Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 1/7: Gesunde Grenzen

Dieser Beitrag und die folgende Artikelreihe über Gesunde Polyamorie bauen auf den Artikelreihen über die Poly-Szene und Begriffe der Poly-Szene auf. Darin habe ich die wesentlichen Ideen und Verhaltensweisen bezüglich Polyamorie beschrieben, die negative Dynamiken produzieren – also unter welchen Bedingungen Polyamorie langfristig nicht funktioniert. Wie ein Polykül (= ein polyamores Beziehungsgeflecht) für alle Beteiligten gesund und langfristig funktionieren kann, habe ich durch meine persönliche Erfahrung mit meinen beiden Lieben herausgefunden.

Da wir kein gesundes Vorbild, weder persönlich noch in den Medien, für unsere Konstellation hatten, mussten wir alle Grundlagen in diesem neuen Territorium selbst ausprobieren und definieren. Durch unseren Lernprozess enttarnten wir die meisten der typischen Konzepte der Poly-Szene als nicht funktionierende Glaubenssätze und entfernten sie darauf in mehreren Schritten aus unserem Leben. Dadurch blieben die positiven Verhaltensweisen entweder übrig, oder wir hatten endlich Zeit und Energie, um uns auf die aktive Suche nach neuen positiven Verhaltensweisen zu machen, die in der Poly-Szene nicht einmal vorkommen.

Wie wir entdeckt haben, drehen sich die wesentlichen Grundlagen gesunder Polyamorie um die Vereinbarung von sinnvollen Grenzen. Interessanterweise gilt dies genauso für gesunde Paarbeziehungen zu zweit.

  1. Gleichberechtigte Beziehungen = keine hierarchische Polyamorie:
    Alle Beteiligten des Polyküls müssen sowohl in ihren jeweiligen romantischen Beziehungen, als auch bei Lebensentscheidungen der Beziehungspartner_innen die gleichen Mitbestimmungsrechte haben.
  2. Alle Lebensentscheidungen müssen einen klaren Zweck („Wozu wollen wir das?“) haben und von allen Beteiligten im Konsens beschlossen werden. Ein spezielles Beispiel dafür ist die Entscheidung, romantisch offen zu werden, also noch jemanden auf der Ebene Liebe in das Pärchen/Polykül aufzunehmen.
  3. Das Polykül muss nach einer bestimmten Zeit romantisch geschlossen werden und bleiben, damit die darin enthaltenen Paarbeziehungen stabil werden und bleiben. Die Vereinbarung, romantisch geschlossen zu bleiben, kann dabei entweder temporär der vollständig sein:
    • Temporär:
      „Wir bleiben für eine bestimmte Zeit romantisch geschlossen und versuchen währenddessen herauszufinden, ob unser Wunsch nach Polyamorie primär- oder sekundärmotiviert ist.“
    • Vollständig:
      „Wir wollen ab jetzt romantisch geschlossen unsere Leben miteinander verbringen. Solange wir zusammen sind, wollen wir an dieser Vereinbarung nie wieder etwas ändern.“

Die häufig vorkommenden negativen Dynamiken der Poly-Szene wie der miauende Hund und der seriell-parallele Durchlauferhitzer werden dadurch effektiv vermieden.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 2/7: Ist diese L(i)ebensform etwas für mich?

Der Wunsch nach Polyamorie entsteht in einem betreffenden Menschen, egal ob Single oder in einer aktiven Zweierbeziehung, immer aus einem konkreten Grund. Der Grund dieses Wunsches liegt allerdings oft im Unbewussten. Deshalb kann der Wunsch nach Polyamorie von falschen Ideen, die mit einer gesunden Realität nichts mehr zu tun haben, fehlgeleitet sein. Nach Aufdeckung und Überprüfung dieser Ideen kann darunter ein ganz anderer Wunsch als eine Poly-Beziehung zum Vorschein kommen.

Eine anfängliche Unwissenheit oder Verwirrtheit hinter einem Wunsch nach Polyamorie ist nicht die Schuld des betreffenden Menschen. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, die diverse Wünsche nach Sex und Liebe abseits des Hetero-Mainstreams für nicht existent erklärt. Oder um es mit Farin Urlaub zu sagen:

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wär‘ nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

Es ist aber sehr wohl die Verantwortung eines jeden Menschen, der_die sich Polyamorie wünscht, herauszufinden, was hinter diesem Wunsch tatsächlich authentisch der Fall ist – also ob es sich dabei um eine Primär- oder eine Sekundärmotivation handelt.

Beispiele:

„Ich habe seit kurzem entdeckt, dass ich mir mit einem zusätzlichen Menschen eine Liebesbeziehung wünsche, aber die Liebesbeziehung zu meinem gegenwärtigen Menschen dabei weiterführen möchte. Ich will nichts verheimlichen müssen – und Polyamorie klingt gut, da wissen alle voneinander. Kann das funktionieren?“

Jein.

Ob der Wunsch nach einer Liebesbeziehung mit mehr als einem Menschen gleichzeitig gesund gelebt werden kann, hängt nämlich von mehreren Faktoren ab. Manche davon sind sehr gute Voraussetzungen, um Polyamorie zu leben. Andere allerdings sind ein garantierter Schuss ins Knie, der nicht nur keine weitere Liebesbeziehung, sondern den Verlust der bereits vorhandenen Liebesbeziehung bedeuten kann.

Um dieses Risiko einschätzen zu können, ist der erste und wichtigste Schritt, über den eigenen Wunsch zu reflektieren: Wozu möchte ich eine weitere Liebesbeziehung?

Bei vielen ist darauf die Antwort:

„Weil es mir passiert ist, dass ich mich in einen weiteren Menschen verliebt habe, während ich in einer Liebesbeziehung lebe.“

Jetzt geht die Fragenkaskade aber weiter: Wozu habe ich mich in diesen Menschen verliebt?

Ab hier wird es kompliziert. Denn hinter einer Verliebtheit oder einem „Crush“ verstecken sich oft Sekundärmotivationen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Diese sind der erwähnte Schuss ins Knie.

Wird eine zusätzliche Liebesbeziehung aus einer Sekundärmotivation eingegangen, enden alle beteiligten Liebesbeziehungen höchstwahrscheinlich in einem emotionalen Atompilz. Die zweithöchste Wahrscheinlichkeit ist zwar, dass alle Beteiligten rechtzeitig die Sekundärmotivationen bemerken und auflösen, dieses Szenario ist allerdings immer noch mit viel emotionalem Schmerz verbunden.

Nachfolgend habe ich ein Flowchart gezeichnet, das die häufigsten Sekundärmotivationen hinter einer Verliebtheit aufdeckt und zu Strategien weiterleitet, um diese ins Bewusstsein zu holen und aufzulösen.
Meistens hat nach der erfolgreichen Durchführung der vorgeschlagenen Lösungsansätze ein neuer Wunsch den ursprünglichen Wunsch nach Polyamorie ersetzt.

In seltenen Fällen steckt hinter einer neuen Verliebtheit tatsächlich eine Primärmotivation für Polyamorie. Diese Fälle werden allerdings erst sichtbar, sobald alle Sekundärmotivationen entweder ausschließbar sind oder gemeinsam mit der bestehenden Liebesbeziehung bearbeitet wurden. Wenn danach noch immer ein Wunsch nach Polyamorie vorhanden ist, handelt es sich höchstwahrscheinlich (aber nicht automatisch!) um eine Primärmotivation.

Bei der Mehrheit der Menschen in der Poly-Szene spielt ein Mangel in Ex-Beziehungen oder der gegenwärtigen Partnerschaft eine wesentliche Rolle, warum sie jetzt Polyamorie anstreben. Der Ausgangspunkt ist:

„Wenn mir meine Partnerschaft etwas Bestimmtes nicht gibt, das ich brauche, hole ich es mir bei einem anderen Menschen.“

Wenn allerdings das Fundament (= das Ursprungspaar) aufgrund eines Mangels nicht stabil ist, können es auch alle Beziehungen, die an diesen Menschen dranhängen, nicht sein. Mehr zu diesem Mechanismus findest du unter Das Energie-Gleichgewicht zwischen Paaren in Polykülen.

Daher startet mein Flowchart bei einem Mangel und leitet daraus zu den jeweiligen Sekundärmotivationen weiter:

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 3/7: Primärmotivierte Polyamorie

  • Ist im Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich? herausgekommen, dass Polyamorie wahrscheinlich ein primärmotivierter Wunsch von dir ist?
  • Oder bist du einfach neugierig, wie primärmotivierte Polyamorie aussieht?

In beiden Fällen bekommst du hier dazu mehr Information.

Meiner Erfahrung nach gibt es bisher genau drei Hintergründe, aus denen ein primärmotivierter Wunsch nach Polyamorie entstehen kann – die dann alle Grundlagen erfüllt, um gesund und langfristig zu funktionieren.

Verschiedene Bedürfnisse an Nähe:

Innerhalb einer bestehenden Zweierbeziehung benötigt Mensch A mehr liebevolle Nähe als Mensch B. Mensch A wünscht sich daher eine Liebesbeziehung zu einem zusätzlichen Menschen.

Der Grund für diese Unausgeglichenheit muss allerdings an einem durch Verhandlung unveränderbaren Zustand liegen – z. B.:

  • Wenn Mensch A neurotypisch funktioniert, Mensch B sich aber am autistischen Spektrum befindet.
  • Wenn Mensch A besonders viel Freizeit hat, während Mensch B seine Selbstverwirklichung im Beruf findet. Diese spezielle Situation ist allerdings verwundbar: Nehmen wir an, Mensch B entscheidet sich eines Tages dafür, ebenso viel Freizeit wie Mensch A zu haben. Daraus kann dann ein größeres Nähebedürfnis als bisher entstehen, das wiederum Mensch A dann nicht erwidern kann, da sein Bedürfnis bereits von einer Liebesbeziehung mit Mensch C abgedeckt wird.
Fortgeschrittene persönliche Weiterentwicklung:

Ein Mensch lebt in einer erfüllten Zweierbeziehung. Allerdings möchte und kann dieser Mensch auf der Ebene Liebe mehr geben, als die bestehende Liebesbeziehung braucht, um schön und stabil zu funktionieren. Dieser Wunsch ist nur konstruktiv, wenn:

  • sich dahinter keine Sekundärmotivationen verstecken (wie der Wunsch nach mehr Sex)
  • Der Wunsch nicht aus einem Mangel heraus erfolgt (wie ein Defizit an Nähe in der Ursprungsbeziehung)
  • die Nähe, Zeit und Platz füreinander in der Ursprungsbeziehung erhalten bleiben
  • eine höhere Komplexität als zu zweit bewusst gewünscht ist, um eine umfangreichere Selbsterfahrung für persönliche Weiterentwicklung zu erreichen
  • kein Poly-Zeitproblem wegen zu hoher Komplexität entsteht

Das war der Hauptbeweggrund für meinen Lebensgefährten Nemo, eine weitere Hetero-Beziehung zusätzlich zu seiner Ursprungsbeziehung mit Maitri anzustreben.

Die amore Orientierung:

Ein Mensch ist biamor (und damit automatisch auch bisexuell) und wünscht sich jeweils eine Liebesbeziehung mit beiden binären Geschlechtern (Frau und Mann).

Diese Motivation, polyamor zu leben, tritt allerdings fast immer in Kombination mit den obigen Gründen (Verschiedene Bedürfnisse an Nähe oder Fortgeschrittene persönliche Weiterentwicklung) auf. Schließlich gibt es genug Menschen, die klar biamor sind, die sich aber keine höhere Komplexität im Beziehungsleben als die einer Zweierbeziehung wünschen.

Das ist mein persönlicher Beweggrund: Nach der Entfernung einiger Sekundärmotivationen kam bei mir meine romantische Orientierung parallel mit einem Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung als Primärmotivation für Polyamorie zum Vorschein. Bei meiner Lebensgefährtin Maitri stehen ebenfalls diese beiden Gründe hinter ihrer Entscheidung für unsere Triade.

Disclaimer:

Alle anderen Gründe für Polyamorie von Menschen, mit denen ich persönlich Kontakt hatte, stellten sich nach Anwendung der „Wozu (willst du das)?“-Fragenkaskade als Sekundärmotivationen heraus. Sollte ich ein neues Konzept kennenlernen, das nach Anwendung der Fragenkaskade auf einer Primärmotivation aufbaut, nehme ich es gerne in die obige Liste über die Primärmotivationen für Polyamorie auf. Bisher ist das aber noch nicht passiert.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 4/7: Das Poly-Zeitproblem

In Polykülen tritt ab einer bestimmten Anzahl von beteiligten Menschen ein Zeitproblem auf. Mein Lebensgefährte Nemo hat dieses Zeitproblem in einem mathematischen Modell formuliert:

Legende:

 

Eine Paarbeziehung besteht aus 2 Menschen: A und B. Die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen ist dabei gleich groß wie in der Zweierbeziehung. Daher gibt es nur 1 gemeinsamen Space. Die Komplexität des Systems ist also gleich 1.

 

 

 

 

Eine Triade ist ein Polykül aus den 3 Menschen A, B, C in der Form eines geschlossenen Dreiecks.
Es enthält 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, A+C
Das Gesamtsystem ist das Zu-Dritt: A+B+C

Die Komplexität ist demnach:
3×1 + 1 = 4

 

Soweit sind noch keine metamour-Verbindungen vorhanden. Die häufigste Form, in der dieses Verhältnis vorkommt, ist das V:

Ein V ist ein Polykül aus 3 Menschen, in der Form des Buchstaben V. Es teilt sich in primäre und sekundäre Verbindungen.

Primär besteht es aus 2 Paarbeziehungen:
A+B und B+C

Sekundär gibt es aber noch:

  • Das metamour-Verhältnis A+C:
    Diese beiden Menschen müssen schließlich Lebensentscheidungen, die mit B erfolgen, untereinander besprechen. Außerdem beteiligen sich die metamours direkt oder indirekt an allen Konflikten rund um Mensch B, zum Beispiel wenn Mensch C zwischen Mensch A und Mensch B vermittelt, oder Mensch A Mensch B in einem Konflikt mit Mensch C unterstützt.
  • Das Gesamtsystem aus allen 3 Menschen: A+B+C

Die Komplexität ist also, obwohl es eine Liebesbeziehung weniger als in einer Triade gibt, gleich hoch:
2×1 + 1 + 1 = 4

 

Daraus lässt sich ableiten, dass alle Polyküle aus 3 Menschen, egal ob in einer Triade oder in einem V, in etwa 4mal so komplex sind wie eine Zweierbeziehung.

Dieser Zahlenwert bezieht sich auf alle Lebensbereiche, die in einer ernsthaften Liebesbeziehung vorkommen (sollten): 4mal mehr Zeit, 4mal mehr Beziehungsarbeit, 4mal mehr Vereinbarungen, usw.

Je mehr Menschen ein Polykül enthält, desto höher wird die Komplexität und damit der Zeit- und Energieaufwand.

 

Als Beispiel habe ich ein „N“, also ein Polykül aus 4 Menschen in der Form einer Reihe ausgewählt:
Es gibt Mensch A, B, C und D.
Diese Konstellation besteht primär aus 3 Paarbeziehungen:
A+B, B+C, C+D
Damit ist die Komplexität erst mal 3×1 = 3.

 

 

Sekundär kommen allerdings noch hinzu:

  • Als metamour-Verbindungen die Kommunikationsebenen zwischen
    A+C, B+D und A+D
  • Und zum Schluss noch das Gesamtsystem aller 4 Menschen: A+B+C+D

Das ergibt in Summe die Komplexität:
3×1 + 3×1 + 1 = 7

Selbst wenn wir realistischerweise davon ausgehen, dass metamours etwas weniger Kontakt zueinander haben als die Paarbeziehungen, und daher auf die Komplexität = 6 abrunden, erfordert diese Konstellation immer noch 6mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie eine Zweierbeziehung.

Ab einem Polykül mit 4 Menschen, die keine Reihe bilden, sondern auch noch untereinander als Paarbeziehungen vernetzt sind, wird es der absolute Overkill:

Das Beispiel zeigt 4 Menschen, wo alle mit allen als Liebesbeziehung verbunden sind. Jeder dieser Menschen hat also jeweils 3 Liebesbeziehungen. Damit gibt es zwar keine metamour-Verbindungen, aber 6 Paarbeziehungen, 4 Triaden und 1 Gesamtsystem:

  • 6 Paarbeziehungen:
    A+B, B+C, C+D, A+D, A+C und B+D
  • 4 Triaden:
    A+B+C, B+C+D, A+B+D und A+C+D
  • Und das Gesamtsystem aus allen: A+B+C+D

Die Komplexität ist also:
6×1 + 4×1 + 1 = 11

Also 11mal so viel Zeit, Beziehungsarbeit und Vereinbarungen wie in einer Zweierbeziehung. Nicht einmal Milliardäre, deren Existenz nicht an Arbeitszeit gebunden ist, können diese Zeit langfristig aufbringen.

Werden noch weitere Menschen in das jeweilige Poly-Netzwerk aufgenommen, steigt die Komplexität bis ins 100fache.

Dazu behauptet die Poly-Szene:

„Eine Beziehung ist wie eine Kerze in einem dunklen Raum. Je mehr Kerzen ich dazustelle, desto heller wird der Raum und desto erfüllter bin ich.“

Damit ist gemeint, dass ein Polykül tendenziell beliebig um weitere Menschen erweiterbar wäre und dass das dann für die Betroffenen auch noch schön wäre.

Wie oben aufgeschlüsselt, kann das weder mathematisch, noch im echten Leben funktionieren. Diese Philosophie hat meiner Meinung nach daher den Nutzen einer Durchfallerkrankung. Die realistische Konsequenz dieser Haltung ist nämlich entweder der miauende Hund oder (in Folge) der seriell-parallele Durchlauferhitzer.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 5/7: Die Zeiteinteilung meiner Triade

 

 

Wir bestehen aus drei Paarbeziehungen (symbolisiert durch die Linien mit Herz):
Zwei Hetero-Paarbeziehungen und einer lesbischen Paarbeziehung. Zusätzlich dazu gibt es noch das gesamte Dreieck, nämlich wenn wir zu dritt miteinander Zeit verbringen (symbolisiert durch den gepunkteten Kreis).

 

 

 

Wir haben also drei verschiedene Zu-zweit-Spaces sowie einen Zu-dritt-Space.
Jeder dieser Räume hat eigene Traditionen, Verhaltensweisen, Freizeitaktivitäten, usw., genauso wie jedes gesunde Liebespaar über Zeit ganz eigene Umgangsformen entwickelt. Natürlich gibt es dann auch noch unsere jeweiligen Allein-Zeiten (die praktischerweise während einem Zu-zweit-Space der anderen beiden erfolgen können).

Dafür haben wir uns ein eigenes Aufteilungsmodell ausgedacht:

Pro Woche hat jede Liebesbeziehung für sechs Stunden einen Zu-zweit-Space. Der_die Dritte geht währenddessen entweder arbeiten, macht Allein-Zeit oder besucht Freund_innen.
Allerdings bedeutet das nicht, dass der_die Dritte deswegen ausgesperrt wäre. Er_Sie kann jederzeit kurz Kontakt suchen, solange der grundsätzliche Fokus auf dem jeweiligen Paar mit Zu-zweit-Zeit liegt. Tauchen Bedürfnisse des_der Dritten auf, die mehr Zeit benötigen, verhandeln wir darüber und verschieben oder unterbrechen gegebenenfalls die vereinbarte Zu-zweit-Zeit. Falls aus den 6 Stunden eine bestimmte Zeit übrig bleibt, wird diese entweder gesondert nachgeholt oder an die nächste jeweilige Zu-zweit-Zeit drangehängt.

Dieser Grundsatz funktioniert, solange sich alle Beteiligten daran halten und somit alle drei Zu-zweit-Zeiten den gleichen Platz bekommen. Aus dieser Beschreibung ist ersichtlich, dass unser Beziehungsalltag nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis eine vier Mal höhere Komplexität als eine Zweierbeziehung aufweist.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 6/7: Das Energie-Gleichgewicht zwischen Paaren in einem Polykül

Inwiefern eine Paarbeziehung energiefressend sein kann, habe ich in Das Energie-Gleichgewicht innerhalb einer Paarbeziehung beschrieben.

Weist ein beteiligter Mensch ein energiefressendes Verhalten auf und/oder befindet sich die Paarbeziehung in einem energiefressenden Zustand, hat dies in Polykülen eine Auswirkung, die in Zweierbeziehungen gar nicht vorkommt. Von jenen Menschen, die Polyamorie anstreben oder leben, kennen zwar viele das emotionale Phänomen, wissen aber zu wenig darüber, um ihre Empfindungen entsprechend zuzuordnen.

Bei einer Zweierbeziehung ist die Gesamtanzahl aller beteiligten Menschen gleich groß wie das Paar: Es geht an der Basis immer um zwei Menschen. Ist die Paarbeziehung instabil, sind also nur zwei Menschen direkt betroffen – und möglicherweise noch eventuell vorhandene Kinder.

Die Situation in einem Polykül ist jedoch eine vollkommen andere: Jedes Polykül besteht aus mindestens zwei Paarbeziehungen – das Minimum sind also drei Menschen. Ist eine Paarbeziehung davon instabil, beeinflusst das über Energieaustausch auch die weitere(n) Paarbeziehung(en) oder Metamour-Verhältnisse negativ, selbst wenn diese für sich alleine sehr gut, also überwiegend energiegebend, funktionieren (würden).

Dieser Energieaustausch findet, ähnlich der Osmose in der Chemie, an allen Verbindungspunkten statt. Bei den in Das Poly-Zeitproblem vorgestellten Abbildungen von verschiedenen Polykülen sind das alle Eckpunkte, wo sich zwei oder mehr Linien berühren, wo also ein Mensch mehr als eine romantische Verbindung betreibt.

Wenn nun ein Mensch zur selben Zeit in einer energiefressenden und einer anderen, energieproduzierenden Verbindung ist, erzeugt das eine eigene unbewusste (!) Dynamik, die ich das Prinzip der verschobenen Grenzen nenne.

Beispiele:

Mensch A und Mensch B haben miteinander eine instabile Paarbeziehung. Sie öffnen diese romantisch, allerdings nicht aus einer Primärmotivation für Polyamorie, sondern aus einer Sekundärmotivation.

Angenommen, dieses romantisch offene Paar lernt einen geeigneten dritten Menschen, Mensch C, kennen. Zwischen Mensch B im Ursprungspaar und dem neuen Mensch C funkt es und sie beginnen, sich regelmäßig zu küssen, zu kuscheln oder liebevolle Aufmerksamkeit(en) zu teilen, also romantische Verhaltensweisen zu zeigen. Damit gibt es auf einmal eine neue Verbindung auf der Ebene Liebe. Gemäß der Näheskala reichen für den Energieaustausch übrigens Verliebtheitsgefühle und romantische Handlungen. Sex oder eine offizielle Paarbeziehung sind nicht notwendig, verstärken jedoch das Phänomen, sobald vorhanden.

Wir haben also das energiefressende Ursprungspaar EF (= Energiefresser) aus Mensch A und Mensch B sowie die neue romantische Verbindung EG (= Energiegeber) aus Mensch B und Mensch C, deren frische Verliebtheit Energie produziert.

Das entstandene V-Polykül sieht dann so aus:

Wie bei kommunizierenden Gefäßen wandert nun die Energie vom energieproduzierenden zum energiefressenden Paar. Das setzt das Prinzip der verschobenen Grenzen in Gang:

Aus der Sicht von Mensch B, der sowohl Teil von EG als auch von EF ist, wirkt auf einmal der Anteil von Mensch A am Energieminus von EF, also Verhaltensweisen, die vorher dauernervig, unfair oder grenzüberschreitend waren, auf die erste Einschätzung gar nicht mehr so schlimm. Denn Mensch B hat nun mehr als seine eigene Energie zur Verfügung, nämlich die Energie von EG, um das Energieminus in EF auszugleichen. Bewusst äußert sich dies durch weniger Genervtheit, Erschöpfung oder destruktive Konflikte (auch unausgesprochene!) innerhalb EF und dass Mensch B bisher störende Situationen und Verhaltensweisen uminterpretiert – zu „Passt eh“ oder gar „tolle Eigenheit von Mensch A“. Subjektiv gesehen scheint die EF-Beziehung zwischen Mensch A und Mensch B also plötzlich besser zu funktionieren, obwohl alle energiefressenden Dynamiken natürlich weiterlaufen.

Die andere Seite bleibt davon nicht unbeeinflusst: Die Energie von EG wird schließlich angezapft. Am Anfang kann dies unbemerkt bleiben, da nur die überschüssige Energie abgezogen wird, und EG wenigstens noch die benötigte Energie, um gut zu funktionieren, aufrecht erhalten kann. Wenn aber daraus ein Energieminus entstanden ist (= EF sogar die benötigte Energie von EG abzieht), äußert sich dies in plötzlichen Konflikten zwischen Mensch B und Mensch C, den ursprünglichen Energiegebern. Diese Konflikte wurden von Mensch B unbewusst aus der Beziehung mit Mensch A „verschoben“ und brechen sich nun bei dem nächsten geeigneten Menschen ihre Bahn. Die EG-Paarbeziehung leidet in Folge unter Genervtheit, Erschöpfung und ebenjenen destruktiven Konflikten und wird dadurch ebenfalls zu einer instabilen Paarbeziehung.

Der einzige Weg, diese Spirale zu durchbrechen, ist, die Ursachen für das Energieminus innerhalb EF zu finden und zu beheben. Die Themen der plötzlichen Konflikte zwischen Mensch B und Mensch C sind dabei ein guter Hinweis – genau diese Themen sind höchstwahrscheinlich das Problem zwischen Mensch A und Mensch B. Die EF-Paarbeziehung muss dann so angeschaut werden, als ob EF eine Zweierbeziehung ohne weitere dranhängende Beziehung(en) wäre:

  1. Wurde die polyamore Erweiterung aus einer Sekundärmotivation eingegangen?
    (Siehe dazu das Flowchart: Ist Polyamorie etwas für mich?)
  2. Trifft einer oder mehrere der Gründe für eine instabile Paarbeziehung zu?
  3. Wie können wir unsere Situation gemeinsam Schritt für Schritt ändern, sodass unsere Beziehung stabil wird?

Wenn hingegen über keines dieser Themen eine konstruktive Kommunikation (mehr) möglich ist oder eine Liebesbeziehung von vorneherein nicht die passende Verbindung war, bleibt als einzige Lösung, dass sich Mensch A und B trennen.

Die Poly-Szene hat für solche Fälle eine eigene Philosophie entwickelt: New relationship energy, abgekürzt NRE, – die Energie einer neuen, frischen Verliebtheit.

Viele Szenegänger_innen der Poly-Szene sind der Meinung, dass die NRE einer neuen Verliebtheit einer vorher vorhandenen Beziehung nicht nur nutzt, sondern bei den Beteiligten sogar, anstatt Eifersucht, Mitfreude hervorbringt: Mensch B freut sich, dass seine Verliebtheit von Mensch C erwidert wird, und Mensch A und Mensch B freuen sich gemeinsam, weil die Ursprungsbeziehung besser funktioniert. Alle können mithilfe der schönen Energie ihr Leben genießen.

Wie ich beobachtet habe, beschreibt das Phänomen der NRE auf eine bereits vorhandene Beziehung allerdings genau den Effekt, dass eine energiefressende Beziehung durch die Energie einer neuen romantischen Verbindung eine scheinbare Verbesserung erfährt. Was das Ganze kompliziert macht, ist, dass die erwähnte Mitfreude leider kein „Herzgespinst“ darstellt, sondern der Tatsache entspringt, dass die Beteiligten nicht zuordnen können, woher die plötzliche Energie kommt, und ihre positiven Gefühle – in einer linken Subkultur wie der Poly-Szene zugegeben naheliegend – als eine Art Solidarität für das Gegenüber missverstehen.

Falls nicht schon im Vorfeld Grenzüberschreitungen passiert sind („Ich teile dir mit, mit wem ich außer dir noch etwas habe, aber ob du das ok findest, ist mir wurscht!“), kann die vorhandene Beziehung tatsächlich das als Mitfreude bezeichnete positive Gefühl empfinden – allerdings nur für die ersten paar Wochen. Dann kippt das Gleichgewicht, und auch die EG-Beziehung fällt wie die EF-Beziehung ins Energieminus. An diesem Punkt muss natürlich eine neue EG-Beziehung her, die wiederum NRE bereitstellt, usw.

Die jeweilige EG-Beziehung wird also angezapft: Anstatt die Energie der Verliebtheit dem jeweiligen Paar zu lassen (wofür sie eigentlich gedacht ist), fließt diese in eine oder mehrere fremde, energiefressende Struktur(en) und verschwindet darin wie in einem schwarzen Loch. Unbearbeitet bewegt sich das gesamte Beziehungsgeflecht im Laufe von ein paar Monaten über den miauenden Hund und/oder den seriell-parallelen Durchlauferhitzer auf einen emotionalen Atompilz zu, in dem es schlussendlich hochgeht.

Wie funktioniert gesunde Polyamorie? – Teil 7/7: Negativspiralen in Polykülen oder: Das geht, aber es geht selten gut

Wie instabile Paarbeziehungen das Energie-Gleichgewicht zwischen Paaren in Polykülen steuern, habe ich bereits im gleichnamigen Artikel beschrieben.

Wenn an eine instabile Paarbeziehung weitere Beziehungen angehängt werden, ist die häufigste Folge das Prinzip der verschobenen Grenzen. Dabei bekommt die Beziehung, die in einer energiefressenden Dynamik festhängt, die Energie der neuen Verliebtheit und wirkt dadurch scheinbar nicht mehr so belastend. Sobald das Gleichgewicht kippt, erhält die neue Beziehung dafür anstatt der aus ihr entstehenden Verliebtheit destruktive Konflikte. Diese wurden unbewusst aus der Beziehung mit der energiefressenden Dynamik weggeschoben und brechen sich nun in der neuen Beziehung ihre Bahn.

Leider verläuft dies in der Praxis jedoch nicht so linear, wie hier beschrieben, sondern wird noch von weiteren Faktoren beeinflusst. Die wichtigsten davon sind:

  • Die Fähigkeit zu konstruktiven Konflikten: „Wir reden das jetzt ordentlich aus!“ vs. „Dir zahl ich’s heim!“
  • Unaufgearbeitete negative Erfahrungen mit einer Ex-Beziehung: „Das ist ein anderer Mensch als mein_e Ex. Ich frag lieber nach Wünschen und Ängsten anstatt mir etwas Unüberprüftes einzubilden.“ vs. „Genau wie meine Ex!! Nur dass ich diesmal nicht die Blöde sein werde…“

Um eine destruktive Dynamik loszutreten, reicht es bereits, wenn sich eine Seite destruktiv verhält und sich weigert, die Sachverhalte konstruktiv anzuschauen. Verständlicherweise wird es noch schwieriger, wenn beide Seiten ein solches Verhalten zeigen. Für das (meistens Ursprungs-)Paar, das die energiefressende Dynamik aufweist, kann es daher in einigen Fällen besonders schwer sein, aus dem Prinzip der verschobenen Grenzen auszusteigen.

Beispiele:

Das Ursprungspaar besteht aus Mensch A und Mensch B. Mensch A verliebt sich in Mensch C und beginnt daraufhin mit Mensch C eine weitere Paarbeziehung. Mit Mensch B wurde der Beginn dieser neuen Beziehung im Vorfeld entweder gar nicht oder nur unzureichend besprochen – mit Mensch B gibt es also keinen ausdrücklichen Konsens.

Am Anfang kommt Mensch B damit klar, dass Mensch A und Mensch C zusammen sind – schließlich profitiert er_sie von der Energie, die aus dieser Verliebtheit in die eigene Beziehung fließt. Dann aber beginnt sich Mensch A mehr für Mensch C zu interessieren, als Mensch B Recht ist. Mensch B ist daraufhin eifersüchtig, verletzt und/oder beginnt Angst um die Beziehung mit Mensch A zu haben. Die Folge sind (wieder aufflammende) Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B.

Angenommen, Mensch A sieht daraufhin ein, dass zu viel Zeit mit Mensch C die Beziehung zu Mensch B in Gefahr bringt. Daher schränkt Mensch A den Kontakt mit Mensch C ein. Mensch C ist deshalb verletzt und beendet die Beziehung zu Mensch A. Mensch A und Mensch B sind jetzt wieder zu zweit.

Da es aber nun keine Verliebtheit von außerhalb mehr gibt, deren frische Energie die energiefressende Beziehung ausbalanciert, brechen die alten Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B wieder aus. Dies begünstigt, dass die Dynamik umschlägt:

Mensch B ist von den zurückkehrenden Konflikten frustriert, da er_sie sich aus der Beendigung der Beziehung zwischen Mensch A und Mensch C eine schöne Zeit mit Mensch A erhofft hat – die jetzt nicht eingetroffen ist. Daher investiert Mensch B seine_ihre Zeit nun in Mensch D, verliebt sich, und beginnt bald darauf eine Beziehung mit Mensch D. Mit Mensch A wurde der Beginn dieser neuen Beziehung im Vorfeld entweder gar nicht oder nur unzureichend besprochen – mit Mensch A gibt es also keinen ausdrücklichen Konsens. Am Anfang kommt Mensch A damit klar, dass Mensch B und Mensch D zusammen sind – schließlich profitiert er_sie von der Energie, die aus dieser Verliebtheit in die eigene Beziehung fließt. Dann aber beginnt sich Mensch B mehr für Mensch D zu interessieren, als Mensch A Recht ist, usw.

Die einzige Möglichkeit, aus dieser Negativspirale auszusteigen, ist, den Ursprung der Konflikte zwischen Mensch A und Mensch B anzuschauen und gemeinsam zu lösen. Solange die Beziehung romantisch offen ist, also jederzeit neue Menschen an das Beziehungsgeflecht drangehängt werden können, ist dafür allerdings nicht genügend Zeit und Energie vorhanden. Die neuen Verliebtheiten können nämlich sowohl räumlich und zeitlich als auch emotional als „Ausweichmöglichkeit“ vor dem eigentlichen Konflikt benutzt werden.

Die Lösung wäre der Ausstieg aus der polyamoren Lüge. Das geschieht durch die Vereinbarung, romantisch geschlossen zu werden und zu bleiben. Diese muss im Konsens erfolgen und kann temporär oder vollständig sein:

  • Temporär:
    „Wir bleiben für eine bestimmte Zeit romantisch geschlossen und versuchen währenddessen herauszufinden, ob unser Wunsch nach Polyamorie primär- oder sekundärmotiviert ist.“
  • Vollständig:
    „Wir wollen ab jetzt romantisch geschlossen unsere Leben miteinander verbringen. Solange wir zusammen sind, wollen wir an dieser Vereinbarung nie wieder etwas ändern.“