ohne Konsens der Ursprungskonstellation etwas zu unternehmen, was die gemeinsame Nähe verletzt, ist in dieser Metapher wie eine Watsche auf der romantischen Ebene. Die gesunde emotionale Reaktion des verletzten Gegenübers ist nach mehreren Verletzungen an dieser Stelle tatsächlich, die Beziehung freizulassen – in ein wohlverdientes Single-Dasein.

“Wenn wir Ängste und Bedürftigkeiten fallen lassen, können wir Menschen unvoreingenommen im Hier und Jetzt begegnen.”

Wenn ich die Angst, dass ich mein Gegenüber verliere und die Bedürftigkeit, mein Gegenüber zu brauchen, fallen lasse, lasse ich zu, dass mir dieses Gegenüber immer mehr egal wird. Denn um einen Menschen absolut nicht zu brauchen, muss mir die Existenz dieses Menschen vollkommen wurscht sein. Und eine “Liebes”beziehung, in denen sich beide/alle Menschen herzlich egal sind, wünsche ich nicht einmal meinen schlimmsten Feinden.

Etliche Versuche dieser Art (mit genau diesen Sätzen als Rechtfertigung!) habe ich während meines Kontakts zur Poly-Szene binnen Monaten scheitern sehen, andere waren gerade dabei, als ich den Kontakt abbrach.

Update (Dezember 2016, ein Jahr nach Verlassen der Szene): Mittlerweile habe ich erfahren, dass sich alle Polyküle, die wir in der Szene kennengelernt haben, getrennt haben. Sie zerfielen entweder in einzelne Pärchen, oder es sind sogar alle am Polykül beteiligten romantischen Beziehungen gescheitert.

Die Poly-Szene – Teil 7/7: Verlasst die Poly-Szene!

Meine eigenes polyamores Beziehungsleben wurde erst ab dem Zeitpunkt stabil und dauerhaft schön, als wir eine romantisch geschlossene Triade wurden und mit dieser Entscheidung gemeinsam aus der polyamoren Lüge ausstiegen.

Als ich die Veränderung meinen (angeblichen) Freundschaften und (angeblichen) guten Bekanntschaften auf Poly-Veranstaltungen mitteilte, wurde ich von einer Sekunde auf die andere feindselig angestarrt, geschnitten, gemieden und teilweise sogar offen angefeindet: Menschen versuchten uns in Triaden- oder in Pärchenformation aktiv auseinander zu bringen, um damit wieder die ursprüngliche romantische Offenheit herzustellen. Dies geschah durch Aufforderung, nicht beieinander zu sitzen, “nicht so viel Pärchen-Getue zu zeigen”, oder gar durch bewusstes Dazwischenstellen und Abpassen von meiner Freundin und mir von Arschlöchern in der Rolle “Mann”.

Mein Freund wurde von Männern in der Poly-Szene besonders offen angefeindet – nicht nur durch das übliche Wegdrängen, sondern auch durch abwertende Bemerkungen. Offenbar wurde er als der alleinige Grund wahrgenommen, dass ich nun nicht mehr romantisch ansprechbar war und daher nicht mehr in “Kuschelhaufen” anzutreffen war. Dass ich oder meine Freundin uns genauso bewusst wie er für unsere Konstellation und romantisch geschlossene Ausrichtung entschieden haben, das war ganz offensichtlich uninteressant. Der zugrundeliegende Gedankengang wird aufgrund der unbewusst herrschenden Frauenverachtung wohl gewesen sein: “Die sind eh nur Frauen, deren Beziehung zueinander zählt nicht. Sie sind nur etwas wert, solange sie für Hetero-Bedürfnisse romantisch ansprechbar und daher verarschbar sind.”

Ich habe seitdem die Poly-Szene verlassen und kann jedem Menschen nur raten, schleunigst das Weite vor dieser übergriffigen und Unglück fördernden Subkultur zu suchen!