Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 1/6: Die Ebene 6 auf der Näheskala

Die Nähe, die in Liebesbeziehungen ausgetauscht wird, ist die größte menschenmögliche Nähe. Davon zeugen die zahlreichen Liebesgeschichten, sei es in Form von Heldenepen, Legenden, Liedern oder Erzählungen, in allen vergangenen und gegenwärtigen Kulturen der Menschheit. Die eurozentrische/westliche Gesellschaft bildet das in ihrer Popkultur ab – mit Liedproduktionen, Filmen, Serien und Werbung.

Der Ritualsatz einer Hochzeit „In guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet“ steht für eine/mehrere erfüllte Liebesbeziehung/en, die kein Ablaufdatum hat/haben. Die elementare Sehnsucht besteht darin, das Leben miteinander zu teilen, was die größtmögliche Nähe und gemeinsame persönliche Entwicklung möglich macht.

Entgegen populären Überzeugungen steht die stabile Ebene Liebe allerdings nicht für die Umwandlung der anfänglichen Verliebtheit in ein „anderes“ Liebesgefühl. Im Gegenteil, die Beteiligten können durch die Klärung der unteren Ebenen ihre Verliebtheit stabilisieren, sodass ein betreffendes Paar auch nach Monaten und Jahren auf Außenstehende wie ein frisch verliebtes Pärchen wirkt. Solange die Ebene Liebe stabil bleibt – also beide Seiten zu etwa gleichen Anteilen die benötigte Beziehungsarbeit investieren – kann die Verliebtheit ein ganzes gemeinsames Leben lang anhalten. Durch sie produziert eine stabile Ebene Liebe überwiegend Energie.

Mitbestimmung ist dabei ein fundamentales Recht von allen Beteiligten innerhalb einer Liebesbeziehung. Denn um das Leben miteinander zu teilen, müssen mit Konsens und Fairness alle Bereiche davon gemeinsam besprechbar sein. Es müssen sich durch Diskussion Vereinbarungen finden lassen, mit denen alle Beteiligten zufrieden sind. Bei Änderung von Bedürfnissen ist natürlich eine Anpassung der Vereinbarungen unter gegenseitiger Mitbestimmung mit Konsens und Fairness erforderlich. Besonders geht es dabei um Lebensentscheidungen, also um Entscheidungen, die auf das gesamte weitere Leben einen Einfluss haben. Dazu gehören:

  • das Sexleben zu zweit
  • die sexuelle Offenheit der Beziehung (= ob und wie die Beteiligten mit anderen Menschen Sex haben)
  • der Wohnort
  • ob Haustiere oder Kinder gewünscht sind, und wenn ja, wie viele
  • die romantische Offenheit der Beziehung (= ob und wie die Beteiligten Polyamorie anstreben)

Beispiele:

Menschen, mit denen ich eine andere Ebene als die Ebene 6 teile, haben kein Mitbestimmungsrecht, wenn es um Lebensentscheidungen geht: Gute Freunde werden zwar traurig sein, wenn ich den Wohnort so wechsle, dass Kontakt schwerer möglich ist, gemeinsam mit ihnen darüber verhandeln muss ich jedoch nicht. Wenn ein_e (angebliche) Freundschaft dennoch bei einer meiner Lebensentscheidungen mitbestimmen möchte (etwa wo ich wohnen möchte oder mit wem ich Sex habe), ist er_sie vermutlich auch in anderen Situationen ein schlechter Freund, da diese Person offensichtlich nicht versteht oder verstehen will, was eine echte Freundschaft ausmacht.

Mein/e Bezugsmensch/en auf der Ebene 6 hat/haben bei diesem Thema aber sehr wohl ein Mitbestimmungsrecht: Wenn ich will, dass unsere Ebene Liebe stabil ist und bleibt, muss ich darüber verhandeln und zu einem Ergebnis kommen, das für alle Beteiligten zufriedenstellend ist. Bei einer Diskussion über einen Wechsel des Wohnortes wären die Möglichkeiten:

  • Liebesbeziehung zieht mit
  • Ich wechsle den Wohnort doch nicht
  • Die Distanz des neuen Wohnortes ist für alle Beteiligten akzeptabel

Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 2/6: Nieder mit der Monogamie!

Ich trete dafür ein, dass wir den uneindeutigen Begriff Monogamie bzw. monogam als Beschreibung einer Liebesbeziehung abschaffen und ihn durch neue, eindeutige Begriffe ersetzen – die dann die sexuelle und romantische Ausrichtung einer Liebesbeziehung gegenüber anderen Menschen entkoppelt formulieren.

Die Notwendigkeit einer sprachlichen Trennung von sexuellen und romantischen (oder auch: amoren) Wünschen und damit verbundenen Handlungen habe ich in Sex und Liebe: Der große Unterschied! erklärt.

Auf dieser Unterscheidung aufbauend, schlage ich folgende neue Nomenklatur für die Ausrichtung einer Liebesbeziehung vor:

  • Auf der Ebene Lust: sexuell geschlossen oder sexuell offen
  • Auf der Ebene Liebe: romantisch geschlossen oder romantisch offen

Da es in einer Liebesbeziehung immer um die Ebene Liebe und die Ebene Lust gleichzeitig geht, ergeben sich aus diesen vier Begriffen vier mögliche Kombinationen:

  1. Romantisch geschlossen und sexuell geschlossen
  2. Romantisch geschlossen und sexuell offen
  3. Romantisch offen und sexuell offen
  4. Romantisch offen und sexuell geschlossen

 

  1. Romantisch geschlossen und sexuell geschlossen (ersetzt monogam in seiner häufigsten Bedeutung):

Menschen innerhalb einer Liebesbeziehung leben Nähehandlungen nur untereinander aus und sind gleichzeitig zueinander die einzigen Sexualpartner. Wenn die monogame Lüge nicht aktiv ist (!), und beide/alle Menschen tatsächlich temporär oder grundsätzlich kein Bedürfnis nach der Ebene Lust mit anderen Menschen haben, ist dieser Zustand stabil.

Wenn die monogame Lüge hingegen aktiv ist, ist dieser Zustand instabil.

  1. Romantisch geschlossen und sexuell offen:

Menschen innerhalb einer Liebesbeziehung leben Nähehandlungen der Ebene Liebe nur untereinander aus, sexuelle Handlungen der Ebene Lust allerdings auch mit anderen, passenden Menschen (= Swingen). Dieser Zustand ist stabil.

Die nächsten beiden Zustände behandeln romantisch offene Beziehungen. Dazu ein paar Anmerkungen:

Romantisch offen bedeutet, dass Menschen in einer vormals geschlossenen Liebesbeziehung daran interessiert sind, Polyamorie zu leben, und eine/mehrere weitere Liebesbeziehung/en in ihr Leben aufnehmen wollen. Dazu führen sie Nähehandlungen mit passenden Menschen aus.

Dieser Zustand ist von vorneherein instabil. Denn wenn die Möglichkeit besteht, dass noch weitere Menschen auf der Ebene Liebe hinzugefügt werden, leiden die individuellen Ressourcen, das gegenseitige Vertrauen und die mögliche Nähe des Ursprungspärchens oder –polyküls darunter. Kehrt die Beziehung entweder bei Erfolg, Polyamorie zu finden (= meine Geschichte) oder Misserfolg zu einer romantisch geschlossenen Form zurück, pendelt sich wieder ein stabiler Zustand ein.

  1. Romantisch offen und sexuell offen:

Menschen innerhalb einer Liebesbeziehung führen Nähehandlungen und Sex mit neuen Personen aus (= Dating). Sexuelle Handlungen auf der Ebene Lust ohne Nähehandlungen (= Swingen) mit anderen Menschen finden unabhängig davon ebenfalls statt.

Dieser Zustand ist aufgrund der Eigenschaft romantisch offen instabil.

  1. Romantisch offen und sexuell geschlossen:

Menschen innerhalb einer Liebesbeziehung führen Nähehandlungen und Sex mit neuen Personen aus (= Dating). Sexuelle Handlungen ausschließlich auf der Ebene Lust (= Swingen) finden nicht statt.

Die Kombination aus romantisch offen und sexuell geschlossen schafft einen perfekten Nährboden für die polyamore Lüge: Das Ventil der Ebene Lust ist abgedreht, das Ventil der Ebene Liebe aber weit offen. Dadurch können sich die unterdrückten Kräfte der Ebene Lust wesentlich einfacher als im Hetero-Mainstream über den Umweg der Ebene Liebe ihre Bahn brechen. Wie schon bei der seriellen Monogamie, bewirkt das sekundärmotivierte Verliebtheiten, nun allerdings mehrere gleichzeitig. Das Ergebnis ist dann die seriell-parallele Polyamorie, die kurzfristig zu chronisch instabilen romantischen Beziehungen, mittelfristig zu Trennungen, und langfristig zu psychischen Erkrankungen führt.

Dieser Zustand ist aufgrund der Eigenschaft romantisch offen instabil.

Aus meiner Erfahrung kann ich empfehlen: Wenn schon romantisch offen, dann gemeinsam mit sexuell offen. So können die erwähnten sekundärmotivierten Verliebtheiten vermieden werden, und die ohnehin komplizierten Prozesse eines romantisch offenen Zustands wenigstens in die richtigen Bahnen gelenkt werden.

Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 3/6: Das Energie-Gleichgewicht innerhalb einer Paarbeziehung

Da die Ebene 6 (Liebesbeziehung) die größte Nähe ermöglicht, können der Energieaustausch und seine Konsequenzen anhand einer romantischen Verbindung am anschaulichsten erklärt werden.

Eine Paarbeziehung kann über zwei Wege Energie produzieren:

  1. Die zwei Menschen des Paares sind frisch verliebt. Solange die Verliebtheit erwidert wird, produziert sie überwiegend Energie. Diese ist sozusagen ein „Energievorschuss“, der dazu gedacht ist, die notwendige Beziehungsarbeit und die damit verbundenen Konflikte am Anfang einer Liebesbeziehung anzutreiben, bis die Beteiligten miteinander eine stabile Ebene Liebe herstellen.
  2. Das Paar findet Lösungen für die vorhandenen Konflikte und erreicht so eine stabile Ebene Liebe.

Eine Paarbeziehung kann jedoch genauso überwiegend energiefressend wirken. Dies liegt entweder (hauptsächlich) an einem der beteiligten Menschen, an beiden gleichermaßen, und/oder an der Struktur der Paarbeziehung selbst.

So können viele Situationen eine Paarbeziehung vorübergehend oder dauerhaft schwieriger machen, wie finanzieller Stress, zeitliche Engpässe, Betreuung von Babys und Kleinkindern, sowie eine längere physische Krankheit oder ein psychisches Problem, das die Sexualität und/oder die Zeit und Energie für emotionale Nähe (tiefe Gespräche) und romantische Nähe (liebevolle Aufmerksamkeit(en), Kuscheln) einschränkt. Da eine chronisch energiefressende Dynamik erst entsteht, wenn ein instabiler Zwischenzustand auf der Näheskala gegeben ist, sind diese Situationen sicher belastend, aber nicht automatisch energiefressend.

Ein einzelner Mensch kann jedoch eine ganze Paarbeziehung im Alleingang energiefressend machen, wenn er_sie eines der obigen Probleme hat, sich aber gleichzeitig weigert, an diesem Problem konstruktiv zu arbeiten. Stattdessen tut sier so, als gäbe es das Problem nicht, findet fadenscheinige Ausreden, jammert das Gegenüber ständig darüber an oder erwartet/fordert von diesem sogar den Löwenanteil der Arbeit an den eigenen Problemen. Der betreffende Mensch gibt mit diesem Verhalten die eigene Verantwortung ab, einen stabilen Zustand herzustellen oder zu halten. Das notwendige Interesse und die dazugehörigen Handlungen auf der Näheskala kommen dann eine Zeit lang fast ausschließlich vom Gegenüber.

Um den Unterschied zwischen beiden Situationen zu verdeutlichen, habe ich eine Parabel erfunden:

Mensch A steckt in einem Schlammloch fest. Mensch B geht vorbei und bleibt stehen: Er möchte Mensch A aus dem Schlamm helfen, und streckt eine Hand aus.

Szenario 1: Mensch A ergreift die Hand, lässt sich ein Stück hochziehen, und beginnt zu strampeln und Boden zu suchen, sobald er seine Füße wieder bewegen kann. Langsam findet er am Rand des Schlammlochs immer wieder Halt und kann sich gemeinsam mit dem Zug von Mensch B aus dem Loch befreien. Beide gehen Hand in Hand weg.

Szenario 2: Mensch A ergreift ebenfalls die Hand, und lässt sich hochziehen, macht jedoch keine Anstalten mitzuarbeiten, und hängt wie ein nasser Sack an der Hand des herausziehenden Menschen. Mensch B hält das Gewicht von Mensch A noch eine Zeit lang, aber bald geht ihm die Puste aus. Um nicht selbst auch noch in das Schlammloch zu fallen, lässt er Mensch A los, welcher direkt in seinen alten Platz zurückplumpst, und sucht sich einen neuen Menschen, der entweder nicht so tief in einem Schlammloch steckt, oder der zumindest bereit ist, beim Herausziehen mitzuarbeiten.

Das Schlammloch steht für eine belastende Situation, und der Mensch, der herausziehen hilft, für eine_n (möglichen) Beziehungspartner_in, dier bereit ist, das Gegenüber bei der Lösung oder zumindest einer Verbesserung zu unterstützen. Im ersten Szenario handelt Mensch B konstruktiv: Sier sucht sich, sobald möglich, aus eigenem Antrieb professionelle Hilfe und/oder arbeitet selbst an den eigenen Problemen. Im zweiten Szenario ist Mensch B hingegen der energiefressende Mensch, der das gesamte Beziehungsleben runterzieht. Mensch B lässt damit Mensch A nur die Wahl, durch das ständige Energieminus (ebenfalls) ein psychisches Problem zu entwickeln, wodurch die Beziehung natürlich noch mehr Energie frisst, oder rechtzeitig abzuspringen – also sich zu trennen.

Manchmal erzeugen allerdings nicht die individuellen Menschen, sondern die Struktur der Paarbeziehung den energiefressenden Zustand. Der Grund dafür können einer oder mehrere der folgenden Punkte sein:

  1. Es existiert ein darunterliegender ungelöster Konflikt über die gemeinsamen Wünsche.
  2. Einer_m der Beteiligten fehlt etwas ganz Grundsätzliches: Der Wunsch nach partnerschaftlichem Sex und/oder liebevoller Nähe wird nicht (genug) erfüllt.
  3. Die Beteiligten haben Werte aus der Poly-Szene übernommen und definieren sich als Nebenbeziehung, eine von vorneherein energiefressende Struktur.
  4. Die Beziehung basiert auf einer sekundärmotivierten Verliebtheit: Eigentlich hätten sich die Beteiligten nur Sex zum Spaß miteinander gewünscht.

Natürlich ist es auch möglich, dass sowohl die individuellen Menschen, als auch die Struktur der Paarbeziehung zusammen den energiefressenden Zustand hervorbringen. Oft fühlen sich instabile Menschen sogar von instabilen Strukturen angezogen, weil sie mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen in der Kindheit zu wenige stabile Strukturen erlebt haben und diese ihnen daher Angst machen, nach dem Motto:

„Besser das bekannte Unglück, als das unbekannte Glück.“

Diese Paarbeziehungen werden dann aber meistens so schnell so instabil, dass die Beteiligten die Beziehung innerhalb weniger Monate ausgelaugt haben – und dann entweder in einer De-facto-Trennung koexistieren (Ich möchte sogar sagen: kovegetieren) oder sich tatsächlich trennen.

Auch hier spreche ich aus persönlicher Erfahrung: Mein in Was ist eine Nebenbeziehung? erwähnter Hetero-Ex-Freund vereinte alle Gründe der obigen Auflistung in Personalunion – und war von seiner Lebenseinstellung her auch noch ein Energievampir. Er fraß so viel Energie, dass ich mich nach einem Treffen noch tagelang erschöpft und ausgelaugt fühlte. Ich vermutete die Ursache dieser Erschöpftheit allerdings jedes Mal in einem anstrengenden Arbeitstag, zu wenig Schlaf, zu wenig Freizeit, usw. Als ich nach einigen Monaten begriff, dass hauptsächlich er die Ursache dafür war (und die anderen Umstände kaum), und dass ich aus dem falschen Grund eine Beziehung mit ihm begonnen hatte (Punkt 4), trennte ich mich von ihm.

Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 4/6: Wann ist (m)eine Liebesbeziehung gesund und stabil?

Eine stabile Ebene Liebe (= Ebene 6) beinhaltet immer die Ebene Lust (= Ebene 3). Nur Asexuelle, die tatsächlich keine sexuelle Regung welcher Art auch immer zu anderen Menschen empfinden, wären von diesem Verhältnis ausgenommen.

Wenn zwei oder mehr Menschen Nähehandlungen (Schmusen, Küssen, Kuscheln, Lieb-Streicheln) austauschen und Sex haben, handelt es sich um einen instabilen Zwischenzustand: Die Ebene 3 für sich wäre stabil, die Ebene 6 ist hingegen unvollständig.

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Verlieben sich die beteiligten Menschen in Folge ineinander, und entscheiden sich dafür, dass sie ein Paar sind, entfernt diese Entscheidung zwar Ungleichgewicht, der instabile Zwischenzustand besteht jedoch weiterhin:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Verstärkt sich das Commitment, sodass sich die beteiligten Menschen dafür entscheiden, ihr Leben miteinander zu verbringen, und sich gegenseitig Mitbestimmung in allen Lebensentscheidungen zuzugestehen, äußert sich dies auf der Näheskala folgendermaßen:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Ein gemeinsames Beziehungsleben, das ausschließlich aus Sex und Kuscheln besteht, wird aber schnell langweilig. Das gemeinsame Bedürfnis „Leben teilen“ enthält deswegen automatisch die Ebene 4 (Bekanntschaft, gemeinsame Themen/Projekte) und die Ebene 5 (Freundschaft, tiefgehendes Interesse füreinander). Eine gesunde Liebesbeziehung muss daher mindestens ein gemeinsames Diskussionsthema, Hobby, oder Projekt haben (Ebene 4), als auch ein ehrliches gegenseitiges Interesse an den Gedanken und Gefühlen des Gegenübers (Ebene 5).

Wenn das Paar ein Haustier hat, oder ein Kind großzieht, und sich beide Seiten zu etwa gleichen Anteilen darum kümmern, ist sowohl Tierhaltung, als auch Kindererziehung übrigens ein vollwertiges gemeinsames Projekt im Sinne der Ebene 4.

Sind eine gemeinsame Ebene 4 und eine gemeinsame Ebene 5 zu Anfang einer Liebesbeziehung nicht vorhanden, können zwei Möglichkeiten der Fall sein:

  1. Es handelt sich (wahrscheinlich unbewusst) um eine Verwechslung von Sex und Liebe durch patriarchale Lügenkonstrukte: Die beteiligten Menschen wünschen sich in Wirklichkeit nur Sex zum Spaß im Sinn der Ebene 3 und haben sich sekundärmotiviert verliebt. Die Ebenen 4 und 5 miteinander zu teilen ist also im günstigsten Fall optional, im ungünstigsten Fall überhaupt gar nicht gewünscht.
  2. Die beteiligten Menschen wünschen sich tatsächlich voneinander eine Liebesbeziehung. Allerdings müssen sie das Ausleben jener Ebenen erst gemeinsam entdecken. Diesen notwendigen Schritt einer jeden ernsthaften Liebesbeziehung bezeichne ich als Beziehungsarbeit, oder bildhafter, Zusammenraufen.

Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 5/6: Zusammenraufen (mithilfe der Näheskala)

Die erforderliche Beziehungsarbeit kann unterschiedlich aussehen, je nachdem, wie gut die beteiligten Menschen konstruktive Konfliktbearbeitung in ihrer Lebensgeschichte gelernt haben. Einen wesentlichen Einfluss darauf hat die Konfliktfähigkeit der eigenen Eltern oder anderer wichtiger Bezugspersonen während der Kindheit: Menschen, die aus dysfunktionalen Familien stammen, und die sich als Erwachsene keine anderen Vorbilder gesucht und dazugelernt haben, haben meistens überwiegend destruktive Streittechniken verinnerlicht.

So haben Paare, die von vorneherein mit Konflikten gut umgehen können, einfach viele konstruktive Diskussionen, die zwar Energie verbrauchen, aber immer noch Zeit für schöne Momente lassen.

Paare, die das nicht können, entwickeln hingegen eine destruktive Streitkultur, die alle Beteiligten erschöpft und auslaugt. Um eine solche destruktive Streitkultur zu erzeugen, müssen Konflikte nicht unbedingt offen ausgesprochen werden. Wenn eine_r oder alle der Beteiligten Konfliktthemen ständig in sich hineinfressen, anstatt sie auszusprechen, entsteht dadurch ebenfalls ein destruktiver, energiefressender Zustand.

Während des Zusammenraufens kann die geteilte Nähe auf der Näheskala so aussehen:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Grüne Zelle der Ebene 5:
Das gemeinsame Interesse am Innenleben des Gegenübers ist zwar vorhanden, jedoch geht die Kommunikation darüber derart schief, dass die notwendigen Handlungen dazu nicht stattfinden.

Grüne Zelle der Ebene 4:
Die Handlungen für ein gemeinsames Thema/Projekt werden zwar ausgeführt, jedoch hat eine_r eine andere Vorstellung oder Gewichtung des Projekts, was er_sie unzureichend kommuniziert und/oder was vom Gegenüber ignoriert wird. Das gemeinsame Interesse am Projekt ist dadurch frustriert und nicht (mehr) aktiv.

Im obigen Beispiel wünschen sich alle Beteiligten der Liebesbeziehung grundsätzlich ein gemeinsames Diskussionsthema oder Hobby, und möchten ein freundschaftliches Verhältnis miteinander haben – der Flaschenhals sind die Kommunikation darüber und/oder die Umsetzung dieser Wünsche in konkrete Handlungen. Aus diesem Grund ist das Feld „Beziehungsform“ immer grün.

Das ist allerdings nicht immer der Fall: Manchmal wollen eine_r oder alle der Beteiligten der romantischen Verbindung gar kein gemeinsames Diskussionsthema, oder freundschaftliches Verhältnis (mehr): Das ist ein Problem, da es auch noch die Motivation wegnimmt, auf die Beziehungsform aufbauende gemeinsame Interessen und Handlungen zu finden, und damit einen außerordentlich instabilen Zwischenzustand produziert.

Ob sich die Beteiligten eine bestimmte Beziehungsform wünschen, kann durch eine genaue Betrachtung der verwendeten Bezeichnungen geklärt werden: Sprache schafft Wirklichkeit(en)!

Bei der Ebene 6 ist das eindeutig: Wer sich „Liebesbeziehung“, „Ehepaar“ oder „Paar“ nennt, richtet unbewusst alle dazugehörigen Wünsche an das so bezeichnete Gegenüber.

Die Abhängigkeit von verwendeten Bezeichnungen gilt auch für die Ebenen Bekanntschaft und Freundschaft innerhalb einer Liebesbeziehung. Hier verstecken sich die entscheidenden Bezeichnungen allerdings hinter Situationsbeschreibungen – schließlich sagt niemand, sier sei mit diem Beziehungspartner_in „befreundet“. Dieser Zusammenhang wird erst in Zustandsbeschreibungen der Beziehung sichtbar, wie:

  • „Meinem Partner würde ich nie so viel erzählen, wie meiner besten Freundin.“ (= kein Wunsch nach einem freundschaftlichen Verhältnis innerhalb der Beziehung vorhanden, Zelle „Freundschaft“ bleibt weiß)
  • „Wir haben geheiratet! Ich verbringe mein Leben mit meiner besten Freundin!“ (freundschaftliches Verhältnis innerhalb der Beziehung vorhanden, Zelle „Freundschaft“ ist grün)

Ebenso gestaltet sich die Ebene Bekanntschaft innerhalb einer Liebesbeziehung:

  • „Mein Partner will seinen Hobbies alleine nachgehen. Wenn ich ihn etwas darüber frage, oder ihn begleite, ist er genervt. Er will einfach seine Ruhe.“ (kein Wunsch nach einem gemeinsamen Diskussionsthema oder Hobby innerhalb der Beziehung vorhanden, Zelle „Bekanntschaft“ bleibt weiß)
  • „Jeden zweiten Donnerstag im Monat gehen wir Karten spielen. Und einmal in der Woche musizieren wir gemeinsam. Mit der Arbeit ist das nicht leicht unterzubringen, aber es ist uns wichtig, und wir planen es fix ein.“ (gemeinsames Hobby innerhalb der Beziehung vorhanden, Zelle „Bekanntschaft“ ist grün)

Eine völlständig grüne Ebene 3 bedeutet, dass die Sexualität des Paares überwiegend geil und befriedigend ist. Paare, deren Sexualität aufgrund von Lügenkonstrukten des Patriarchats und/oder misslungener Kommunikation meistens unbefriedigend ist, finden sich in der Realität jedoch leider oft.

Die Näheskala spiegelt das folgendermaßen wieder:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Grüne Zelle der Ebene 5:
Gemeinsame Gespräche über mehr als Alltagsthemen finden zwar statt, allerdings viel zu selten und oft sekundärmotiviert: „Wenn ich dir bei einem Thema, das dich beschäftigt, zuhöre, mache ich das, damit ich im Eintausch Sex oder Aufmerksamkeit bekomme und nicht, weil mich dein Thema großartig interessiert.“ Diese Sekundärmotivation bedeutet, dass das gemeinsame Interesse der Ebene 5 eben nicht oder zu wenig vorhanden ist.

Grüne Zelle der Ebene 4:
Das Interesse an einem gemeinsamen Thema/Projekt ist zwar auf beiden Seiten vorhanden, allerdings nimmt sich niemand (genügend) Zeit, um es umzusetzen. Daher finden die Handlungen der Ebene 4 nicht statt.

Grüne Zelle der Ebene 3:
Er herrscht ein Konflikt über das Ausleben der Ebene Lust. Eine häufige Situation ist, dass eine_r gemeinsam sexuelle Fantasien ausprobieren möchte, der_die Andere hingegen in einem fixen Schema feststeckt und keine neuen Erfahrungen machen will. Dadurch ist das gemeinsame Interesse an Sex frustriert und die entsprechenden Handlungen passieren seltener und/oder sind weniger lustvoll als noch zu Anfang der Beziehung.

Die folgende Variante ist ebenso möglich und geht davon aus, dass höchstwahrscheinlich vor Beziehungsbeginn bereits eine stabile platonische Freundschaft (= ohne Sex) vorhanden war:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Wertschätzende Gespräche und freundschaftliches Interesse füreinander sind also gegeben, während das gemeinsame Sexleben und gemeinsame Themen und/oder Hobbys erst miteinander entdeckt und auf eine stabile Ebene gehoben werden müssen. Dieses Paar hat bessere Voraussetzungen als das im oberen Beispiel, die fehlenden Ebenen zu entwickeln: Denn wenn die Möglichkeit zu guten Gesprächen über emotionale Inhalte bereits vorhanden ist, müssen einfach gute Gespräche über Sex und über gemeinsame Themen/Projekte begonnen werden.

Erst wenn durch zufriedenstellende Lösungen für alle Beteiligten die Ebenen 3 (Sex), 4 (Bekanntschaft), 5 (Freundschaft) und 6 (Liebesbeziehung) mit dem/den Menschen in Liebesbeziehung stabil gelebt werden können, handelt es sich um eine ganzheitlich funktionierende, stabile Ebene Liebe:

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Wie funktioniert eine gesunde Paarbeziehung? – Teil 6/6: Zusammenraufen oder Trennen?

Egal ob im Hetero-Mainstream oder in der Poly-Szene: Wenn patriarchale Lügenkonstrukte unbewusst oder unkontrolliert laufen, verhindern sie erfolgreich, dass Paare und Polyküle zu einer gesunden Kommunikation mit Konsens und Fairness finden, und sich stattdessen in destruktiven, energiefressenden Dynamiken gegenseitig aufreiben, bis sie sich schließlich trennen – um kurz darauf mit einem oder mehreren neuen romantischen Beziehungen den Teufelskreis von vorne zu beginnen.

Der Startpunkt einer oder mehrerer solcher Dynamiken ist immer, dass sich mindestens eine_r der Beteiligten ins Eck gedrängt fühlt, und meint, die eigenen Bedürfnisse nur mit dem Überfahren und Ignorieren der Bedürfnisse und persönlichen Grenzen der anderen Beteiligten zu bekommen. Dieser subjektive Eindruck ist jedoch meistens falsch, da die patriarchalen Lügenkonstrukte die möglichen gesunden Lösungswege unsichtbar machen, indem sie aus Glaubenssätzen bestehen, die jene gesunden Möglichkeiten ausschließen.

Der Mensch, der sich derart ins Eck gedrängt fühlt, kann die grundsätzliche Richtung der Probleme in der eigenen romantischen Beziehung durch die folgenden zwei Fragen klären:

  1. Sind meinem Gegenüber meine Bedürfnisse tatsächlich wurscht genug, dass er_sie immer wieder absichtlich über mich drüberfährt?
  2. Oder hat mein Gegenüber in Wirklichkeit gute Absichten, die aber aufgrund von mangelnder oder fehlerhafter Kommunikation in der Beziehung ständig schiefgehen?

Während viele Menschen (gegenseitig!) denken, dass auf ihre Paarbeziehung die erste Option zutrifft, ist meistens die zweite Option der Fall.

Beispiele:

Mensch A und Mensch B sind miteinander in einer Liebesbeziehung. Mensch B hat jedoch immer wieder den Eindruck, dass die eigenen Bedürfnisse übergangen werden, und dass im Endeffekt fast immer Mensch A genau das bekommt, was er_sie wollte, während Mensch B ständig Abstriche macht. Mensch B findet diesen Vorgang am Anfang noch nicht schlimm, da es eh meistens um Bedürfnisse geht, die ihm_ihr nicht so wichtig sind. Irgendwann jedoch geht es um eine wichtige Entscheidung für Mensch B – und Mensch A setzt sich wieder durch, während Mensch B zurücksteckt. Mensch B baut dadurch immer mehr Frustration auf, die er_sie aber unterdrückt, aus Konfliktscheue oder Angst, dass Mensch A darauf destruktiv reagiert, und das die Situation verschlimmern wird. Nachdem die nächsten wichtigen Entscheidungen für Mensch B wieder zum Vorteil von Mensch A ausgegangen sind, platzt Mensch B der Kragen und die Frustration schlägt in Wut um: “Weißt du was, wenn dir meine Bedürfnisse immer wurscht sind, dann sind mir deine ab jetzt auch wurscht!”

An dieser Stelle gibt es allerdings ein Problem: Es ist nicht klar, ob Mensch A absichtlich Bedürfnisse von Mensch B ignoriert – oder ob Mensch B die eigenen Bedürfnisse entweder gar nicht, oder unklar kommuniziert, wodurch Mensch A davon ausgeht, dass alles in Ordnung sei. Mensch A wiederum hat wahrscheinlich Schwierigkeiten, subtile Signale des Gegenübers zu erkennen und fragt auch nicht nach, wenn er_sie Unsicherheit wahrnimmt, wodurch sich Mensch B noch mehr ignoriert fühlt – übrigens eine typische Dynamik zwischen Rolle “Frau” (hier: Mensch B) und Rolle “Mann” (hier: Mensch A).

Wenn die Beteiligten weiterhin nichts an ihrem Verhalten ändern, setzt das die exponentielle Dynamik “Aber du hast gemacht!” in Gang: Mensch B beginnt, die Bedürfnisse von Mensch A so zu ignorieren, wie er_sie sich früher von Mensch A ignoriert gefühlt hat. Mensch A fühlt sich dadurch ungerecht behandelt, und ignoriert im Gegenzug (jetzt absichtlich) Bedürfnisse von Mensch B, wodurch Mensch B noch härter durchgreift, usw.

Wenn eine solche Dynamik ungebremst abläuft, ist ihr häufigster Ausgang eine De-facto-Trennung des Paares (= die Beteiligten beenden nach und nach gemeinsame Aktivitäten, bis nur mehr die Haushalts- und/oder Erziehungspflichten übrig bleiben), oder eine tatsächliche Trennung.

Eine De-facto-Trennung sieht auf der Näheskala folgendermaßen aus: Alle Beteiligten finden Mitbestimmung des Gegenübers bei Lebensentscheidungen beengend. Sie lehnen diese entweder aus Prinzip ab, oder handeln im Anlassfall ganz einfach nicht danach. Die Beziehungspartner schlafen (meistens) getrennt (oder würden dies gerne tun), und vermeiden Küssen oder Schmusen lieber – gemeinsam mit Sex genauso wie im Alltag. Von der ursprünglichen Liebesbeziehung hält nur noch das Wort dafür die Ebene 6 künstlich aktiv.

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
Fuckbuddy Sex Sinnlich, Erotisch, Geil, Ficken

Vorausgesetzt, dass beide Beteiligte sich voneinander überhaupt (noch) eine Liebesbeziehung wünschen, und nicht längst aus anderen Gründen (Haus, Kinder, Kredit) zusammengeblieben sind, steht für beide jetzt die Beurteilung an, ob eine Trennung wirklich die klügste Entscheidung wäre.

Dazu ist es notwendig, dass die Beteiligten des Paares herausfinden, auf welche der obigen Fragen die Antwort „Ja“ lautet. Die beste Methode dafür ist ehrliche Kommunikation mit Konsens und Fairness von allen Beteiligten innerhalb der Liebesbeziehung. Nur wenn allen Beteiligten diese Methode ein paar Monate lang praktizieren, können sie ausreichend feststellen, ob sie für die gegenseitigen Bedürfnisse eine gesunde Umsetzung finden können, oder ob die gemeinsamen Wünsche für eine Liebesbeziehung letztendlich doch zu verschieden sind.

Dazu empfiehlt sich die folgende Verhaltenskaskade:

  1. Die eigenen Wünsche dem Gegenüber (verbal!) mitteilen
  2. Gemeinsame Gespräche darüber führen, was genau fehlt und was sich alle Beteiligten voneinander wünschen
  3. Gemeinsam Vereinbarungen treffen, wie die Wünsche innerhalb der Beziehung erfüllt werden können
  4. Neue Verhaltensweisen entsprechend der Vereinbarungen miteinander ausprobieren
  5. Die Vereinbarungen solange anpassen, bis sich alle Beteiligten wahrgenommen und aufgehoben fühlen
  6. Wenn von allen Beteiligten eine Bereitschaft dazu besteht, gemeinsam an den bestehenden Mängeln und Konflikten zu arbeiten, kann auch eine Paartherapie oder eine Eheberatung hilfreich sein: Wenige Sitzungen können oft aussichtslos erscheinende Probleme lösen.

Wenn diese Methode jedoch zu den folgenden Ergebnissen führt, ist Feuer am Dach:

  • Eine_r der Beteiligten weigert sich nach Aufforderung immer wieder, einen ungelösten Konflikt über ein Bedürfnis im Konsens und fair zu besprechen: Entweder durch direkte Ignoranz, oder durch Versprechen, etwas zu ändern, in der Praxis ist jedoch ständig etwas Anderes wichtiger
  • Eine Seite betreibt klare Überschreitungen des Konsens der anderen Seite (wie psychische oder physische Gewalt), und setzt diese trotz deutlicher Stoppsignale des Gegenübers fort
  • Eine_r der Beteiligten verweigert eine Paartherapie oder eine Eheberatung, und zwar nicht aus finanziellen Gründen, sondern aus Prinzip

Wenn einer dieser Punkte zutrifft, hat die Paarbeziehung bereits eine extreme Schieflage. Ändert sich daran trotz wiederholten Gesprächen, Erinnerungen und Vereinbarungen über Monate hinweg gar nichts, ist es für den_die Leidtragende_n tatsächlich ratsam, eine Trennung ins Auge zu fassen.

Aber selbst hier gibt es eine Chance: So begreifen manche ignorante Menschen erst nach einer Trennung, dass es das Gegenüber ernst gemeint hat, und sind dann wirklich bereit, umzudenken, und eine ehrliche Kommunikation mit Konsens und Fairness zu beginnen. Diese Entwicklung ist allerdings nicht vorhersehbar, weswegen eine „strategische Trennung“, die zum Ziel hat, das Gegenüber „wachzurütteln“, eine ganz blöde Idee ist. Der Schuss kann nämlich nach hinten losgehen: Eine unvorhergesehene Trennung kann das Gegenüber emotional so verletzen, dass nicht mehr genügend Vertrauen für einen erneuten Beziehungbeginn, geschweige denn die Bearbeitung der gemeinsamen Probleme übrig bleibt.

Eine Trennung muss allerdings nicht die völlige Aufgabe aller verbindender Näheebenen, und somit den Absturz auf Ebene 2 oder sogar Ebene 1 bedeuten. Das Paar im obigen Beispiel hat ein funktionierendes gemeinsames Projekt – die gemeinsame Kindererziehung. Das Problem ist lediglich die Identifikation als Paar, das einen automatischen unbewussten Wunsch nach einer stabilen Ebene 6 aufrecht erhält und dadurch einen instabilen Zwischenzustand produziert. Entscheiden sich die Menschen in einer De-facto-Trennung für eine andere, ehrliche Bezeichnung, zum Beispiel „Eltern-WG“ anstatt „Paar“, auch öffentlich gegenüber fremden Menschen, entfernt dies mit dem Wort auch den automatischen unbewussten Wunsch, und die Beteiligten können mit dem arbeiten, was tatsächlich zwischen ihnen vorhanden ist, und auf einer niedrigeren Näheebene einen stabilen, energiegebenden Zustand herstellen.

Aber Achtung: Einfach nur Umbenennen funktioniert nicht! Die niedrigere Nähebene ist nur dann stabil, wenn:

  • alle Beteiligten den emotionalen Schmerz über den unerfüllten Nähewunsch emotional verarbeitet haben, und
  • auch in Zukunft alle Interessen und Handlungen einer höheren, unpassenden Ebene vermeiden.

Die neue, stabile Ebene kann dann so aussehen: Die ehemaligen Beziehungsparter bleiben mit getrennten Schlafzimmern als Eltern-WG zusammen wohnen oder ein Elternteil zieht aus. Das gemeinsame Projekt ist die liebevolle Erziehung und Begleitung der Kinder ins Erwachsenenalter. Eventuell beginnen die betreffenden Menschen dann mit einem anderen Menschen eine neue Liebesbeziehung.

Die Näheskala
Beziehungsform Gemeinsames Interesse Handlungen
6
(inkludiert 3, 4 und 5 immer)
Liebesbeziehung Leben teilen Schmusen, Küssen,
Lang umarmen,
Gemeinsam schlafen, Kuscheln
5
(kann 3 und 4 inkludieren,
muss aber nicht)
Freundschaft Wie geht es dir/uns?
Wer ist der_die Andere?
Reden (tief), Unternehmungen,
Nacht durchquatschen,
Probleme anschauen
4
(kann 3 inkludieren,
muss aber nicht)
Bekanntschaft Interessante Themen,
Hobbys, Projekte
Gemeinsame Projekte vorantreiben,
Selbsterfahrung
3
(schließt 1 und 2 aus)
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