Begriffe der Poly-Szene – Teil 1/2: Beziehungsstrukturen

Die Poly-Szene hat wie jede alternative Szene eigene Worte hervorgebracht, um neue Phänomene innerhalb der Szene zu beschreiben. Die wichtigsten darunter sind in dieser Artikelreihe aufgelistet. Das Vorhandensein eines Begriffs sagt noch nichts über seine Funktionalität aus. So hat die Poly-Szene durchaus für krankmachende Verhaltensweisen neue Begriffe erfunden (so wie Kuschelhaufen). Einige der Begriffe, die ich hier erkläre, werden zwar von der Poly-Szene verwendet, sind aber ebenso für gesunde, funktionierende Polyamorie anwendbar.

Die Vorlage der Mehrheitskultur, also des Hetero-Mainstreams, ist, dass eine Liebesbeziehung aus zwei Menschen besteht. Das spiegelt die Sprache wider: Für Bekannte und Freunde gibt es unbestimmte Mehrzahlworte (wie Bekanntenkreis oder Freundeskreis), die Begriffe Paar oder Pärchen weisen hingegen auf die Zahl Zwei hin (ein Paar Schuhe = zwei Schuhe), genauso wie der Begriff Zweierbeziehung.

Polyamorie hingegen ist dadurch definiert, dass eben mehr als zwei Menschen auf der Ebene Liebe miteinander involviert sind. Da unsere bisherige Sprache dafür keine Bilder hat, braucht es für diese Art von Beziehung neue Begriffe. Für ein Beziehungsgeflecht von mehr als zwei Menschen wurde dafür aus der Chemie das Molekül entlehnt: So entstand polycule aus Überschneidung zwischen polyamory und molecule. Dessen deutsche Entsprechung ist analog dazu Polykül.

Sobald mehr als zwei Menschen auf der Ebene Liebe verbunden sind, steigt auch die Komplexität – und zwar mit jedem weiteren Menschen um einen bestimmten Faktor. Der Vergleich mit einem Molekül ist daher passend: Ebenso wie in der Chemie alles auf die nächste stabile Einheit mit dem geringsten Aufwand zurückfällt, orientieren sich Polyküle an der geringsten Komplexität: Diese ist gegeben, wenn drei Menschen miteinander die Ebene Liebe teilen. Daher bilden sich die häufigsten längerfristig stabilen Polyküle aus drei Menschen. Ein Polykül zu dritt kann in zwei verschiedenen Varianten auftreten; diese werden dann nach ihrer sichtbaren Struktur benannt.

Nachfolgend stehen die Buchstaben für die beteiligten Menschen und die Linien mit Herz für das Vorhandensein einer Liebesbeziehung:

 

Triade

Eine Triade oder poly triad bezeichnet ein geschlossenes Dreieck mit den jeweiligen Liebesbeziehungen A+B, B+C, A+C. Ein weiterer Begriff ist throuple, eine Kombination von three (= engl. drei) und couple (= engl. Paar), den Maitri, Nemo und ich allerdings aufgrund der Aussprache schrecklich finden.

V

Ein V oder vee enthält Liebesbeziehungen zwischen A+B, B+C, aber nicht A+C. Für das Verhältnis zwischen Mensch A und Mensch C wurde der Begriff metamour erfunden: über eine Meta-Ebene (lateinisch meta = zwischen), in diesem Fall Mensch B, verbundene Menschen (französisch amours = Liebende). Welche Nähe die Metamours zueinander haben, ist bis auf “keine Liebesbeziehung” nicht definiert und unterscheidet sich im Einzelfall: Das Spektrum reicht von der besten Freundschaft bis zu sich kaum zu kennen.

Für alle Konstellationen, die aus mehr als drei Menschen bestehen, gibt es außer dem Oberbegriff Polykül keine speziellen Begriffe, zumindest keine mir bekannten. Allerdings gibt es die Tendenz, das eigene Polykül dem symbolischen Aussehen nach mit einem “eckigen” Buchstaben im lateinischen oder griechischen Alphabet zu benennen.

Begriffe der Poly-Szene – Teil 2/2: Was ist eine Nebenbeziehung?

Die Poly-Szene behauptet, dass es zwei verschiedene Grundarten von Liebesbeziehungen gäbe:

  1. Die beteiligten Menschen haben untereinander die gleichen Rechte: Sie sind beim Mitspracherecht über Lebensentscheidungen, wie die gemeinsame Sexualität oder den Wohnort, gleichgestellt.

Parallel zu diesem verbreiteten und funktionierenden Konzept hat die Poly-Szene eine neue Art von Beziehung erfunden:

  1. Die beteiligten Menschen haben zwar eine romantische Verbindung, sind aber bei Lebens- und anderen die Beziehung betreffenden Entscheidungen nicht gleichberechtigt.

Wenn ein Mensch beide Varianten gleichzeitig lebt oder anstrebt, wird diese Lebensweise hierarchische Polyamorie genannt, und die Beziehungsarten durch verschiedene Begriffe gekennzeichnet:

  • Gleichberechtigte Beziehungen werden Hauptbeziehung, Hauptpartnerschaft oder engl. primary, im Plural primaries genannt.
  • Romantische Verbindungen, denen relativ dazu weniger Rechte eingeräumt werden, werden Nebenbeziehung, Satellit oder engl. secondary, im Plural secondaries genannt.

Eine Nebenbeziehung kann sich durch entweder einige oder alle der folgenden Punkte von einer Hauptbeziehung unterscheiden:

  • Bei beruflichen, familiären oder öffentlichen Anlässen tritt nur die Hauptbeziehung als sichtbares Paar auf – die Nebenbeziehung soll Nähehandlungen unterlassen, und nur ausgewählten Menschen oder sogar niemandem die wirkliche Situation zeigen. Eine häufige Variante ist, dass die Nebenbeziehung schauspielern muss, ein Familienmitglied oder nur eine gute Freundschaft des_der Partner_in zu sein.
  • Das Hauptbeziehungspaar ist bereits im Sprachgebrauch “das Pärchen”, “Wir” oder “Unsere Beziehung”. Die Nebenbeziehung darf diese Bezeichnungen für die eigene Verbindung nicht verwenden, sondern muss immer als Einzelperson dem Hauptbeziehungspaar als Einheit gegenüberstehen. Das begünstigt, dass “das Pärchen” dann bei einem Streit gegen die Nebenbeziehung zusammenhält.
  • Bei Treffen und Zeitvereinbarungen will das Hauptbeziehungspaar alleine darüber entscheiden, wann die Nebenbeziehung wie die eigene Zeit mit Partner_in verbringt. Der Nebenbeziehung wird dann nur ein Ja oder Nein zu vollendeten Tatsachen zugestanden.
  • Das Hauptbeziehungspaar trifft sich jederzeit privat zu zweit, während die Nebenbeziehung jede Pärchenzeit beantragen muss, und dann nur Zeit zu dritt oder Zeit zu zweit mit vielen Ge- und Verboten zur Auswahl hat. Ist sie mit den Vorgaben nicht einverstanden, bekommt sie eben gar keine gemeinsame Zeit, egal welche Bedürfnisse sie gerade hätte.
  • Während das Hauptbeziehungspaar gemeinsam Zukunftspläne schmiedet, hat die Nebenbeziehung dazu keinerlei Mitspracherecht und auch keine Aussicht darauf, solches jemals zu bekommen. Sie muss sich bei Umzug, Jobwechsel, Kinderwunsch des_r Partner_in widerspruchslos den neuen Gegebenheiten fügen.

Die dominante Argumentation innerhalb der Diskussion der Poly-Szene lautet, dass eine Nebenbeziehung gut geeignet wäre, um die individuellen Bedürfnisse und die freie Entfaltung aller Beteiligten zu garantieren, da die Beteiligten die Wünsche des Gegenübers weniger berücksichtigen müssen, und im Zweifelsfall den eigenen Wünschen ohne Diskussion Vorrang geben können. Diese Denkweise teile ich als Ex-Szenegängerin absolut nicht. Vereinzelte Stimmen innerhalb der Poly-Szene sind mit dem Dogma ebenfalls nicht einverstanden. Am besten dargestellt ist meine Kritik folgendermaßen:

Poly bed: Secondaries sleep on the bottom row.
(Das Bett für Polys: Nebenbeziehungen schlafen unten.)

Source:
Unlimited Furniture (2013) Grandioso Bed [Online]. Available at https://www.unlimitedfurnituregroup.com/grandioso-bed-contemporary-bed.html
(Accessed 17 May 2018).

Es beschreibt eine realistische Situation in einem Polykül, das aus mindestens einer Haupt- und einer Nebenbeziehung (= engl. secondary) besteht. Die Menschen, die zueinander die Hauptbeziehung sind, kuscheln oben im gemeinsamen Bett. Im häufigsten Fall ist dies das chronologisch älteste Paar des Polyküls, das ich das Ursprungspaar nenne. Die Nebenbeziehung(en) müssen alleine schlafen oder darauf warten, bis das Hauptpaar fertig ist, damit sie dann drankommen. Die räumliche Entfernung ist dabei egal: Ob Haupt- und Nebenbeziehung(en) nur durch ein Bett oder eine andere Stadt getrennt sind hat, auf das Szenario und seine Folgen keinen Einfluss.

Nun stelle ich mir vor, dass eine solche Situation nicht unbedingt zur allgemeinen Entspannung beiträgt. Das Hauptpaar möchte sich aufeinander einlassen, wird aber durch die ungute Situation mit wartenden Menschen abgelenkt. Die Nebenbeziehung(en) möchte(n) ebenfalls liebevolle Aufmerksamkeit, Sex und Gespräche mit ihrer jeweiligen Beziehung teilen, müssen dabei aber ständig die Wünsche der Hauptmenschen vor den eigenen einkalkulieren.

In dieser Situation sind mehrere Konflikte vorprogrammiert:

  • Zwischen den Menschen, die in Hauptbeziehung zueinander stehen:
    Eine_r will mehr Zeit mit (dem) Menschen in Nebenbeziehung verbringen, als dem Gegenüber in Hauptbeziehung Recht ist.
  • Zwischen einer Nebenbeziehung und Beziehungspartner_in, dier mit jemand Anderem eine Hauptbeziehung hat:
    Wenn die Nebenbeziehung Nähewünsche hat, die über die individuell vereinbarten Grenzen zur Hauptbeziehung hinausgehen und daher das ganze hierarchische Konzept angepasst werden muss/müsste.
  • Und, am schlimmsten, in einem Polykül mit Metamours zwischen ebenjenen:
    Ist ein Metamour eine Nebenbeziehung, der_die andere aber die Hauptbeziehung, schafft dies ein Potential für Machtspiele, wie den gemeinsamen Menschen als emotionale Erpressung gegenüber dem_der Anderen einzusetzen. Solange der gemeinsame Mensch ebenso tickt, spielt sier wahrscheinlich sogar mit, solange sier davon einen Vorteil hat.

Das gesamte Konfliktpotential staut sich über Zeit auf und entlädt sich immer wieder in Streitgesprächen oder Handlungen, die die Grenzen von mindestens einem Menschen überfahren. Falls sich die beteiligten Menschen “der Poly-Idee verpflichtet fühlen”, können diese Streitsituationen in sogenannte Prozesse münden. Das bedeutet, dass alle Beteiligten untereinander über ihre individuellen Bedürfnisse und Wünsche an ihre Gegenüber reden und versuchen, eine gemeinsame zufriedenstellende Lösung für alle zu finden.

Diese Kommunikationsmethode ist grundsätzlich sehr nützlich und hat als gesundes Element wohl eher zufällig in die Ideologie der Poly-Szene Eingang gefunden. Wenn richtig angewandt (!), ist sie nämlich eine empfehlenswerte Konfliktbearbeitungsstrategie für alle Liebesbeziehungen, egal ob zu zweit oder zu mehrt. Sie steht und fällt allerdings mit einem einzigen, entscheidenden Faktor: Sie muss tatsächlich von allen Beteiligten für alle Beteiligten lösungsorientiert (und nicht für den eigenen Vorteil um jeden Preis!) geführt werden.

Leider können viele Menschen nicht zwischen lösungsorientierter Kommunikation und Kontrollspielen bestimmter Personen oder Gruppen unterscheiden, weil sie es nie gelernt haben. Als Folge davon beherrschen die meisten Menschen in der Poly-Szene diese Kommunikationsmethode genausowenig wie Menschen im Hetero-Mainstream.

Daher wird in solchen Prozessen oft im Kreis prozessiert: Da die Kommunikation kaum lösungsorientiert geführt wird, einigen sich alle Beteiligten nur auf geringfügige Änderungen, sind aber nicht fähig, den Ursprung des Konflikts zu sehen oder anzuerkennen. Es wird sozusagen nur die Pflanze zurechtgestutzt, nicht aber die faulen Stellen an der Wurzel dieser Pflanze entfernt. Diese Vorgangsweise produziert früher oder später wieder die gleichen oder ähnliche Konflikte, die wieder Streit verursachen, usw.

Daraus ergibt sich eine Situation, die überwiegend die Energie der beteiligten Menschen frisst: Ein ständig darunterliegender Konflikt sowie immer wieder Streitgespräche und/oder Prozesse ohne Ende in Sicht laugen alle beteiligten Menschen aus – ein Erkennungsmerkmal eines instabilen Zwischenzustands auf der Näheskala.

Weitere Einsichten gewann ich durch meine persönliche Geschichte mit meiner Triade:

Als ich frisch sowohl mit Nemo als auch mit Maitri zusammengekommen war, glaubten wir alle noch ein bisschen an das Konzept einer Nebenbeziehung und dass dieses für mich passen könnte. Es fühlte sich allerdings emotional nicht ausgeglichen an, alleine in meinem WG-Zimmer zu übernachten, während Nemo und Maitri zusammenwohnten und sich jeden Tag sehen konnten. Ebenso wollte keine_r von uns den_die Andere aussperren oder aus dem Bett vertreiben, wenn ein_e Dritt_e gerade gerne Sex, liebevolle Aufmerksamkeit oder Kuscheln brauchte.

Nach zwei Monaten warfen wir auch explizit das Konzept der Nebenbeziehung über Bord und führten auch offiziell gleichberechtigtes Mitspracherecht und gleichlautende Vereinbarungen für alle Beteiligten ein. Von einem Hetero-Freund, mit dem ich bis dahin noch eine lose nebenbeziehungsartige Verbindung unterhalten hatte, trennte ich mich an diesem Punkt. Der Trennungsgrund war allerdings schon länger andauernde grobe persönliche Differenzen wegen seines ignoranten und unfairen Verhaltens. Im Nachhinein bin ich froh, dass diese Verbindung bereits vor Nemo und Maitri so dysfunktional war, denn mit einem netten Menschen an meiner Seite hätte es keine akute Notwendigkeit gegeben, die unbewussten Dynamiken rund um eine Nebenbeziehung zu durchschauen. Nach drei Monaten zog ich mit Nemo und Maitri zusammen.

Ich schließe daraus, dass die Idee einer Nebenbeziehung an sich, als auch das Konzept über Haupt- und Nebenbeziehungen, also hierarchische Polyamorie, kein gesundes und funktionierendes Modell über romantische Beziehungen ist.

Im Gegenteil – es scheint sich, einem freud’schen Tippfehler von mir zufolge, eher um “hierarschische” Polyamorie zu handeln.